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Aladins Wunderlampe

Trotz UN-Embargo-Politik und korrupten irakischen Behörden hat es die Wiener Ärztin Eva-Maria Hobiger geschafft: Wichtiges medizinisches Gerät ist in Basra angekommen - und hilft und heilt.

In der Blutbank von Basra ist ein großer Augenblick gekommen. Genau beobachtet Direktor Haddad die Wiener Ärztin Eva-Maria Hobiger, wie sie Blutkonserven in die Zentrifuge füllt und den Deckel schließt. Es funktioniert.

Leider kommt das Kühlwasser mit zu geringem Druck aus der Leitung; eine Pumpe muss her. Außerdem sind die Konserven zu prall gefüllt und haben kaum Platz in den Behältern. Aber das sind vergleichsweise kleine Probleme. Hobiger hat ein erstes Etappenziel erreicht: Die Zentrifuge (eine zweite steht bereits in Bagdad), ein Plasma-Tiefkühlschrank, ein Blutkonserven-Kühlschrank und zwei Blutseparatoren sind betriebsbereit. Der Raum, in dem die Geräte stehen, ist frisch renoviert und hebt sich wohltuend ab vom sonstigen Verfall. "Aladins Wunderlampe", so der Name des Projekts, leuchtet unübersehbar.

Lebensende/Lebenswende

Februar 2001. Es war ein Moment, der ein Leben beendete und ein anderes veränderte: Im Mutter-Kind-Spital von Basra lag die neun Jahre alte Fatima im Sterben. Ihre Diagnose: Leukämie. Eva-Maria Hobiger wurde Zeugin eines vermeidbaren Todes. Denn Fatima starb an Blutungen, die sich mit Blutplättchen hätten stillen lassen. Aber in Basra fehlte jede Möglichkeit, Blut in seine Bestandteile aufzutrennen. Dazu benötigt man eben Zentrifuge und Separator-Geräte, von denen der Direktor der Blutbank nur träumen konnte.

Basra wurde in zwei Kriegen und im Zuge des Aufstands der Schiiten gegen Saddam Hussein 1991 schwer in Mitleidenschaft gezogen. Heute noch sind ganze Stadtviertel ohne Strom, das Wasser ist kontaminiert, noch immer stürzen als Spätfolge der Bombardements Häuser ein. Vor allem aber: die Leukämie-Rate ist bei Kindern um mehr als das Fünffache angestiegen; auch andere Krebsarten wie Lymphome oder Gehirntumore treten stark gehäuft auf. Drastisch zugenommen haben auch Fälle von schweren Missbildungen bei Neugeborenen.

Enorme Missbildungsrate

Die Leiterin der Abteilung für Kinderonkologie, Dr. Jenan Ghalid Hassan, zeigt erschütternde Bilder: Babies mit verkümmerten Gliedmaßen, entstellten Gesichtern, grotesken Ausstülpungen am Unterleib, ein Kind ohne Kopf, ein anderes ohne Gehirn ... Als Ursache für die hohe Krebs- und Missbildungsrate wird vielfach "depleted uranium", die von der amerikanischen Armee gebrauchte Munition aus angereichertem Uran, vermutet. Andere sehen die Quelle des Übels in chemischen Kampfstoffe der irakischen Armee. Eine Untersuchung der WHO ist bisher ausgeblieben. Vielleicht haben beide Seiten wenig Interesse an den Ergebnissen?

Im Gespräch mit Dr. Jenan, mit der sie heute eng befreundet ist, wurde der Wiener Ärztin Hobiger schnell klar, wie unzureichend die Ausstattung des Spitals ist. Denn aufgrund der Embargo-Bestimmungen gegen den Irak dürfen bestimmte Medikamente nicht importiert werden. Pharmaka, die für die Chemotherapie verwendet werden, zählen dazu. Sie enthalten Substanzen, die möglicherweise auch im Bereich chemischer Waffen eine Rolle spielen. Der Effekt: 80 Prozent der an Leukämie erkrankten Kinder sterben. Zum Vergleich: In Österreich liegen die Heilungschancen bei etwa 90 Prozent.

Hilfe in der Warteschleife

Nach allem, was sie gesehen hatte, war Eva-Maria Hobiger schnell klar, dass sie helfen musste. Es kam ihr zugute, dass sie sich kurz zuvor entschlossen hatte, sich karenzieren zu lassen, um sich beruflich neu zu orientieren. Mit der Gesellschaft für österreichisch-arabische Beziehungen gründete sie die "Wunderlampe" und begann, Geld und Sachspenden zu sammeln. Ein full-time-job. Neben den technischen Geräten waren bald auch Spitalbetten, Labormöbel, Spielsachen, Medikamente und medizinisches Einwegmaterial zum Versand bereit.

Aber das Projekt drohte zu scheitern. Denn der UN-Sanktionenausschuss, der aufgrund des Embargos gegen den Irak befragt werden musste, verweigerte die Einfuhrgenehmigung. Monatelang lagerten die Hilfsgüter im Wiener Donauhafen - die Furche berichtete (Nr. 21/23, Mai 2002). Die USA wollten die Unbedenklichkeit der medizinischen Geräte nicht anerkennen. Und das, obwohl die UN-Waffeninspektoren grünes Licht gegeben hatten. Begründung: "Dual use", die Geräte oder einzelne Bestandteile könnten auch für militärische Zwecke verwendet werden.

Der Briefverkehr in dieser Sache füllt zwei Ordner. Schließlich entschloss sich Hobiger zum Embargo-Bruch und verschickte die Container. Auf Umwegen gelangte die Fracht schließlich nach Basra. Wenn ein Gesetz Unrecht geworden sei, müsse man dagegen kämpfen, sagt sie. Die westliche Embargo-Politik aber richte sich gegen die Zivilbevölkerung, anstatt das Regime zu treffen.

Üble Geschäftemacherei

Ein weiteres Beispiel: Tausende Kinder erkranken an Kala Azar, einer Armenkrankheit, die im Irak schon überwunden schien. Unbehandelt führt die Infektion unweigerlich zum Tod. Aber das Medikament, mit dem eine Heilung sehr leicht möglich wäre, ist im Irak nicht zu bekommen. Die englische Herstellerfirma zeigte sich auf Anfrage Hobigers zunächst interessiert, ließ sich Geld überweisen - und verweigert jetzt, unter Hinweis auf das Embargo, die Auslieferung.

Um die Hilfsgüter an den Adressaten zu bringen und zu vermeiden, dass sie zum Beispiel in dunklen Schwarzmarkt-Kanälen verschwinden, braucht Hobiger Zeit und Geduld. Denn die irakischen Behörden erweisen sich als im höchsten Maße ineffizient und wenig kooperativ. Wenn ich nicht wüsste, für wen es gedacht ist, täte ich es mir nicht an", seufzt sie nach einer der enervierenden Streitereien mit der Bürokratie.

Medikamente hinter Grenze

Sie tut es sich aber an. Auch weiterhin. In Amman liegen Medikamente der deutschen Diakonie, die die Krebstherapie im Mutter-Kind-Spital von Basra für immerhin sechs Monate gewährleisten würden. Sie sollen ans Ziel gebracht werden - von jemandem, der weiß, wie das geht. Für die Zentrifugen muss Personal ausgebildet werden. Die Armenapotheke des Erzbischofs von Basra, Gabriel Kassab, soll weiterhin beliefert werden.

Der drohende Krieg macht die Hilfe nicht einfacher. Hobiger hält militärische Gewalt für das falsche Mittel. Zu genau kennt sie die Folgen militärischen Eingreifens. Und diesmal träfe es eine ohnehin geschwächte Bevölkerung, sagt sie. Die Wunderlampe soll jedenfalls weiter brennen. Eva-Maria Hobiger wird weiter in den Irak reisen. Und den Menschen, die unter dem Regime und den Sanktionen doppelt leiden, zeigen, dass sie nicht allein sind.

Der Autor ist ORF-Religionsjournalist.

Das Projekt

"Aladins Wunderlampe" unterhält ein Spendenkonto bei der

BA-CA Wien:

BLZ 12000

Kto.Nr. 0055-52880/03

"Kinder im Irak".

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