Othmar Karas - © Foto: Mirjam Reither

Othmar Karas: "Die Mitte hat versagt"

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Der scheidende Erste Vizepräsident des Europäischen Parlaments, Othmar Karas, über den rechten Höhenflug, die Migrationsfrage, den Renaturierungs-Zwist und „mangelnde Ehrlichkeit“ seiner Partei.

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Der scheidende Erste Vizepräsident des Europäischen Parlaments, Othmar Karas, über den rechten Höhenflug, die Migrationsfrage, den Renaturierungs-Zwist und „mangelnde Ehrlichkeit“ seiner Partei.

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Es war 1999, also Othmar Karas für die ÖVP ins Europa-Parlament einzog. Von seiner Partei hat er sich entfremdet, im Parlament avancierte er bis zum Ersten Vizepräsidenten. Zum Abschied hat der 66-Jährige im Haus der Europäischen Union in der Wiener Wipplingerstraße mit der FURCHE gesprochen.

DIE FURCHE: Herr Karas, rechte Parteien waren die Gewinner der jüngsten EU-Wahlen. In vielen Staaten – darunter Frankreich – scheint die extreme Rechte zur neuen Volkspartei geworden zu sein. Wie konnte es dazu kommen?
Othmar Karas: Dazu muss man definieren, was man unter einer Volkspartei versteht. Nach meinem Politikverständnis ist eine Volkspartei eine Integrationspartei, die den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft zum Ziel hat. In diesem Sinne können Extreme nie Volksparteien werden, sie sind vielmehr polarisierende Spaltungsparteien, weil sie nicht an Lösungen für die Probleme der Menschen arbeiten, sondern sie nur benutzen. Insofern sind sie leider immer auch ein Produkt des Versagens der Mitte.

Auch Frau Le Pen, die ich aus dem Europaparlament kenne, ist ein Produkt des gescheiterten Macronismus. Hier fällt mir ein Spruch ein: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Nur hat Herr Macron diese Grube der Europäischen Union als Ganzes gegraben. Und auch wenn der Rechtsdurchmarsch nicht in ganz Europa geglückt ist, so machen mir die Entwicklungen in Frankreich, Deutschland, Österreich, Holland und der Slowakei große Sorgen. Es liegt ausschließlich an der Mitte, sich nicht weiter mit Einzelinteressen zu beschäftigen und nach rechts oder links zu blinken, sondern wieder staatspolitisch das gemeinsame Ziel in den Blick zu nehmen – und den Extremen damit den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Da haben wir bisher in der Mitte versagt. Denn ein Großteil der Menschen will ja nicht mit den Extremen ideologisch im Bett liegen, sondern mit ihnen „gegen das System“ protestieren.

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