Aids macht Afrika zum Waisenhaus

In Mosambik stirbt eine ganze Erwachsenengeneration an Aids. Die UNO wirft den Industriestaaten "Massenmord durch Gleichgültigkeit" vor.

Der elfjährige Zito lebt in einem Waisenhaus. Haus ist nicht das richtige Wort, das Gebäude ist eher ein Schuppen, aber immerhin aus Stein gebaut, während die umliegenden Behausungen nur Hütten aus Bambusgestängen sind. Das Waisenhaus Facomo liegt in Munhava, am Rande von Beira, der zweitgrößten Stadt von Mosambik. Munhava mit seinen 120.000 Einwohnern gilt als eines der größten Elendsviertel des südlichen Afrika. Es ist ein Synonym für Armut, Überbevölkerung, Seuchen, Kriminalität. Eng gedrängt am Betonboden sind die Schlafplätze, jeweils eine Strohmatte und eine Decke. Die "Küche" besteht aus einem kleinen Holzkohlengrill und ein paar Töpfen. Forts. S. 2

Die geistlichen Schwestern Jose Cassene Cherene und Sande Pinto Donamatorio versorgen in Facomo neben sechzehn Kindern, die im Haus wohnen, noch drei Dutzend weitere Straßenkinder mit dem Notwendigsten: Betreuung und ein warmes Essen am Tag. Das österreichische Rote Kreuz gibt ihnen im Monat 500 Dollar zum Kauf von Lebensmitteln, das Jugendrotkreuz hat geholfen, die Decken und einige Medikamente zu kaufen.

Zito ist ein sehr hübscher, für sein Alter ruhiger Bub. Nur seine traurigen Augen verraten etwas von dem, was er in seinem kurzen Leben schon erlebt hat. Von seinem Vater weiß er nichts, angeblich ist er an Aids gestorben. An seine Mutter erinnert er sich nur ganz schwach, er war erst drei, als auch sie an Aids gestorben ist. Er kam zu seiner Großmutter, die an TBC starb, als er neun war. Von da an war er allein, niemand kümmerte sich mehr um ihn.

Er trieb sich in den Straßen herum, schlief in Papiercontainern oder Kanalrohren und bettelte um Essen. "Meistens hatte ich Bauchweh von den faulen Bananen, die ich in den Containern fand", erzählt er leise. Eines Tages erfährt er von anderen Kinder von diesem Waisenhaus: Dort gebe es etwas zu essen. Er fragte sich zu den Schwestern durch. "Es ist schön hier", meint er, "es gibt zu essen und einen sicheren Schlafplatz." Außerdem wird er in die Schule geschickt.

Fernfahrer verbreiten Aids

Die Kinder von Facomo sind nur einige von zehntausenden Aids-Waisen in Mosambik und von Millionen in ganz Afrika. Die Provinz Sofala, deren Hauptstadt Beira ist, hat mit rund 20 Prozent eine der höchsten Aidsraten des Landes. Durch Sofala führt einer der Straßenkorridore, die Binnenafrika mit den Häfen am indischen Ozean verbinden. Die Fernfahrer verbreiten die Krankheit entlang dieser Routen. Von den 1,3 Millionen Menschen, die in Mosambik infiziert sind, sind fast die Hälfte Jugendliche oder Kinder.

Im Spital von Buzi, einer kleinen Provinzstadt, die nicht weit von Beira entfernt aber nur in langer mühsamer Fahrt zu erreichen ist, arbeitet Edgar Sebastien. Der 36-Jährige ist der einzige Arzt für rund 150.000 Menschen. Er ist Allgemeinmediziner, hat aber Zusatzausbildungen für Geburtshilfe und Chirurgie gemacht. Da er aus Maputo im Süden des Landes kommt, braucht er zur Verständigung mit seinen Patienten zwei Dolmetscher, einen für Dao und einen für Sena, die beiden Sprachen der Gegend. Das Spital hat nur zwei Krankensäle, je einen für die Kinder und die Erwachsenen. Auch eine Aids-Beratungsstelle gibt es, an der HIV-Tests gemacht werden. "Jugendliche kommen eher zum Test als Erwachsene und Männer eher als Frauen. Die wenigen Frauen, die kommen, sind aber so gut wie immer HIV-positiv", schildert Sebastien die Situation. Das liege daran, dass Frauen nur kommen, wenn sie schon ahnen oder wissen, dass sie angesteckt sind. "Etwa 17 Prozent der Tests bei uns sind HIV-positiv."

Medikamente gibt es nicht

Mit den Tests und einem Beratungsgespräch sind Sebastiens Möglichkeiten aber auch schon erschöpft. Medikamente gibt es keine. Selbst das in Brasilien produzierte Präparat, mit dem die Übertragung der Infektion von einer Schwangeren auf ihr Kind ausgeschlossen werden kann, gibt es in Buzi nicht. Die Beratung, die Sebastien den HIV-Patienten geben kann, lautet: Von nun an immer ein Präservativ verwenden, damit nicht weitere Kinder empfangen werden, Alkohol meiden und auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung achten, um den Organismus zu stärken. Aber der Arzt weiß nur zu gut, wie hilflos er wirklich ist. Wie sollen sich Menschen gesund und ausgewogen ernähren, wenn sie von Subsistenzlandwirtschaft leben, also nur das zu essen haben, was sie selbst anbauen? "Wenn die Leute von der Infektion erfahren, trifft es sie zunächst wie ein Schock. Sie wollen es nicht wahrhaben", sagt der Arzt und fügt mit einer Mischung von Ironie und Resignation hinzu: "Die meisten gehen dann zum Curandeiro, dem afrikanischen "Wunderheiler, weil sie glauben, sie seien verhext und er könne sie von dem Fluch befreien."

Wunderheiler & Quacksalber

Der Heiler ist das Lieblingsfeindbild der Aids-Aufklärung. Zum Repertoire von Rot-Kreuz-Ausbildungen gehören Theaterstücke, bei den es um die Krankheit und meistens auch um einen Curandeiro geht. Der Curandeiro ist immer der Böse, der den Leuten für Quacksalberei und Hokuspokus viel Geld aus der Tasche zieht und sie dann doch wieder krank entlässt. Die Stücke, ob im Freien vor der ländlichen Bevölkerung aufgeführt, oder in einem Theatersaal für ein städtisches Publikum, laufen stets nach demselben Schema ab: Jemand findet einen am Boden liegenden, wimmernden Mann, den er zunächst für einen Betrunkenen hält. Es stellt sich heraus, dass er in Wirklichkeit krank ist und sich vor Schmerzen windet. Die Umstehenden beraten, was man tun solle und kommen zum Schluss, man müsse den Kranken zu einem Heiler bringen. Dann tritt ein Rotkreuz-Helfer auf und erklärt, der Mann habe Aids. Daraufhin will ihn niemand mehr angreifen. Der Rotkreuz-Helfer beruhigt, dass man nicht angesteckt wird, wenn man einen Aids-Kranken berührt. Schließlich beschließen alle, den Mann ins Spital zu bringen.

Aids ist auch sonst in Mosambik allgegenwärtig. Riesige suggestive Plakate säumen die Straßen, die Nachmittagsprogramme des Fernsehens für die Kinder sind voll mit Anti-Aids-Kampagnen. In Hotelzimmern und in öffentlichen Gebäuden liegen Kondome zur Selbstbedienung herum. Im Rotkreuz-Waisenhaus Tinotendo etwa führen Buben einen Tanz auf, bei dem sie ein Kondom wie die Fackel der Freiheit in die Höhe recken.

Maria Semedo macht sich keine Illusionen darüber, was alle diese Aktivitäten bewirken. "In Wirklichkeit sind die Menschen wenig aufgeklärt über Aids. Unterdessen sterben aber schon so viele, dass langsam alle zu begreifen beginnen, wie ernst die Lage ist." Die Ärztin leitet das Koordinationsbüro der AIDS-Bekämpfung in der Provinz Sofala. Für ihre Arbeit hat sie 25.000 Dollar im Jahr zur Verfügung. "Von Kondomen weiß man zwar und man hat vielleicht auch welche, aber sie werden kaum benützt. Da spielen viele Faktoren mit: Von einer bestimmten Vorstellung von Männlichkeit bis hin zu schierem Aberglauben." Semedo warnt auch davor, zu meinen, die Werbung für die Benützung von Kondomen sei ein Alleinheilmittel. "Wir wissen, dass viele Ansteckungen in Spitälern und durch nicht getestete Blutkonserven passieren - und nicht zuletzt auch durch Wunderheiler."

Die Auswirkungen der Seuche sind verheerend: Großmütter stehen oft mit zwei bis drei Dutzend Enkelkindern da, deren Eltern gestorben sind. Die Lebenserwartung in Mosambik liegt bei rund vierzig Jahren mit sinkender Tendenz. Eine ganze Erwachsenengeneration fehlt für den sozialen Zusammenhalt aber auch in Landwirtschaft und Industrie. Von dem, was entwickelte Länder gegen Aids tun können, wagt Frau Semedo nicht einmal zu träumen. Die Regierung hat zwar Abkommen mit indischen und brasilianischen Pharmakonzernen geschlossen, aber selbst Generika, lizenzfreie Nachbau-Medikamente, die billiger sind als die Originale, "sind für uns noch viel zu teuer".

Der Autor leitet die Wiener Redaktion der "Kleinen Zeitung".

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