Vom richtigen Zeitpunkt des Rückzugs aus der Politik.

Die Tatsache, dass Lech Walesa aus der Solidarnosc, jener Organisation, deren Gründer er war, und die in Polen eine friedliche Revolution und Emanzipation vom Kommunismus herbeigeführt hat, im Vorjahr ausgetreten ist, macht wieder einmal an einem markanten Fall das fast als Gesetzmäßigkeit zu bezeichnende Schicksal von Gründern und Revolutionären deutlich. So wie Walesa heute in Polen kein hohes Ansehen mehr genießt, ist es auch Gorbatschow, der auf der Weltbühne allerorten auftritt und immens hohe Honorare kassiert, in Russland aber gering geschätzt wird, ergangen. Die Verdrängung und Resignation von Gründern ist in vielen Fällen eine parteienübergreifende Erscheinung, ist aber vor allem in marxistischen Parteien an der Tagesordnung. So hat die Oktober-Revolution, wenn auch erst nach viel längerer Zeit als in der als Vorbild betrachteten großen Französischen, wo dies schnell ging, die eigenen Kinder gefressen.

Zwischen Lenin und Gorbatschow klafft ein tiefes schwarzes Loch, in das fast alle hineingefallen sind, beziehungsweise von Stalin hineingestoßen wurden. Der Bolschewismus ist eine Bewegung, die nicht nur ihre Gegner, sondern auch ihre eigenen Anhänger zum Großteil physisch und psychisch vernichtet hat.

Auch in der österreichischen Sozialdemokratie gibt es Beispiele für eine solche - zum Glück nicht blutige, aber doch gesellschaftlich-politische - Eliminierung von Gründungspersönlichkeiten. So wurde einer der Gründungsväter der Sozialdemokratie der Ersten Republik, Julius Deutsch, in der Zweiten Republik aus der Partei, die er 1918 mitbegründet hatte, hinausgedrängt. In der Zweiten Republik wurde Franz Olah, einer der Helden der ersten Stunde, zwanzig Jahre später politisch vernichtet - und noch dazu (um auf Nummer sicher zu gehen) kriminalisiert. Dafür hat er die Genugtuung heute noch zu leben und alle diejenigen, die wie Waldbrunner, Broda, Czernetz, Benya und Pittermann seine politische Entfernung herbeiführten, überlebt zu haben.

"Zum Knebel"

Ein kurios-tragisches und doch zugleich lächerliches Beispiel der österreichischen Parteiengeschichte verdient bei dieser Gelegenheit der Vergessenheit entrissen zu werden. Und zwar handelt es sich um Vorgänge innerhalb der Kommunistischen Partei Österreichs, die schon vor der offiziellen Ausrufung der Republik im November 1918 gegründet wurde und im Februar 1919 ihre erste Konferenz abhielt. Diese Mini-Partei, die in der Ersten Republik eine Sekte blieb und nirgends ein Mandat erreichte, konstituierte sich in einem Hinterzimmer eines Gasthauses in der Wattgasse, das heute ein Chinesisches Restaurant ist und lange Zeit vorher sinnigerweise "Zum Knebel" hieß. Die paar Dutzend Leute, die sich in besagtem Lokal versammelten, hielten sich sicher für die Ersten von morgen bzw. für die Bannerträger und Vorkämpfer jener Weltrevolution, die von Russland aus programmgemäß auf die ganze Welt übergreifen sollte.

Nachgeschmack der Macht

Wenn man dem Schicksal dieser Gründer des Roten Morgen nachgeht, kommt man darauf, dass die wenigsten von ihnen in Frieden mit ihrer Partei aus der Welt schieden: Eine Hauptgründerin, Elfriede Friedländer, wurde später eine erbitterte Gegnerin des Kommunismus und rechnete unter ihrem späteren Namen Ruth Fischer in dem Buch "Stalin und der deutsche Kommunismus" mit ihrer ursprünglichen politischen Heimat ab. Andere wurden von Hitler und Stalin liquidiert. Der erste Parteiobmann Koritschoner sogar von beiden: er wurde von der Sowjetunion, in die er geflohen war, nach dem Molotow-Hitler-Pakt an die Gestapo ausgeliefert. Nur einige wenige entgingen mehr aus Glück als aus berechenbaren Gründen dem Schicksal, das im "Jahrhundert der Wölfe", wie die Witwe des auch unter Stalin umgekommenen russischen Lyrikers Ossip Mandelstam das 20. Jahrhundert genannt hat, an der Tagesordnung war.

Aber auch in friedlicheren Zeiten leben Gründer und Pioniere nicht ungefährdet; am besten für sie ist es, wenn sie am Höhepunkt ihrer Macht und Beliebtheit abtreten oder sterben, um dann in das Pantheon der Geschichte einzugehen. Wenn dies nicht der Fall ist, kann der Nachgeschmack der Macht ein sehr bitterer und der Abstieg ein sehr qualvoller sein, auch ohne dass man wie Franz Olah in den Kerker wandern müsste.

Man braucht nicht weit zu gehen, um ein Beispiel für einen solchen schmerzlichen Abgesang einer glanzvollen Geschichte zu finden: Bruno Kreisky, der dreizehn Jahre lang das Hochgefühl der Macht genoss und deshalb auch als "Sonnenkönig" bezeichnet wurde, war die letzten Jahre seines Lebens von Verbitterung und Enttäuschung erfüllt. Er zitierte zwar gerne das Wort des großen Historikers Jacob Burckhardt als die Maxime "klüger zu werden für ein anderes Mal und weise für immer", war aber selbst nicht imstande diese Abgeklärtheit zu erreichen. Wehe den Gründern!

Der Autor ist Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für neuere österreichische Geistesgeschichte.

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