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"Alpbach portionieren"

Erhard Busek, Präsident des Europäischen Forums, sprach mit der Furche über die Anfänge des Denkertreffens, die Unterschiede zu heute, die Aktualität des nächstjährigen Themas - "Kontinuitäten & Brüche" - und machte eine innenpolitische Schlussbemerkung.

Die Furche: Vor dem Sommer ist Otto Molden, der Begründer des Europäischen Forums Alpbach, gestorben. Wenn Sie aus diesem Anlass heuer innehalten und zurückblicken - was ist von der Ursprungsidee dieses Treffens im Bergdorf heute noch übrig?

Erhard Busek: Die Kontinuität ist sicher die Auseinandersetzung mit Europa. 1945 war das die Frage: Wie sieht die Zukunft des Kontinents nach der Katastrophe zweier Weltkriege aus? Heute geht es um die Positionierung Europas im globalen Kontext. Was sich geändert hat, ist die Tatsache, dass man sich in den Jahren nach dem Krieg zwei, drei Wochen hier ruhig zusammensetzen konnte und eine relativ kleine Gruppe sehr intensiv Probleme der Philosophie, der Naturwissenschaften etc. diskutiert hat. Heute leben wir im Zeitalter der Mobilität - und das bedeutet auch, dass wir Alpbach quasi portionieren müssen: Politische Gespräche, Wirtschaftsgespräche, Gesundheitsgespräche, Bankenseminar etc. Die Teilnehmer kommen heute für zwei, drei Tage her - wobei die herrliche Natur, die Gastlichkeit dazu beitragen, dass es dennoch zu gründlichen Gesprächen kommt. Aber insgesamt haben wir heute eben eine andere Lebensweise. Wir bemühen uns bei den Referenten und Diskutanten um hohe Qualität - da sind wir vielleicht sogar noch besser geworden. Was am Anfang sehr stark war, dann abgenommen hat und jetzt wieder sehr wichtig ist, das ist die Teilnahme der Jugend. Wir haben in den letzten Jahren mittels eines Stipendiensystems eine starke Präsenz von Jugendlichen erreicht - vor allem aus Ost- und Südosteuropa; das hat das Gesicht von Alpbach zuletzt verändert. Darüber bin ich sehr froh, denn das ist schließlich die Zukunft.

Die Furche: Es gibt Kritik, dass der Betrieb des Forums Alpbach mittlerweile sehr aufgebläht und von kommerziellen Interessen stark mitbestimmt ist. Ist das der Zug der Zeit?

Busek: Die Kritik ist berechtigt. Aber man muss auch etwas dazusagen: Es gibt öffentliche Finanzierung nicht mehr in dem Ausmaß wie früher. Das hat mit einem Wandel in der Budgetpolitik zu tun, nicht nur in Österreich, sondern weltweit. Daher ist - wie auch etwa in der Kultur - der private Sektor stärker gefordert. Das hat seinen Preis. Wir versuchen, das in Balance zu halten - und es gibt ja auch ein Interesse der Wirtschaft, das über Werbeveranstaltungen hinausgeht. So war es die Wirtschaftsseite, die das Thema "Wirtschaft & Ethik" verlangt hat. Damit können Sie sicher nicht Werbung machen.

Die Furche: Die Leitthemen von Alpbach sind immer sehr breit, sehr allgemein angelegt - da hat fast alles Platz. Spitze Zungen meinen, das ermögliche es manchen Referenten, die immer wieder kommen, sich zu wiederholen.

Busek: Die Breite der Themen hat Tradition. Ich versuche das ohnedies, ein wenig enger zu fassen. Aber Überthemen sind notwendigerweise allgemein gehalten. Wobei ich schon glaube, dass das heurige Motto "Kommunikation & Netzwerke" einer richtigen Zeit-Analyse entsprungen ist. Nächstes Jahr werden wir "Kontinuitäten & Brüche" haben. Und auch das trifft sicher einen Nerv unseres Zeitalters: Das sieht man an Wahlergebnissen, das hat mit verschiedenen Entwicklungen zu tun - von der Wirtschaft bis hin zu persönlichen Lebensformen. Was die Referenten betrifft, so konstatiere ich - nicht nur für Alpbach - etwas Eigenartiges: Dass Referenten mit Themen bekannt geworden sind, wo sie eigentlich inhaltlich nicht mehr interessant sind. Sie haben einen ungeheuren Stellenwert, nachdem sie provokativ und spannend waren. Man muss bei der Programmierung sicher auch auf große Namen achten, denn die ziehen das Publikum an. Wobei manche Namen einen Klang haben, der nicht mehr gerechtfertigt ist.

Die Furche: Zum Thema des nächsten Jahres, "Kontinuitäten & Brüche": Was sind da die leitenden Überlegungen?

Busek: Ich habe vor, für das "Politische Gespräch" das Verhältnis USA - Europa aufzugreifen. Bei den Gesundheitsgesprächen geht es um die Frage des Alters und des Alterns. Für die Wirtschaft gibt es die Überlegung, die Konsequenz aus der gemeinsamen Währung und dem gemeinsamen Markt, nämlich die Harmonisierung der Steuergesetzgebungen und Budgetpolitiken, zu thematisieren.

Die Furche: Man hat den Eindruck, dass die Menschen in Europa heutzutage Kontinuität stark vermissen und mit den vielen Brüchen, mit denen sie sich konfrontiert sehen, schlecht zurandekommen.

Busek: Das sehe ich auch so. Das Tempo der Veränderung ist sehr hoch, und wir Menschen haben nur eine bestimmte Adaptionsfähigkeit. Das, was sich spätestens seit 1989 nicht nur politisch verändert hat, ist so tiefgreifend, dass man Sorge haben muss, nicht mitzukönnen. Wahlergebnisse spiegeln das deutlich wider. Die mangelnde Verarbeitung des Wandels führt dazu, dass Gruppen und Personen eine Chance haben, die rein provokativ Aggressionen vermitteln.

Die Furche: Stichwort Europa - USA: Da sieht man zur Zeit auch mehr Brüche als Kontinuitäten...

Busek: Das hat mehrere Gründe: Zum einen, dass die USA die einzige handlungsfähige Supermacht sind, zum anderen hat der 11. September vieles verändert, zum Dritten ist die NATO so groß geworden, dass sich die Amerikaner nicht mehr sehr um die Bündnispartner scheren - da gibt es andere Prioriäten wie den Nahen Osten oder Zentralasien; und letztlich ist die Handlungsfähigkeit der Europäischen Union nicht so, wie wir uns das wünschen würden.

Die Furche: Ist die Tatsache, dass in vielen europäischen Ländern ein politischer Wechsel hin zu Mitte-Rechts-Regierungen stattgefunden hat, ein Hindernis für das Voranschreiten der Integration?

Busek: Das hat weniger mit Rechts und Links zu tun, als mit der schon erwähnten fehlenden Bewältigung der gegenwärtigen Situation. Ich glaube aber, es ist ein Anlass, darüber nachzudenken, wie man die Demokratie funktionsfähig halten kann und die Bürger besser überzeugt.

Die Furche: Ein kurzer Blick auf die österreichische Innenpolitik: In Ihrer Presse-Kolumne haben Sie geschrieben "Schafft die Narren fort!" Einer der wohl von Ihnen damit Angesprochenen hat gerade wieder einmal angekündigt, fortzugehen...

Busek: Daran glaube ich nicht. Das ist Haiders Technik, wieder zurückzukehren. In Wahrheit erleben wir einen notwendigen Unterscheidungsprozess einer partiell zur Regierungspartei gewandelten Oppositionspartei, der endlich stattfindet; und man wird sich überlegen müssen, wie funktionsfähige Mehrheiten für die Zukunft aussehen.

Die Furche: Würde es reichen, wenn Haider tatsächlich weg wäre?

Busek: Die Frage kann ich nicht beantworten.

Die Furche: Und was soll die ÖVP in dieser Situation tun?

Busek: Diese Frage stellen - oder sich darauf einstellen, dass es andere Lösungen geben muss.

Das Gespräch führte Rudolf Mitlöhner.

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