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"140 Morde auf 100.000 Einwohner in Medellin"

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Kolumbianer gestand vorige Woche, 140 Kinder ermordet zu haben. Diese Mordserie ist jedoch nur ein Teil der allgegenwärtigen Gewalt in Kolumbien. Morde gehören nämlich zum Alltag in diesem leidgeprüften Land, in dem man um einige Dollars Mörder dingen kann, wie Jorge Salazar - selbst Opfer einer Entführung - im folgenden Gespräch erklärt.

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Ein Kolumbianer gestand vorige Woche, 140 Kinder ermordet zu haben. Diese Mordserie ist jedoch nur ein Teil der allgegenwärtigen Gewalt in Kolumbien. Morde gehören nämlich zum Alltag in diesem leidgeprüften Land, in dem man um einige Dollars Mörder dingen kann, wie Jorge Salazar - selbst Opfer einer Entführung - im folgenden Gespräch erklärt.

dieFurche: Was macht das "Instituto Popular de Capacitacion" (IPC), diese Bildungs- und Menschenrechtseinrichtung in Medellin, für die Paramilitärs so gefährlich, daß man vier Mitarbeiter des Instituts, darunter auch Sie entführt und wochenlang festgehalten hat?

Jorge Salazar: Das Institut ist vor allem durch seine Menschenrechtsarbeit bekannt. Jedes Jahr veranstalten wir eine Woche der Menschenrechte. Auf einer Pressekonferenz stellen wir dann unsere jüngste Studie über die Entwicklung auf diesem Gebiet vor. Ich glaube, das ist einer der Punkte, weswegen wir Schwierigkeiten bekommen. In Medellin kommen 140 Morde auf 100.000 Einwohner. Davon sind zwar nur etwa 15 Prozent politisch motiviert, aber das ist noch immer ziemlich viel. Landesweit gibt es etwa 3.200 politische Morde pro Jahr. Ungefähr 70 Prozent davon gehen auf das Konto der Paramilitärs und der Armee. Darüberhinaus veranstalten wir Seminare über Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht. Letztes Jahr gingen wir damit in alle Diözesen der Provinzen Antioquia und Choco, um Menschenrechtskomitees in allen Pfarren einzurichten. In den Slumvierteln von Medellin arbeiten wir an Programmen zu alternativer Konfliktlösung, damit die Leute aufhören, wegen jeder Kleinigkeit zur Waffe zu greifen.

dieFurche: Die bewaffneten Gruppen, die einander in Medellin gegenüberstehen, sind auf den ersten Blick nicht überschaubar.

Salazar: Das hat eine sehr komplexe Geschichte. Die ersten Gruppen waren Milizen, die mit der Guerilla sympathisierten. Dazu kam die soziale Krise und der Drogenhandel. Mit der Drogenmafia begann ein neues "Justizsystem", sich durchzusetzen: Alles wurde mit der Waffe ausgetragen, weil die staatliche Justiz nicht funktioniert. Geld war leicht zu verdienen. Zum Beispiel durch bezahlte Morde, das Phänomen des "sicariato". Für ein paar Tausend Pesos, also wenige Dollars, kann man jemanden ermorden lassen.

dieFurche: Sie meinen bezahltes Morden als alltägliches Geschehen?

Salazar: Nicht nur wichtige Personen wurden so umgebracht, sondern ganz gewöhnliche Leute, mit denen jemand aus irgendeinem Grunde Streit hatte. Dann entstanden kriminelle Banden. Sie sperrten oft ganze Straßen ab und raubten dann ein Haus nach dem anderen aus.

dieFurche: Und die Polizei?

Salazar: Die Polizei ließ sich nie blicken. Also bildeten sich Gegenbanden oder Milizen, um die Einwohner zu schützen. Diese Milizen übten eine strenge territoriale Kontrolle aus. Das ging soweit, daß die Einwohner eines Viertels nicht in das Nachbarviertel gehen konnten, weil dort eine gegnerische Bande herrschte. In solchen Konflikten versuchen wir zu vermitteln. Es wurden Nichtangriffspakte unterschrieben. In letzter Zeit haben die Milizen, hinter denen oft die Guerilla steckt, an Einfluß verloren. Gleichzeitig geraten die Banden immer mehr unter den Einfluß der Paramilitärs. Sie ermorden Anführer sozialer Organisationen, bedrohen die Nicht-Regierungsorganisationen und erkaufen sich auch Unterstützung mit Geld. Was wir erleben, ist der Versuch, das Projekt der Paramilitärs in einer Großstadt zu etablieren.

dieFurche: Ihr seid während Eurer Entführung Carlos Castano, dem obersten Chef der Paramilitärs, vorgeführt worden. Wie ist dieser Mann und welches Ziel verfolgt er?

Salazar: Er ist ein charismatischer Typ und begrüßte uns freundlich: "Entschuldigen Sie, daß wir Sie so behandeln mußten." Dann kam er schnell zur Sache: "Ich werde euch den Prozeß machen wegen eurer Verbindung zur Guerilla." Er behauptete, er hätte einen Informanten. Es kam aber nie zur Gegenüberstellung mit dieser Person. Dann hat er uns aus Dokumenten der paramilitärischen Allianz AUC vorgelesen, hat uns seine Meinung über die Situation in Kolumbien vorgetragen.

dieFurche: Hat er über die Massaker an der Landbevölkerung gesprochen, die ihm zur Last gelegt werden?

Salazar: Castano hat diese Massaker sogar zugegeben. Er sagte: "Schaut, wir bringen ein paar Leute um, damit es später nicht noch mehr Tote gibt. Es kommen 20 oder 30 Menschen um. Wir haben das genau untersucht: Die Leute fliehen von ihrem Land, und 30 Prozent kommen dann wieder zurück. Mit diesen und einigen anderen, die wir dort ansiedeln, bauen wir dann das Land wieder auf, und so vermeiden wir einen weiteren Krieg. Dieses Gebiet lebt dann in Frieden." So hat er die Massaker gerechtfertigt.

dieFurche: Und hat er auch einen Plan für die anderen 70 Prozent, die nicht zurückkehren?

Salazar: Nein, die sind ihm gleich, die sollen tun, was sie wollen ...

dieFurche: Wie stehen die Paras zum Friedensprozeß?

Salazar: Da gibt es einige Punkte, die für sie inakzeptabel sind. Zum Beispiel werden sie nicht akzeptieren, daß die Regierung nur mit der Guerilla verhandelt. Oder daß im Land autonome Regionen eingeführt werden, in denen dann die Guerilla die Kontrolle ausüben könnte. Auch hinsichtlich des freien Unternehmertums werden sie keine Restriktionen akzeptieren. Das Militär läßt in einigen Punkten ebenfalls nicht mit sich reden. Als zum Beispiel bekannt wurde, daß in der Agenda der geplanten Friedensgespräche mit der Guerilla auch die Rolle der Streitkräfte aufgenommen wurde, gab es große Unruhe in der Armee. Natürlich ist das ein grundlegender Punkt: das Thema der Straflosigkeit und die Demilitarisierung der Gesellschaft, darüber muß gesprochen werden - aber die Militärs wollen das nicht.

dieFurche: Kann man sagen, daß Castano die Anordnungen der Militärs ausführt, oder hat er schon eine gewisse Autonomie in seinem Handeln erreicht?

Salazar: Wenn Castano hörte, daß man ihn als Befehlsempfänger der Militärs bezeichnet, so würde ihn das nur ein Lachen kosten. Hinter Castano steht doch viel mehr. Die Militärs schon auch, aber auch andere Kreise. Natürlich: wenn die Militärs Castano die Unterstützung entzögen, wäre seine Macht stark reduziert. Seine militärische Schlagkraft hängt stark von der Hilfe der Armee ab. Daß die Paras die Militärhubschrauber benützen, ist ja hinlänglich bekannt. Auch bei unserer Entführung flogen wir einmal eine Stunde lang mit dem Hubschrauber, mit Handschellen gefesselt und einer Kapuze über dem Kopf.

dieFurche: Ich bin immer wieder erstaunt über den so gut funktionierenden Geheimdienst der Paras. Da arbeiten sie wohl eng mit dem Militär zusammen.

Salazar: Das ist der Bereich, wo man am deutlichsten die enge Zusammenarbeit sieht. Der Geheimdienst der Paras ist eigentlich der Geheimdienst des Militärs; die geben ihnen alle Informationen weiter.

dieFurche: In den letzten Wochen wird von einer Drohenden militärischen Intervention der USA in Kolumbien gesprochen. Was halten Sie davon?

Salazar: Also ein massives Eingreifen wie in Vietnam wird es nicht geben. Ich glaube, es wird eine Intervention wie früher in El Salvador: mit Beratern und logistischer Unterstützung. Das läuft ja de facto bereits. Es gibt über 1.000 sogenannte Militärberater im Land. Dazu könnte lokal begrenzt eine Art Krieg wie in Serbien kommen: mit Bombardements aus der Luft, unterstützt zu Land von den nationalen Sicherheitskräften.

dieFurche: Und was denkt die kolumbianische Öffentlichkeit über dieses Szenario?

Salazar: Das ist eine komplizierte Sache. Eine Meinungsumfrage ergab, daß eine Mehrheit der Bevölkerung für eine US-Intervention ist. Wie soll man sich das erklären? Es ist ein Ausdruck der Angst und der Verzweiflung der Menschen. Da es keine sichtbare Alternative gibt, wollen sie einfach irgendeine Lösung des Konflikts, egal wie, wenn nur der gegenwärtige Alptraum aufhört. Für viele ist es ja nicht klar ersichtlich, woher die Gewalttätigkeit kommt, wer der Urheber ist, und da sagen sie sich, egal, wer es nun ist, ob ein Vertreter der harten Hand oder ein Faschist, egal, wenn er nur mit dieser "violencia" aufhört. Diese Haltung hat auch dazu geführt, daß Castano in mehreren Gesellschaftssektoren an Sympathie gewonnen hat. Und aus diesem Grund würden sie auch eine US-amerikanische Intervention unterstützen.

Das Gespräch führte Ralf Leonhard ZUR PERSON Wochenlang entführt von den Paramilitärs Jorge Salazar, geboren 1957 in Medellin, studierte Philosophie und Geschichte an der katholischen Santo Tomas Universität. Seit 1991 arbeitete er am IPC tätig, wo er bis vergangenen Jänner die Abteilung für Menschenrechtsfragen, Frieden und Konfliktlösung leitete. Am 28. Jänner 1999 wurde er zusammen mit dem Direktor des IPC, Jairo Bedoya, und den Mitarbeiterinnen Olga Rodas und Claudia Tamayo von rechtsextremen Paramilitärs direkt aus dem Sitz der Institution entführt und von diesen wochenlang gefangengehalten. Die Frauen kamen nach wenigen Tagen wieder frei. Die Männer wurden nach 17 Tagen dem Oberkommandierenden der paramilitärischen Allianz AUC (Autodefensas Unidas de Colombia) Carlos Castano vorgeführt. Nach drei Wochen erreichte nationaler und internationaler Druck auch ihre Übergabe an den staatliche Menschenrechtsbeauftragten. Sie sind ins Exil geflüchtet.

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