Ricardo Loewe  - © Foto: Radiofabrik

Der Unersetzliche: Erinnerung an Ricardo Loewe

19451960198020002020

Ein richtiges Leben im falschen führen: Wie das geht, hat Ricardo Loewe (1941–2022) vorgemacht. Ein Nachruf auf den austro-mexikanischen Arzt und Menschenrechtsaktivisten.

19451960198020002020

Ein richtiges Leben im falschen führen: Wie das geht, hat Ricardo Loewe (1941–2022) vorgemacht. Ein Nachruf auf den austro-mexikanischen Arzt und Menschenrechtsaktivisten.

Unter den vielen Brecht-Zitaten gibt es eines, das in Lateinamerika viel populärer ist als bei uns und Menschen würdigt, die gegen Unrecht kämpfen: einen Tag, ein Jahr, viele Jahre. Das seien die Guten, die Besseren, die sehr Guten. Aber es gibt Menschen, die kämpfen ihr Leben lang: / Das sind die Unersetzlichen.

Ricardo Loewe, der am 9. November in Wien verstorben ist, war einer dieser Unersetzlichen, und deshalb trauern nicht nur seine Frau Franziska und sein Sohn Andrés um ihn, sondern auch seine vielen „Haberer“ (ein Austriazismus, den er in jede Rede einflocht) – drüben in Mexiko, wo er 1941 geboren wurde und den größten Teil seines Lebens verbracht hat, und hüben in Österreich, das ihm dank seiner Frau zur späten Wahlheimat wurde, auch wenn er bis zum Ausbruch seiner tödlichen Krankheit zwischen beiden Ländern gependelt ist. Aus Wien stammte seine Mutter Liesl Deutsch, der 1939 die Flucht nach Mexiko gelang, aus Frankfurt sein Vater Paul Loewe, der schon fünf Jahre zuvor dem Naziterror entkommen war. Obwohl das Trauma der erlittenen Verfolgung in der Familie spürbar war, erfuhr Ricardo erst mit 16 von seiner jüdischen Herkunft. Er verdrängte sie nicht, sah aber keinen Anlass, sich deshalb religiös oder national zu positionieren. Hingegen erkannte er, dass in Mexiko nicht die Flüchtlinge aus Europa diskriminiert wurden, sondern die indigenen Völker. „Wir durften uns in Gruppen zusammenschließen, unsere Sprache sprechen und unseren Glauben bekennen. Ein Privileg, das der Urbevölkerung nicht zustand und auch heute noch nicht zusteht.“

Schon während des Medizinstudiums erkannte Ricardo Loewe die Unzulänglichkeit des staatlichen Ge­sundheitswesens. Aber letztlich waren es zwei Erlebnisse, die ihn geprägt und radikalisiert haben. Zum einen der Überfall auf ein Spital durch das Militär, das sogar in die Operationssäle eindrang, zum anderen eine Fahrzeugkontrolle, bei der ein Soldat die Mündung seines ungesicherten Gewehrs auf ihn richtete. Die dritte Erfahrung blieb ihm durch Zufall erspart: das Massaker von Tlatelolco am 2. Oktober 1968, bei dem hunderte Studenten von Polizei und Militär verschleppt und ermordet wurden. Es war der Anfang vom Ende der mexikanischen Einparteienherrschaft, die sich zur Militärdiktatur entwickeln sollte.

Kampf im Untergrund

Das Landhaus seiner Eltern in Tepoztlán, 75 Kilometer südlich der Hauptstadt, wandelte Ricardo ­Loewe zu einer clínica popular um, einer Ambulanz für Arme, hauptsächlich Indigene, die sich keine ärztliche Behandlung leisten konnten. Zusätzlich bildete er Gesundheitspromotoren aus, die ihrerseits in ganz Mexiko aktiv wurden. Dabei arbeitete er eng mit befreiungstheologischen Basisgemeinden zusammen, deren Mut und Beständigkeit ihn tief beeindruckt haben. Es war ihm, dem Atheisten mit jüdischen Wurzeln, eine besondere Genugtuung, von den katholischen Katechisten, Nonnen und Priestern als Bruder anerkannt zu werden.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau