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"Also Liebe muss schon IM SPIEL SEIN"

Die bekannte Motivforscherin Sophie Karmasin wurde von der ÖVP als Signal für mehr Offenheit zur Familienministerin gemacht. Im FURCHE-Interview spricht sie über das, was aus ihrer Sicht heute "Familie" ist -und wie diese Keimzelle der Gesellschaft gefördert werden soll.

DIE FURCHE: Frau Bundesministerin, im offiziellen Namen Ihres Hauses heißt es "Bundesministerium für Familien und Jugend" - die Familie steht also im Plural. Wollen Sie uns damit etwas Spezielles sagen?

Sophie Karmasin: Ich glaube, Sie sind die Ersten, denen das auffällt - aber damit verbindet sich schon eine Botschaft. Nämlich dass Familienkonstellationen heute sehr bunt, sehr vielfältig sind, dass es aus meiner Sicht nicht mehr das eine Idealbild gibt. Natürlich sind die größte Gruppe noch immer Verheiratete mit Kindern, aber es gibt eben auch Lebenspartnerschaften, Alleinerziehende, Patchwork-Familien. Das alles gilt es zu berücksichtigen.

DIE FURCHE: Sie laden gemeinsam mit Ihrem Regierungskollegen Andrä Rupprechter demnächst zu einem "Familienpicknick" ein, und die Illustration der Einladung spiegelt diese Pluralität wider. Allerdings ist genau eine Gruppe gar nicht vertreten: die "klassische" Vater-Mutter-Kind-Familie

Karmasin: Das ist jetzt wirklich Zufall, das war mir ehrlich gesagt gar nicht bewusst - das soll jedenfalls sicher kein Signal sein.

DIE FURCHE: Sie haben auf die Frage "Was ist für Sie Familie?" sinngemäß stets geantwortet... "wo sich Menschen zu Hause fühlen" ...

Karmasin: ...und Liebe im Spiel ist ...

DIE FURCHE: Der Zusatz ist jetzt aber neu

Karmasin: Das stimmt, das habe ich nicht immer dazugesagt.

DIE FURCHE: Wenn ich diesen Zusatz weglasse, könnte ich ja sagen: Menschen können sich in allen möglichen Konstellationen zu Hause fühlen, vielleicht sogar im Stammlokal, jedenfalls aber in einer Wohngemeinschaft, wo Menschen zum Teil ja auch Verantwortung füreinander übernehmen.

Karmasin: Also ich denke, Familie ist ein Grundgefühl, eine Grundverbindung, bei der -wie ich jetzt eben ergänzen möchte - Liebe im Spiel ist, und wo man sich wohl und geborgen fühlt. Das ist sicher nicht in einem Restaurant, und das ist auch nicht unbedingt in einer WG, weil dort eben keine Liebe im Spiel ist; da geht es eher um einen ökonomischen Zusammenhalt.

DIE FURCHE: Wenn man sagt, den Kern der Familie müssen nicht ein Mann und eine Frau bilden, warum müssen es dann z. B. zwei Leute sein? Warum können nicht auch mehrere Personen zusammen leben und sagen, wir übernehmen Verantwortung füreinander, wir sind eine Familie?

Karmasin: Wenn bei allen Liebe im Spiel ist Ich meine, das widerspricht halt unseren kulturellen Vorstellungen von Liebe; wir sind ja -Gott sei Dank - noch immer monogam geprägt.

DIE FURCHE: ÖVP-Chef Spindelegger hat gesagt, er sei offen für Maßnahmen zur Gleichstellung von Homosexuellen bis zum Sommer. Wie laufen da die Gespräche?

Karmasin: Wir sind mitten drinnen. Fixiert ist bereits, dass eingetragene Partnerschaften am Standesamt stattfinden werden. Auch die Frage des Namensrechts wird gelöst werden. Und dann gibt es noch ein paar weitere Punkte, die einer genaueren juristischen Prüfung bedürfen.

DIE FURCHE: Könnte man aus all diesen Fragen nicht viel Luft herausnehmen, indem man sagt: Es geht den Staat gar nichts an, wie Menschen ihr Zusammenleben gestalten; das einzige, was den Staat interessiert, ist, dass es Kinder gibt und dass diese bestmögliche Bedingungen vorfinden?

Karmasin: Das klingt auf den ersten Blick vielleicht verlockend. Nur regelt der Staat eben bestimmte Dinge über Gesetze. Also entweder will ich überhaupt keine familienrechtlichen Regelungen, jeder macht, was er will, dann gibt es aber auch keine Ehe

DIE FURCHE: Muss es eine staatliche Ehe geben? Die Zivilehe ist ja bekanntlich nicht vom Himmel gefallen

Karmasin: Naja, das ist aber eine sehr weitreichende Überlegung. Es gäbe dann auch keine Obsorge, keine Unterhaltszahlungen etc. Nein, ich glaube, wir müssen schon gewisse Gruppen in unserer Gesellschaft schützen und Bedingungen schaffen, damit Kinder gut aufwachsen können.

DIE FURCHE: Aber ist der Staat beispielsweise zuständig für Zeremonien? Man könnte ja auch argumentieren: Der Staat soll sich generell nicht für die zeremonielle Gestaltung von Partnerschaften welcher Art auch immer zuständig fühlen.

Karmasin: Dann gibt es keine Ehe mehr. Nein, da bin ich nicht dafür. Ich halte die Ehe zum Schutz der Kinder, aber -vielfach - auch der Mütter und Väter für eine sinnvolle Einrichtung. Was die Zeremonien betrifft, muss der Staat sich nicht einmischen, aber er sollte nicht diskriminieren. Wie mit dem Standesamtsverbot, das ich jetzt ändern will.

DIE FURCHE: Sie wollen Österreich bis 2025 zum familienfreundlichsten Land Europas machen. Was kann die Politik da eigentlich ausrichten? Laut Akademie der Wissenschaften können nur sechs bis zehn Prozent der Faktoren, die für die Entscheidung für Kinder wesentlich sind, von der Politik beeinflusst werden.

Karmasin: Wobei man Fertilitätsrate und Familienfreundlichkeit unterscheiden muss.

DIE FURCHE: Im Idealfall geht es um beides

Karmasin: Ja, aber bei der Fertilität geht es, wie gesagt, um eine Vielzahl an Faktoren. Familienfreundlichkeit hat auch mit Prestige zu tun. Wir belegen im Europa-Ranking diesbezüglich den drittletzten Platz. In anderen Ländern hat es einen viel höheren Stellenwert, ein Kind zu bekommen.

DIE FURCHE: Die Väterbeteiligung bei der Kindererziehung ist nach wie vor eher gering. Zwar sind mittlerweile 17 Prozent aller Karenzgeldbezieher Männer, aber die meisten bleiben nur "auf einen Sprung" zuhause

Karmasin: Die Zwei-Monats-Varianten sind bei den Vätern tatsächlich am beliebtesten. Manche machen auch zwei gemeinsame Monate als Luxusvariante. Das ist natürlich nicht das Ziel, sondern vielmehr, dass man als Vater sagt: Jetzt muss ich wirklich meinen Lebensstil umstellen, ich setze andere Prioritäten. Eines ist jedenfalls klar: immer mehr Frauen wollen und müssen in vielen Fällen auch heute arbeiten gehen, und sie legen immer mehr Wert darauf, dass die Männer mithelfen.

DIE FURCHE: Viele Frauen stellen aber fest, dass man Kind und Karriere nur um den Preis chronischer Erschöpfung haben kann.

Karmasin: Hier stehen wir gerade in Österreich: Wir haben eine hohe Erwerbstätigkeit von Frauen, wenn auch Teilzeit, und gleichzeitig wenig Betreuungsmöglichkeiten für Kinder sowie eine langfristig geringe Väterbeteiligung bei der Kindererziehung. Irgendwann sagen die Frauen dann: Ich kann nicht mehr. Aber die Folge kann doch nicht sein, das ganze Modell mit berufstätiger Mutter ad acta zu legen! Wir leben einfach Familie zu wenig, gesellschaftlich gesehen: Es gibt zu wenige Kinderbetreuungseinrichtungen, zu wenige leistbare und gute, private Angebote, zu wenig Familienfreundlichkeit in den Unternehmen.

DIE FURCHE: Apropos Kinderbetreuung: Es ist nicht leicht, qualifiziertes Personal zu finden. Wie wollen Sie den Job attraktiver machen, vor allem auch für Männer? Viele halten eine Akademisierung für die Lösung

Karmasin: Wenn wir nur noch Akademiker in Kindergärten beschäftigen würden, dann wäre das System nicht aufrecht zu erhalten, von einem Ausbau gar nicht zu reden. Ich halte es auch nicht für notwendig weil die Ausbildung für unsere Kindergartenpädagogen ein sehr hohes Niveau hat. Müssen wir jetzt auch akademische Tischler haben? Zusätzlich kann man sicher eine akademische Ausbildung für bestimmte Bereiche andenken, etwa für die Leitung einer größeren Organisation.

DIE FURCHE: Das machen dann die Männer...

Karmasin: (lacht) Hoffentlich nicht! Aber wenn sie auf diese Art in das System Kindergarten reinkommen, soll es auch gut sein.

PLÄNE FÜR FAMILIEN

Höhere Beihilfe

Mit Juli wird die Familienbeihilfe um vier Prozent erhöht, 2016 und 2018 nochmals um je 1,9 Prozent. Kritiker monieren, dass die Erhöhung nicht einmal die Kürzung vor drei Jahren ausgleichen würde.

Mehr Kinderbetreuung

Bund und Länder werden den Ausbau der Krippen-und Kindergartenplätze bis 2017 mit 305 Millionen Euro finanzieren. Besonders gefördert werden qualifiziertes Personal und längere Öffnungszeiten.

Eigener Feiertag?

Mit ihrem Vorstoß, den 1. Mai nicht nur der Arbeit, sondern auch den Familien zu widmen, hat Sophie Karmasin für Irritationen gesorgt. Nun will sie an diesem Tag zumindest Feste für Familien ausrichten.

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