Samson - © Foto: Bild: Getty Images / ClassicStock / Sipley (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

Historiker und Nahostexperte Michael Wolffsohn: "Israel wird den Iran angreifen"

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Israel muss seine Militärdoktrin erweitern und wird den Iran angreifen, sagt der jüdische Historiker Michael Wolffsohn. Ein Gespräch über die „grölende Scheinelite“ an den US-amerikanischen Universitäten, antiisraelische Medien im Westen, die Feigheit der Liberalen und die Zukunft des Gazastreifens.

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Israel muss seine Militärdoktrin erweitern und wird den Iran angreifen, sagt der jüdische Historiker Michael Wolffsohn. Ein Gespräch über die „grölende Scheinelite“ an den US-amerikanischen Universitäten, antiisraelische Medien im Westen, die Feigheit der Liberalen und die Zukunft des Gazastreifens.

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Michael Wolffsohn gilt als einer der renommiertesten deutschsprachigen Nahostexperten. 2018 wurde der Historiker und Publizist, der in Tel Aviv geboren wurde und in der israelischen Armee diente, mit dem Franz-Werfel-Menschenrechtspreis der „Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen“ ausgezeichnet. Im Interview geht er mit der westlichen Berichterstattung über Israel hart ins Gericht, erklärt, warum der Krieg mit und ohne Benjamin Netanjahu weitergehen wird und inwiefern er die internationale Gemeinschaft in die Pflicht nehmen würde.

DIE FURCHE: Herr Wolffsohn, der Krieg in Gaza, Unruhe im Westjordanland, ein aggressiver Iran und eine entlang unterschiedlicher Fragen zunehmend gespaltene Gesellschaft: Haben Sie den Staat Israel je in einer derart bedrohlichen Lage gesehen?
Michael Wolffsohn:
Man werfe die außen- und innenpolitischen Bedrohungen nicht in einen Topf. Beide sind existenziell, aber nur teilweise miteinander verwoben. Freilich behaupten viele, die Hamas und der Islamische Dschihad hätten am 7. Oktober 2023 ihre Mord- und Blutorgie gegen Israel gestartet, weil die innerisraelische Polarisierung so dramatisch war. Als ob jemand die Entscheidungsvorgänge der Hamas so genau kennt. Die innenpolitische Polarisierung zwischen Religiösen und Nichtreligiösen ist nicht neu. Weil die Religiösen inzwischen so zahlreich sind, greifen sie nach mehr Macht – und die Nichtreligiösen wehren sich. Ein normaler Vorgang in Demokratien. Der Kampf um oder gegen die starke Stellung des Obersten Gerichts ist auch kein allein israelisches Phänomen; Stichwort Polen, Ungarn oder auch die USA.

Projiziert und personalisiert werden alle innen- und außenpolitischen Probleme Israels auf eine Person: Benjamin Netanjahu. Für die einen ist er der Teufel, für die anderen der „König Israels“. Beides ist gleichermaßen übertrieben, entfaltet aber eine Eigendynamik. Sobald Netanjahu durch Wahlen oder parteiintern entmachtet ist, wird sich die innenpolitische Front beruhigen. Nicht aber die außenpolitische. Für die Hamas, den Islamischen Dschihad, die libanesische Hisbollah, Irans syrische Marionette Assad, die proiranischen Milizen im Irak und die Huthis im Jemen sowie vor allem deren Patron Iran ist jeder Israeli gleich verhasst. Israel kämpft daher derzeit an sieben Fronten: Gaza, Westjordanland, Libanon, Syrien, Irak, Jemen, Iran. Es geht um Sein oder Nichtsein. Ja, daher ist Israels Lage so bedrohlich wie 1948, zur Staatsgründung. Mit einem fundamentalen Unterscheid, den die Feinde Israels offenbar vergessen.

DIE FURCHE: Worin liegt dieser Unterschied zu 1948?
Wolffsohn:
Israel besitzt Atomwaffen. Wenn Israel untergeht, geht der ganze Nahe Osten unter. Man nennt das den „SamsonEffekt“ – wie Samson im Alten Testament, der alle Philister mit in den Tod riss.

DIE FURCHE: Jetzt hat die Hisbollah im Libanon Israel auch noch mit großflächigen Raketenangriffen gedroht. Die israelische Armee hat ihrerseits einen Einsatzplan für eine mögliche Offensive im Libanon genehmigt. Droht eine weitere Eskalation an Israels Nordgrenze?
Wolffsohn:
Ja, wenn die im Auftrag des Iran angreifende Hisbollah nicht sehr bald die Bombardierungen Nordisraels einstellt. Der Norden Israels ist nämlich fast vollständig evakuiert. Es gibt ihn nur noch geografisch.

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