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Albträume jede Nacht

Andrej wollte Russland verteidigen und wurde dafür betrogen. In Tschetschenien diente der einfache Soldat nur als Kanonenfutter. Der Weg eines 21-Jährigen zum russischen Kriegsveteranen.

Ohne Andrejs Erlaubnis dürfen wir nichts sagen." Andrejs Mutter wusste nicht, dass der Vater telefonisch zu einem Gespräch eingewilligt hatte. Was sich beim Besuch der Wohnung wieder anders darstellte. Er müsse erst mit seinem Sohn reden, der aufs Land gefahren sei. "Nein, ich will nicht", gaben sich mehrere Ex-Tschetschenien-Kämpfer kurz angebunden. "Kaum einer redet. Sie alle sind noch nicht zur Ruhe gekommen", erklärt das "Komitee der Soldatenmütter" die Angst der jungen Soldaten. Überraschend platzt plötzlich Andrej in die elterliche Wohnung - auf dem Land ist er also nicht. Dass das Gespräch über den Tschetschenien-Krieg gehen soll, weiß er schon. Reden will er aber lieber an einem neutralen Ort, die Eltern sind zu beunruhigt.

"Wir haben Euch vor Terroristen geschützt", antwortet Andrej der U-Bahn-Kontrollorin, die seinen Gratisausweis nicht anerkennen will. Auch sie kann schwer fassen, dass dieses Gesicht eines 21-jährigen Halbwüchsigen einem Kriegsveteranen gehört. Vor einem Jahr ist er zurückgekehrt, aus dem was unbeholfen die Hölle genannt wird. Die Hölle, in die er Ende 2000 als 19-Jähriger eingestiegen ist. Freiwillig-unfreiwillig, zumindest unwissend und von der Militärführung gelockt: "Ein Tag in Tschetschenien gilt als drei Tage Wehrdienst." So wie viele andere, die von Russlands Armee genug haben, wollte auch Andrej den Wehrdienst abkürzen und nach sechs Monaten Tschetschenien seine Ausbildung zum Elektriker fortsetzen. Es kam anders.

Eine Anhäufung von Betrug

Heute weiß er, dass man ihn betrogen hat. Und dass der Tschetschenienkrieg auf weite Strecken eine Anhäufung von Betrug ist, in dem Russland menschliches Leben mörderisch-gewissenlos opfert. Geblendet vom Geld, hängte Andrej den sechs Monaten ein Jahr als Vertragssoldat an, um monatlich rund 850 Euro zu verdienen. "Ein einziges Monat hat man mir ausbezahlt. Um 300.000 Rubel haben sie mich geprellt." Die umgerechnet knapp 9.500 Euro wird er nicht mehr erhalten. Der russische Rechtsweg lässt keine Hoffnung zu, das Militärkommando gab ihm nicht einmal eine Bescheinigung für das Gericht.

300.000 Rubel, die aus Moskau überwiesen wurden und die sich seine Offiziere eingestreift haben, ist Andrej überzeugt. Den anderen Soldaten sei es ähnlich ergangen: "Wissen Sie, wieviel Geld da fließt?" 80.000 Russen sind in Tschetschenien stationiert. "Und wenn man sich beschwert, riskiert man sein Leben." Andrej erinnert sich an einen Oberst, dessen Methode es war, Beschwerdeführer an den "heißesten Kriegsschauplatz" zu senden, von wo kaum einer zurückkehrte. Das zeigte Wirkung, wer überleben wollte, verzichtete auf sein Geld. Die Obersten werden auf diese Weise in kurzer Zeit steinreich. "Der Krieg ist für viele ein Supergeschäft, deshalb beendet man ihn auch nicht."

"Danke, Fräulein", zeigt Andrej im Café beste Kinderstube. Auch die adrette Kleidung lässt nicht vermuten, dass er ein Springmesser immer griffbereit trägt. Der Krieg hat breite Spuren hinterlassen. Man glaubt Andrej, dass er Konflikten aus dem Weg und lieber einen Kompromiss eingeht; man glaubt ihm aber auch, dass es Angst und Mitleid in seinem Leben nicht mehr gibt. Drei Schlägereien mit schweren Körperverletzungen seit seiner Rückkehr aus dem Krieg waren angeblich unvermeidlich - dabei habe er eine erschreckende Entdeckung gemacht: "Ich sehe jeden Gegner automatisch schon tot vor mir. Wir wurden zum Töten trainiert. Ich kenne alle Techniken". Gleich zu Beginn seien die Soldaten auf die Grausamkeiten vorbereitet und wohl auch selber zur Gnadenlosigkeit angetrieben worden - mittels Filmen von angeblich kopfabschneidenden Tschetschenen.

"In einem Monat hätte Russland Tschetschenien besiegen können", ist Andrej überzeugt. Aber da gibt es die großen wirtschaftlichen Interessen, den Krieg in die Länge zu ziehen. Die maßlose Korruption gehe bis in die höchsten Kreise in Moskau: "Zahlreiche hohe Beamte und Offiziere sind in die korrupten Machenschaften involviert." Mit Waffen, die russische Militärs tagsüber an die Tschetschenen verkaufen, werde nachts auf einfache russische Soldaten geschossen. Für eine gute Bestechung von tschetschenischer Seite werde schon mal die Route eines russischen Waffentransportes verraten oder Rebellen als vermeintliche Zivilisten an den Kontrollposten das Passieren erlaubt. Neben dem Ölhandel blühe auch der Waffenhandel über Tschetschenien in die arabischen Länder.

Angst vor Kaukasiern bleibt

Andrej erzählt vom Menschenhandel, den Tschetschenen mit russischen Gefangenen betreiben würden - ob mit oder ohne Beteiligung russischer Offiziere, wer weiß es? Und bei einer der berüchtigten Säuberungen in einem tschetschenischen Dorf hätten sie zwei Säcke gefälschter Dollars entdeckt und verbrannt. Über Details der schmutzigen Geschäfte im Krieg lässt sich Andrej nicht aus, "die Spitze des Eisberges" gibt eine Ahnung vom Ausmaß.

"Und für all das hat Russland Tausende junge Menschen geopfert?", lautet Andrejs Vorwurf an sein Land. Für all das wurden angeblich schon nach dem ersten Tschetschenienkrieg Ladungen toter russischer Soldaten "entsorgt", während man den bangenden Angehörigen zu Hause einredet, dass ihre Söhne spurlos verschwunden seien? Für all das hat Andrej zwei Freunde verloren und Andrejs Mutter zwei Herzinfarkte erlitten? Dafür die Albträume jede Nacht? Und dafür hat es ein halbes Jahr gebraucht, bis er wieder auf einen Markt gehen konnte, auf dem Kaukasier arbeiten? Maximal fünf Minuten habe er es dort ausgehalten. Dann musste er verschwinden, um nicht durchzudrehen.

Im Rausch vergewaltigt

"Einem Kaukasier werde ich nie mehr trauen", sieht Andrej die Tschetschenen als Banditen und die Zivilbevölkerung unter einer Decke mit den Rebellen. Erst nach und nach räumt er ein, dass in Tschetschenien die Bevölkerung den Großteil der Katastrophe abkriegt. Bei den Säuberungen seien die Russen aber immer korrekt vorgegangen, von Kriegsverbrechen wisse er nichts. Ausnahmen habe es aber schon gegeben: z. B. die drei Kollegen, die im Geburtstagsrausch eine Tschetschenin vergewaltigt haben. Dafür wurden sie aber militärgerichtlich bestraft. Oder als man Barrajew, den Bruder des Moskauer Geiselnehmers, gefangen nahm, an einen Baum band und standrechtlich mit einer Sprengstoffladung erledigte. "Tod und Ende den Russen", habe er geschrieen als die Lunte brannte. Und als man zwei Ukrainerinnen, die angeblich auf tschetschenischer Seite kämpften, erwischte, seien sie von der ganzen Soldatengruppe vergewaltigt worden.

"Was machst Du, wenn bei einer Säuberung ein kleiner Junge mit dem Maschinengewehr um sich schießt?", sinniert Andrej über die fatalsten Momenten im Krieg. "Würden Sie auf einen Jungen schießen? Aber wenn du nicht schießt, erschießt er dich. Das ist Krieg." Vier Leute hat Andrej bei Tageslicht erschossen, wie viele es in der Nacht waren, sei schwer zu sagen. Seinem Freund hat ein Geschoss die Schädeldecke weggerissen, als er sich zu Andrej um Feuer für die Zigarette umdrehte. Viele werden kurz vor der Heimreise noch von einer Mine weggesprengt, mit der sie aus Übermut hantieren. Oder einer schläft auf dem Gewehrlauf ein und schießt sich selbst eine Kugel in den Kopf. "60 Prozent sterben aus eigener Unvorsichtigkeit", meint Andrej. Nahezu jeder Soldat putscht sich mit Alkohol - teils tschetschenische Bestechungsgeschenke - auf, um das Grauen auszuhalten und verursacht dadurch noch mehr Schrecklichkeiten. Bei den vielen arabischen Söldnern auf der tschetschenischen Seite habe er beobachtet, dass diese sich mit Drogen betäuben: "Oft haben wir Rauschgift oder Spritzen in ihren Lagern gefunden."

Kriegsveteranen sind in der rauen russischen Wirklichkeit eine gefragte Spezies. Aus der Militärdatenbank werden sie von Wachdiensten, staatlichen Geheimstrukturen oder der Mafia - u.a. als Auftragskiller - rekrutiert. Andrej lehnte solche "heiklen Jobs" ab. Eine Zeitlang bewachte er eine Schule reicher Russenkinder und ist nur durch ein Glück nicht mit ihnen ins Moskauer Geiseldrama geraten. Was er weiterhin macht? "Meine Seele zieht es zeitweise in den Krieg", lautet die absurde Logik allmählich abklingender Nachkriegsdepression, "andererseits suche ich Ruhe. Ich bin 21 Jahre alt und möchte leben".

Der Autor ist Korrespondent in Moskau.

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