Penderecki - © Foto: APA / AFP / Janek Skarzynski

Wurzeln darf man nicht vergessen

Noch diesen Jänner war er, bereits von Krankheit gezeichnet, Gast bei einer ihm gewidmeten Personale des Tonhalle-Orches­ters Zürich. Vergangenen Sonntag ist der wohl bedeutendste polnische Komponist seit Frédéric Chopin in Krakau, wo er an der Musik­universität studierte, später lehrte und deren Rektor er war, 86-jährig verstorben. Begonnen hat Penderecki als Avantgardist. Mit der Uraufführung seines grafisch notierten Stücks „Anaklasis“ für Streicher und Schlagzeuggruppen 1960 bei den Donaueschinger Musiktagen machte er erstmals international auf sich aufmerksam. Erst recht mit seinem sechs Jahre später zum Tausend-Jahr-Jubiläum der Christianisierung ­Polens und der 700-Jahr-Feier des Doms zu Münster komponierten Lukas-Passion. Sie zeigt den gläubigen Katholiken schon auf dem Weg in Richtung Neoromantik.

Kritikern, darunter Komponistenkollegen wie Helmut Lachenmann, der ihn wegen seines Wandels zur Tonalität einen musikalischen Po­pu­listen zieh und ihn deshalb abschätzig als „Penderadetzky“ abtat, entgegnete er, dass er an Musik glaube, die Wurzeln habe: „Und die euro­päische Musik hat Wurzeln, die man nicht vergessen darf.“ Kein zufälliger Vergleich, denn Penderecki, der auch als ­Dozent an der Essener Folkwang-Hochschule wirkte und wiederholt als Dirigent nicht nur eigener Werke auftrat, besaß in seinem nahe Krakau gelegenen Landsitz in Lusławice einen ­mehrere hundert Bäume umfassenden Park. Im Übrigen wurde der gerne die Gunst der Morgenstunde nützende Komponist nie müde zu betonen, dass nicht er die ­Avantgarde verlassen, sondern diese die Musik verraten habe.

Ob er die Arbeit an seiner neunten Symphonie noch vollenden konnte, wissen wir nicht. Den Auftrag für eine neue Oper an der Wiener Staatsoper musste er zurücklegen. Neben Solokonzerten für Isaac Stern, Anne-Sophie ­Mutter oder Mstislaw Rostropowitsch, Kammermusik und Filmmusik hat ­Krzysztof Penderecki, dem stets wichtig war, dass seine Musik verstanden werde, auch Opern geschrieben, darunter den bei den Salzburger Festspielen 1986 mit großem Erfolg uraufgeführten Einakter „Die schwarze Maske“ nach Gerhart Hauptmann.

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