Bonafini - © Foto: APA / AFP / Eitan Abramovich

Hebe de Bonafini: Die Mutter der Plaza de Mayo

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Die argentinische Menschenrechtlerin Hebe de Bonafini ist mit 93 Jahren verstorben.

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Die argentinische Menschenrechtlerin Hebe de Bonafini ist mit 93 Jahren verstorben.

„Liebste Hebe, Mutter der Plaza de Mayo, weltweites Symbol für den Kampf um die Menschenrechte, Stolz Argentiniens. Gott hat dich am Tag der Nationalen Souveränität zu sich gerufen – das kann kein Zufall sein“, schrieb die argentinische Vizepräsidentin Cristina Kirchner vor wenigen Tagen auf Twitter. Kirchner würdigt damit niemand Geringeren als die Menschenrechtlerin Hebe de Bonafini.

Eigentlich wollte Bonafini immer nur Hausfrau und Mutter sein, doch die Verbrechen der argentinischen Militärdiktatur machten sie zu einer der bekanntesten Menschenrechtsaktivistinnen der Welt. Nachdem ihre beiden Söhne und ihre Schwiegertochter von den Militärs verschleppt worden waren, gründete sie 1977 mit anderen Frauen die Organisation „Madres de Plaza de Mayo“ (Mütter des Platzes der Mairevolution). Jeden Donnerstag demonstrierten sie mit weißen Kopftüchern auf dem Platz vor dem Regierungspalast im Zentrum von Buenos Aires und forderten Aufklärung über das Schicksal ihrer Kinder. Bonafini stammte aus einfachen Verhältnissen und interessierte sich eigenen Angaben nach nie für Politik. Ihre Söhne hingegen schlossen sich in den 1970er Jahren der Studentenbewegung an und gerieten nach dem Putsch ins Visier der neuen Machthaber.

Bonafinis ältester Sohn wurde auf einer Polizeiwache gefoltert und ermordet. Ihr jüngerer Sohn verhungerte und verdurstete im Geheimgefängnis „La Cacha“. Ihre Schwiegertochter wurde erschossen. Bonafini sagte mehrfach, dass sie den Tätern niemals verzeihen werde. Nach dem Ende der Militärdiktatur, die sich von 1976 bis 1983 erstreckte, setzten sich die „Madres de Plaza de Mayo“ zunächst vor allem für die strafrechtliche Aufarbeitung der verübten Verbrechen und das Gedenken an die Opfer ein. Später bezogen sie auch zu anderen gesellschaftspolitischen Themen Stellung. Das führte zur Abspaltung der „Línea Fundadora“ (Gründerinnenlinie), die diese politische Positionierung ablehnt und sich als reine Menschenrechtsgruppe versteht. Wegen ihres autoritären Führungsstils und umstrittener Aussagen geriet Bonafini immer wieder in Kritik. So rechtfertigte sie die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001, unterstützte die Diktatur auf Kuba und galt als Sympathisantin der linken kolumbianischen Guerillaorganisation FARC. Während der Amtszeit von Néstor Kirchner und Cristina Fernández de Kirchner Anfang der 2000er Jahre unterhielt Bonafini enge Beziehungen zur Regierung. Später wurde gegen sie wegen mutmaßlicher Veruntreuung von Millionenbeträgen beim Bau von Sozialwohnungen ermittelt. Dennoch blieb sie das Gesicht jener Mütter, die ihre Söhne und Töchter in der argentinischen Militärdiktatur auf brutalste Weise verloren haben – und somit auch eine wichtige Symbolfigur Argentiniens.

Auch Papst Franziskus würdigte Bonafini: Sie habe „ihr Leben, das vom Schmerz über ihre verschwundenen Söhne und Töchter geprägt war, in eine unermüdliche Suche nach dem Schutz der am meisten Ausgegrenzten und Vergessenen verwandelt“ und „in Zeiten, in denen Schweigen herrschte“, die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit am Leben erhalten, so der Papst. Bonafini ist am Sonntag kurz vor ihrem 94. Geburtstag gestorben. Sie bleibt wohl auch nach ihrem Tod das Gesicht des zivilen Widerstands gegen die Militärdiktatur in Argentinien, der zehntausende Menschen zum Opfer fielen.

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