Über den Wolken CO₂-frei sein - Ohne massive Änderungen in der Luftfahrt lassen sich die Klimaschutzziele nicht erreichen. Verbesserungen sind in Sicht, doch noch lange bleibt klimaverträgliches Fliegen eine Utopie. - © iStock / Nicolas Jooris-Ancion (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

VCÖ-Verkehrsexperte Michael Schwendinger: „Fliegen muss teurer werden“

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Warum technologische Neuerungen nicht reichen – und Luftfahrtprivilegien endlich enden müssen: ein Experteninterview.

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Warum technologische Neuerungen nicht reichen – und Luftfahrtprivilegien endlich enden müssen: ein Experteninterview.

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Michael Schwendinger, Experte für Öffentlichen Verkehr, Sharing, Ökonomie und Ressourcen beim Verkehrsclub Österreich (VCÖ), zu billigen Fliegern, teuren Nachtzügen und Schnitzeln im Tank.

DIE FURCHE: Herr Schwendinger, die EU hat ein Maßnahmenpaket geschnürt, um die negativen Klimafolgen des Flugverkehrs zu verringern. Wie bewerten Sie diese Klimaschutzbemühungen?

Michael Schwendinger: Der Flugverkehr ist das mit Abstand energieintensivste Fortbewegungsmittel, außerdem steigt die Nachfrage nach Flugreisen extrem. Politik und Wirtschaft müssen hier – sowohl auf europäischer als auch globaler Ebene – aktiv werden und die Klimaverträglichkeit verbessern. Auch technologische Entwicklungen spielen eine Rolle, aber hier haben wir ein zeitliches Problem.

DIE FURCHE: Läuft uns die Zeit davon?

Schwendinger: Alle angekündigten Innovationen sind mit großen Fragezeichen versehen und könnten vielleicht – Achtung Konjunktiv! – erst ab Mitte der 2040er Jahre in einem relevanten Maßstab einsetzbar sein. Um das EU-Ziel der Klimaneutralität 2050 nur annähernd zu erreichen, ist das zu spät. Deshalb müssen wir im Flugverkehr vor allem bei der Nachfrage und beim Treibstoff ansetzen.

DIE FURCHE: Welche Treibstoffalternative hat für Sie das größte Potenzial?

Schwendinger: E-Kerosin, auch E-Fuels genannt, ist sicher die absehbar wichtigste technologische Möglichkeit, um in Richtung Klimaneutralität zu kommen. E-Kerosin wird durch Elektrolyse von Wasser zu Wasserstoff und die anschließende Umwandlung von Wasserstoff, ergänzt um CO₂ aus Industrieprozessen oder der Umgebungsluft, in synthetische Kraftstoffe hergestellt. Das kostet viel Energie, ist aber bilanziell CO₂-neutral; im Unterschied zu begrenzt verfügbaren Biokraftstoffen oder Altspeiseöl ist E-Kerosin – theoretisch – in ausreichenden Mengen herstellbar. Die TU Graz hat einmal ausgerechnet, wie viele Schnitzel gebraten werden müssen, um ausreichend Altspeiseöl zur Gewinnung von nachhaltigem Flugkraftstoff (SAF) für einen Linienflug von Wien nach New York und retour zu haben.

DIE FURCHE: Und, wie viel Schnitzel „frisst“ ein Transatlantikflug?

Schwendinger: Über eineMillion! Die rund 330 Passagiere dieses Linienflugs müssten also acht Jahre lang jeden Tag ein Schnitzel essen, damit ihre Maschine ausreichend Altspeiseöl als Kerosinersatz tanken kann. Daran sieht man: Diese SAFs werden in kleinerem Maßstab hilfreich, aber nicht die große Lösung sein. Gleichzeitig braucht aber die Herstellung der notwendigen Mengen von E-Kerosin einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Nachfrage nach synthetischen Kraftstoffen wird aber auch seitens anderer Verkehrsbereiche – etwa der Schifffahrt – und der Industrie massiv steigen. Es ist jetzt schon absehbar, dass wir hier auf eine starke Nutzungskonkurrenz zusteuern. Mit den prognostizierten Wachstumsraten im Flugverkehr wird sich ein Weiter-wie-bisher schlicht und ergreifend nicht ausgehen.

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