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Afrikas hellster Stern droht zu erlöschen

Simbabwe wählt kommendes Wochenende. Möglicherweise für das Land die letzte friedliche Chance, sich vom zum Despoten mutierten Präsidenten Mugabe zu befreien. Trotz der Krise präsentiert sich das Land als modern und weltoffen.

Schauplatz Harare International Airport, Eingangstor für das Gros der Besucher Simbabwes: Unter den 60 Passagieren, die hier der Linienmaschine der South African Airlines entsteigen, mit der der Europäer für gewöhnlich die letzte, knapp zweistündige Flug-Etappe ab Johannesburg bewältigt, finden sich gerade drei schwarze Gesichter. Die dominierende Hautfarbe auf dem Flughafen ist: weiß. Und auch auf der Fahrt in die City, auf gut ausgebauten Straßen, zwischen gepflegten Grünflächen, vermisst man gänzlich das hektische Treiben, das Pulsieren der Auto- und Menschenmassen, das für afrikanische Metropolen von Casablanca über Dakar bis Abidjan oder Accra so charakteristisch ist.

Harare, die moderne 2,5-Millionen-Metropole, die bis zur Unabhängigkeit 1980 Salisbury hieß, beherbergt mondäne Einkaufszentren, Bürotürme aus Spiegelglas und Menschen in modischer westlicher Kleidung - allein ihre Hautfarbe scheint darauf hinzuweisen, dass hier nicht Europa ist. Und das alles trägt die Aura der natürlichsten Sache der Welt. Dem Europäer folgen die Blicke kürzer als anderswo in Afrika, er wird mit wohltuender Selbstverständlichkeit wahr genommen. Faszinierend. Beklemmend. Haben Cecil Rhodes und seine Nachfolger, die hier länger als in den meisten anderen Staaten Afrikas regierten, so erschreckend gründliche Arbeit geleistet? Und: Ist dies wirklich das Land, in dem weiße Großgrundbesitzer gewaltsam enteignet wurden und das durch Übergriffe auf Oppositionspolitiker und unabhängige Medien in die Schlagzeilen geraten ist?

Etwas schief gelaufen?

"Ich weiß nicht, was schief gelaufen ist", sagte der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu unlängst zur Entwicklung in Simbabwe. "Was dort passiert, ist schrecklich und völlig unakzeptabel." Das Land befinde sich auf dem Weg in die Diktatur. Dabei sei Präsident Robert Mugabe bei seiner Machtübernahme nach der Unabhängigkeit von Großbritannien ein Beispiel für die gesamte Region gewesen. "Mugabe war für sehr, sehr lange Zeit einer der hellsten Sterne auf unserem Firmament." Mugabe betonte Versöhnung und Wiederaufbau. "Wir wollen niemandem etwas wegnehmen", versicherte der studierte Philosoph, Historiker, Pädagoge und Verwaltungswissenschafter zu Beginn seiner mittlerweile fast 22 Jahre währenden Regierungszeit. Heute spricht der 78-Jährige von Fronten zwischen Weißen und Schwarzen, von Feinden und Kampf. Erstmals seit vielen Jahren ist Simbabwe auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Seit Tausende militante Anhänger Mugabes und Veteranen des Unabhängigkeitskampfes mehr als 1.700 Höfe von Weißen blutig erobert haben und der Präsident die Großgrundbesitzer enteignen lässt, liegen die meisten Felder brach.

Jedes Mittel ist recht

Als der weiße Ministerpräsident Ian Smith sich nicht mehr gegen den Aufstand der schwarzen Freiheitskämpfer im damaligen Rhodesien zu wehren wusste, soll er seinen Truppen befohlen haben, Paviane zu erschießen - weil er glaubte, die Rebellen nähmen über Nacht die Gestalt der Tiere an. Diese Mär setzt derzeit zumindest die simbabwische Zeitung The Herald, das Sprachrohr der Regierung, in die Welt, um sogleich Parallelen zu Oppositionsführer Morgan Tsvangirai zu ziehen. Vor der Präsidentenwahl am 9. und 10. März sei dem jedes noch so unsinnige und verwerfliche Mittel recht, Amtsinhaber Mugabe auszuschalten. Dieser selbst hat in den vergangenen Jahren jedoch zur Genüge bewiesen, dass er es ist, der mit harten Bandagen und ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz kämpft. Gerichtsentscheide werden ignoriert, internationale Beobachter selektiert, Journalisten festgenommen, ausgewiesen oder erst gar nicht ins Land gelassen. Schlägertrupps und Anhänger von Mugabes zanu-pf schüchtern Tsvangirais Leute ein, nicht immer bleibt es bei Drohungen. Mugabe macht seine Gegner für die wachsende Gewalt verantwortlich. Auch kochen jetzt plötzlich Vorwürfe hoch, Tsvangirai habe ein Mordkomplott gegen Mugabe geschmiedet; kurz vor der Wahl wird der Oppositionsführer wegen Hochverrats angeklagt.

Schauplatzwechsel. Bewaldete Bergkuppen, sattgrüne Wiesen, Haufenwolken am blauen Himmel. Mitteleuropa im tiefen Süden Afrikas. Wir befinden uns in Chimanimani, Zentralpunkt der Highlands im Südosten Zimbabwes, Ziel von Nationalparkbesuchern und Bergwanderern. Und seit 1998 für ein Frühlings-Wochenende Treffpunkt von Kultur-Interessierten aus dem ganzen Land und dem nur wenige Kilometer entfernten Mosambik. Wobei die Punzierung eines "Kultur-Events" für das "Chimanimani Arts Festival", dem "Woodstock Simbabwes", schon zu elitär klingt. Hier wird auf die lokale Bodenhaftung ebenso viel Wert gelegt wie auf den egalitären Geist.

"Wir wollen eine Bühne, einen Platz, eine Wiese, frei zugänglich für alle! Hier sind Schwarz und Weiß wirklich gleichberechtigt!" Benny Hoffart, Primus inter pares im fünfköpfigen Organisationskomitee, redet sich rasch in Fahrt. Man spürt, was den kleinen, drahtigen Mann aus dem bayerischen Würzburg antreibt. Hoffart, der lange Jahre in Südafrika gelebt hat und seit 1990 als Entwicklungshelfer in Simbabwe arbeitet (zur Zeit leitet er in Chimanimani ein Tischlerei-Projekt der österreichischen Organisation "Horizont 3000"), ist sich der Signalwirkung "seines" Festivals in unruhigen Zeiten wie diesen wohl bewusst.

Wobei es schon eine große Leistung darstellt, dass dieses Event vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und politischer Unsicherheit überhaupt stattfindet. Private Sponsoren sind seit den letzten Jahren so gut wie keine aufzutreiben. Stör-Drohungen von Seiten der Kriegsveteranen erwiesen sich bislang zum Glück als leere Worte, zeigen aber, dass man auch dort für die politische Dimension eines Kulturfestivals, das zu allen Parteien bewusst Distanz hält, sensibilisiert ist. Der einzige ausländische Festival-Programmpunkt kam letztes Jahr aus Wien: Sigi Finkels austrosenegalesisches Sextett "African Heart" startete hier seine Tournee durch das südliche Afrika.

Kunst als Statement

Zurück in Harare. Anfang Mai jedes Jahres mutiert die Stadt für eine Woche zur Bühne des größten Kultur-Events des Landes, des "Harare International Festival of the Arts" (hifa). Manuel Bagorro, ein weißer Sohn der Stadt, der 18-jährig auszog, um in London zum klassischen Konzertpianisten ausgebildet zu werden, kehrte in den Neunzigern zurück, beseelt von der Idee, der hiesigen Kultur-Szene ein Forum zu geben. Nach jahrelanger Vorbereitung war es 1999 soweit, ein großangelegtes Festival belebte erstmals die Stadt. "Ich wollte etwas in Bewegung setzen, ich wollte einen Impuls der Veränderung geben in dem Land, an dem ich noch immer hing. Das Konzept ist, die Welt nach Harare zu bringen und der Welt Harare zu zeigen. Die internationalen Acts sorgen für Publicity, primäre Absicht von hifa ist es aber, Schaufenster für Simbabwes kulturelle Entwicklungen zu sein. Der regionale sowie der panafrikanische Aspekt sind wichtig, um dem Festival Identität zu geben", rekapituliert Bagorro.

Der Erfolg gibt ihm Recht: Die professionell organisierten Tanz-, Theater- und Musik-Darbietungen erweisen sich als durchwegs gut besucht, teilweise ausverkauft. Das Budget wird zu 100 Prozent aus den Quellen privater Sponsoren, einiger Botschaften und internationaler Förder-Institutionen gespeist. Von Seiten des Staates fließt kein Geld, das Verhältnis zu den offiziellen Stellen ist naturgemäß ein sensibles. "Das Festival positioniert sich sehr vorsichtig als nicht-politisch", meint Bagorro dazu, "wir wollen keine Repressionen riskieren. Und wir wollen niemandem eine Bühne zur Profilierung bieten. Aber natürlich ist das Festival ein Statement in seiner Substanz."

Vorsicht und Angst

Bagorro: "Das Festival unter den gegenwärtigen Bedingungen aufzuziehen, ist schwierig. Die Leute sind beunruhigt, es ist schwer, Firmen zur Kooperation zu bewegen, die Künstler und Botschaften davon zu überzeugen, dass sich ihr Einsatz hier lohnt. In den letzten Jahren rief praktisch jeder Künstler irgendwann einmal an und meinte, er könne nicht kommen. Letztlich kamen dennoch fast alle. Das ist großartig!"

Aus den usa, Chile, vielen europäischen Ländern, auch aus Kuwait, dem Iran, Südkorea und Australien reisen jedes Jahr Künstlergruppen an. Der österreichische Beitrag hieß auch hier "African Heart": Das Konzert ist als Haupt-Act angesetzt, und zum angenehmen Ambiente kommt ein zahlreich erscheinendes, enthusiastisch reagierendes Publikum. Beinahe könnte man meinen, in diesem friedlichen Ambiente wäre die Message, die Sigi Finkel verkündet, als er "peace and unity to you all" wünscht, und die die Band per se verkörpert, eine redundante. Beinahe.

An der Oberfläche ist Zimbabwe ein an Naturschönheiten und Ressourcen reiches, freundliches Land, das im Grunde noch immer problemlos zu bereisen ist. Sobald man etwas tiefer schürft, das Gespräch mit den Menschen sucht, regierungskritische Zeitungen (deren Existenz für Afrika nicht selbstverständlich ist!) aufschlägt, spürt man allerdings, in welchem problematischem Gärungsprozess sich der 12-Millionen-Staat befindet. Die wachsende Unzufriedenheit ob der desaströsen wirtschaftlichen Situation ist evident: Touristen bleiben aus, die Auslandsinvestitionen sind seit dem letzten Jahr um 90 Prozent zurück gegangen. Die Menschen sind eingeschüchtert. Viele, die im Gespräch ihre Kritik an der Regierung und an Präsident Mugabe artikulieren, lassen irgendwann vorsichtig den Blick um sich schweifen. Tatsächlich sind Drohungen und gewalttätige Angriffe auf Mitglieder der Oppositionspartei mdc keine Seltenheit, während die von der Regierung gesteuerten "Kriegsveteranen" nach den Farmen nun verstärkt Firmen unter ihre Kontrolle bringen. Auch Schulen und Krankenhäuser bleiben von den Säuberungsaktionen nicht verschont, wer verdächtigt wird, Oppositionsanhänger zu sein, wird kurzerhand auf die Straße gesetzt. Die Polizei schreitet so gut wie nie ein.

Die Präsidentschaftswahlen sind der Termin, auf den sich die Hoffnungen und Befürchtungen der Bevölkerung konzentrieren. Die Kulturszene Simbabwes hat in aller Vorsicht bereits Stellung bezogen.

Der Autor ist Tour-Begleiter der Wiener Band "African Heart".

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