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Politik

Als es noch Staatsmänner gab

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Die letzte Begegnung war eigentlich keine: Im Schminkraum des WDR-Studios in Köln saß Anfang der 1990er-Jahre ein älterer Herr mit zerstörten Gesichtszügen neben mir, um TV-tauglich gemacht zu werden.

"Grüß Gott, Herr Bundeskanzler“, sagte die Kosmetikerin - und erst als ihr Werk vollendet war, erkannte ich ihn: Willy Brandt, von Krebs und einem aufregend-aufreibenden Leben gezeichnet. 1992 starb er. Jetzt wäre er 100 Jahre alt, und die Welt erinnert sich erneut seines Wirkens; auch seiner Freundschaften.

Oft habe ich Brandt nahe erlebt, mehrfach zusammen mit seinem "lieben, schwierigen und guten Freund Bruno“ (O-Ton Brandt). In den Elogen, die nun auf jene "goldene Ära der europäischen Sozialdemokratie“ gehalten werden, wird das Tandem mit Bruno Kreisky besonders gewürdigt - geprägt vom gemeinsamen Exil in Skandinavien, vom Kampf für mehr Gerechtigkeit und weniger Nationalismen. "Die Wege Brandts und Kreiskys gingen fast nie auseinander“, schreibt etwa Franz Vranitzky in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit.

Stimmt - und stimmt auch nicht. Der "Doppelparcours durch die europäische Nachkriegsgeschichte“ (der frühere Kreisky-Sekretär Wolfgang Petritsch) war bis zuletzt von Harmonie und Spannung geprägt. Zu unterschiedlich waren die politischen Vorgaben für beide: hier das neutrale Österreich, dort der NATO-Partner BRD; hier der Freiraum des Kleinstaates, dort das Gewicht und die Verantwortung des geschichtlich belasteten, geteilten Deutschlands.

Nie hätte Brandt mit einer FPÖ unter Friedrich Peter geküngelt, nie Gaddafi empfangen oder sich über Simon Wiesenthal, Golda Meir u. a. ausgelassen. Und nie hätte Kreisky im Warschauer Ghetto die Knie gebeugt.

Differenzen in Sachen Naher Osten

Unvergesslich die zwei Nachtstunden des gemeinsamen Wartens auf Willy Brandt, in der mir Kreisky am Grenzübergang Walserberg seine Enttäuschung über Brandts Mutlosigkeit im Nahostkonflikt anvertraut hat. Unvergesslich auch seine Empörung, als Kreiskys engster Palästinenserfreund Issam Sartawi bei einer Tagung der "Sozialistischen Internationale“ ermordet wurde - nur Stunden, nachdem Brandt ihm das Wort entzogen hatte. Für Kreisky eine Tragödie, zu der Brandt durch verweigerten Schutz seinen Beitrag geleistet hatte.

Was Brandt und Kreisky vor allem einte, waren Weitsicht, Engagement und Distanz zu jeglichem Dogmatismus, aber auch ihre - parteiintern umstrittene - Grundsympathie für die USA. Für beide galt: möglichst große Nähe zu Amerika, möglichst wenig Misstrauen gegenüber Moskau.

Weltpolitisch waren ihre Interessen brüderlich geteilt: der Nahe Osten für Kreisky, der Nord-Süd-Dialog für Brandt. Dem Schweden Olof Palme, Junior im "Top-Trio“, fiel die Abrüstung zu.

Wie immer der subjektive Blick auf beide ausfallen mag: Europa hatte noch Staatsmänner und Weltbürger. Was damals möglicherweise leichter war - und heute wieder so notwendig wäre!