Zähne - © Illustration: Rainer Messerklinger

Porträt meiner Zähne

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Wie mein Mund zu einem Trümmerhaufen wurde - und was dagegen half.

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Wie mein Mund zu einem Trümmerhaufen wurde - und was dagegen half.

Meine Zahnärztin hat den Krieg ungeschehen gemacht. Es war ein heißer Tag im Juli vor drei Jahren, als ich das erste Mal zu ihr kam. Mein Mund war ein Trümmerhaufen, den es aufzubauen galt. Wie ein zerbombtes Land. Die Zähne wie winzige Häuschen mit Einschuss­löchern. Und egal, wo man eingriff, überall Blut. Diese winzigen Häuser erzählten von der Vergangenheit, von Krieg und Verdrängung. Die Zahnärztin konnte aus meinen Zähnen wie aus Büchern lesen. Sie ahnte, dass etwas nicht stimmte. Meine Zähne, diese verfallenen Erinnerungen, ich wollte sie weghaben, reparieren, in Ordnung bringen. Die Ärztin bemitleidete mich mit jeder weiteren Wurzelbehandlung. Schließlich waren meine Zähne das Ergebnis vieler Brüche in meiner Kindheit.

Einmal kam ihre Mundhygienikerin zu mir, eine gebürtige Rumänin. Sie blickte in meinen Mund, sah die vielen Plomben und Lücken und schwieg für eine Weile. Auch sie konnte aus meinen Zähnen lesen. Doch sie las etwas anderes, etwas Schönes he­raus. Ob ich in meiner Kindheit viel Süßes zu essen bekam, fragte sie mich. Ich verneinte. Doch ihr konnte ich nichts vormachen. Sie kannte die südosteuropäischen Süßspeisen, ihre Zutaten, ihre Rezepturen. Wir sahen einander an, und ich begann zu erzählen. Täglich gab uns unsere Großmutter ein zuckriges Gemisch zu trinken, das wir Kinder mućeno jaje (dt. „Rührei“) nannten. Sie gab sechs Eier gemeinsam mit sechs gehäuften Esslöffeln Zucker in einen Behälter und schäumte diese mit dem Mixer auf.

Dieses Zuckergetränk war wohl die Wurzel meiner Probleme. Wenn ich heute vor dem Spiegel stehe und meine Zähne betrachte, muss ich lachen: Das „Rührei“ hat ganze Arbeit geleistet. Nach Jahren sind die zerbombten Häuser in meinem Mund nun weißen Neubauten gewichen. Die Erinnerung an Omas Süßspeise möchte ich aber nicht missen. Ein paar Sitzungen noch, dann wird der Krieg endgültig aus meinem Mund verschwunden sein. Wenn sich nur alles so leicht reparieren ließe.

FURCHE-Redakteurin Manuela Tomic ist in Sarajevo geboren und in Kärnten aufgewachsen. In ihrem Newsletter „mozaik“ schreibt sie über Kultur, Identität und die Frage, was uns verbindet (abonnieren unter: http://furche.at/newsletter). In dieser Kolumne können Sie ihre Texte von Beginn an nachlesen.

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