Straub - © Foto: Imago / United Archive

Nachruf auf Jean Marie Straub: Eine rigorose Handschrift

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Mit Jean-Marie Straub ist eine wesentliche Säule des französischen Kinos verstummt.

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Mit Jean-Marie Straub ist eine wesentliche Säule des französischen Kinos verstummt.

Es gibt im Werk von Jean-Marie Straub und seiner 2006 verstorbenen Partnerin Danièle Huillet einige wichtige Konstanten, die dem Paar viel Bewunderung eingebracht haben: Straub und Huillet, das war die Antithese zum bombastischen Erzählkino aus Hollywood: Das Paar, immer wieder zu Gast bei den Viennalen von Hans Hurch, widersetzte sich standhaft dem Kommerz und den meisten erzählerischen Konventionen und schlug so eine ganz eigene Fährte im Kino des 20. Jahrhunderts ein, weil es auf Überflüssiges verzichtete und auf das Wesentliche fokussierte.

Die Filme von Straub und Huillet, die oftmals mit Laiendarstellern entstanden, scheuten das Spektakel und priesen die Einfachheit. Ihr Kino ist zutiefst politisch, aber niemals Propaganda. Jean-Marie Straub ist jetzt, 16 Jahre nach seiner Partnerin, im Alter von 89 Jahren in der Schweiz gestorben. Mit ihm geht ein Stück Filmgeschichte zu Ende, das 1963 mit dem antimilitaristischen Kurzfilm „Machorka-Muff“ und mit dem ersten Langfilm „Chronik der Anna Magdalena Bach“ (1967) begann. Ihre Filme standen oft im Dienste der Literatur, des Theaters, der Musik und der Malerei und sind eigenwillige Neuinterpretationen von bedeutenden Persönlichkeiten wie Bach, Kafka, Brecht, Engels, Cézanne oder D. W. Griffith und vielen anderen, die alle einer strengen Ethik des Blicks verpflichtet waren.

„Die Augen wollen sich nicht zu jeder Zeit schließen oder Vielleicht eines Tages wird Rom sich erlauben seinerseits zu wählen“ war 1970 Inbegriff für die Überhöhung von Schauspiel und Dramaturgie: Als alte Römer verkleidete Darsteller rezitierten das Theaterstück „Othon“ von Pierre Corneille vor der Kulisse des modernen Rom. Es ist eine rigorose Künstlichkeit, die nicht nur diesem Film eingeschrieben ist, sondern das Werk des Paares kennzeichnete. Ihre spröde Art, Geschichten zu erzählen, findet bis heute Nachahmer und inspiriert Filmemacher. Mit Jean-Marie Straub ist eine wesentliche Säule des französischen Kinos verstummt. Das Werk aber bleibt, zu sehen in den wichtigsten Museen der Welt, vom MoMa bis zum Centre Pompidou

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