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"An te amerikenw ye!"

Mali - ein Staat, der nicht der US-freundlichen "Koalition der Willigen" angehört: Lokalaugenschein aus einem muslimischen Land, in dem 1991 die Zustimmung zum Golfkrieg sehr groß war. Heute heißt es dort: "Wir sind keine Amerikaner".

Wehe den anderen Ländern, die sich der Meinung der USA widersetzen", befürchtet der afrikanische Wirtschaftsakademiker Mamadou. "Was passiert mit den armen afrikanischen Ländern, die sich der Zustimmung zum Irak-Krieg widersetzen?" fragt er die Runde, die sich in Bamako, der Hauptstadt von Mali, getroffen hat - und gibt sich die Antwort gleich selber: "Die müssen das Ärgste befürchten." Die USA hätten bei der Entwicklungszusammenarbeit Knebelverträge, die das Stimmverhalten der geförderten Länder berücksichtigen. Ein afrikanisches Land könne somit schnell zehn Prozent seines Budgets verlieren, mit dramatischen Auswirkungen im Gesundheitsbereich und bei der Nahrungsmittelversorgung. Die Botschaft der USA an diese Länder sei somit klar, meint der Wirtschaftsfachmann: "Entweder entscheidet ihr euch für Tote im Irak oder bei euch zuhause! Wenn das demokratische Reife ist, dann brauchen wir keine Beratung durch die USA: So reif sind die Diktatoren Afrikas auch. Die lassen einen ebenfalls leben, wenn man sie gewähren lässt."

Die Meinung von Mamadou spiegelt nicht nur die Stimmung in der kleinen Runde, sondern in ganz Mali wieder. Das westafrikanische Land ist eines der ärmsten Länder der Welt, gleichzeitig aber auch seit zwölf Jahren ein für die Region beispielhaft demokratisches Land mit einer funktionierenden freien Presse und einer stabilen und kompetenten Regierung. 90 Prozent der Bevölkerung sind Moslems. Entsprechend groß ist das Interesse am Irakkrieg und die Meinung dazu ist hundertprozentig ablehnend. Automatische Reaktion von Moslems bei einem Angriff auf ein anderes moslemisches Land? Weit gefehlt. 1991 befand ich mich auch während des Golfkriegs in Mali. Damals unterstützten gut 90 Prozent der Bevölkerung die Amerikaner, weil sie den Krieg für gerechtfertigt hielten. Was ist 2003 anders?

Machtlose Vasallen der USA

Ousman, ein Mitarbeiter des Außenministeriums (der nicht genannt werden möchte, daher Name geändert), hat mich und andere Freunde zum Teetrinken eingeladen. Mit der Hitze des Tees wird auch die Diskussion hitziger und leidenschaftlicher. "Warum sind die Malier so einheitlich gegen diesen Krieg?" frage ich die Runde. Jeder will gleich darauf antworten, aber Ousman genießt als Gastgeber eine Vorrangstellung: "Alles ist diesmal anders", erklärt er. "Die Glaubwürdigkeit der Sache, die Glaubwürdigkeit der Argumente, die Glaubwürdigkeit der Agierenden und die Vorgangsweise der USA." Saddam sei ein übler Verbrecher. Daran lässt die Runde keinen Zweifel. Mit etwas mehr Geschick hätte man durchaus internationale Unterstützung für den Angriff finden können, sind sich die Afrikaner einig. Ousman versteht nicht, dass man sich so ungeschickt wie diese US-Regierung anstellen kann. "George W. Bush hat von seinem Vater kaum etwas gelernt. Wie kann man den Krieg gegen Saddam fordern, weil dieser UNO-Resolutionen missachte und gleichzeitig Israel gegen die Einhaltung von deutlich mehr UNO-Resolutionen schützen?"

Bush hätte unbedingt schon ein halbes Jahr vorher Druck auf Israel ausüben müssen, kritisiert der Diplomat. Dazu wären seriöse Unabhängigkeitsverhandlungen mit den Palästinensern notwendig gewesen, um seiner Argumentation mehr Gewicht zu geben. Wie könne man von vornherein mit der Drohung agieren, dass der Krieg auf jeden Fall stattfinden werde und dass die UNO nur die Möglichkeit habe, zuzustimmen oder nicht? Mit dieser Vorgangsweise zeige die US-Regierung den anderen Ländern, wofür sie sie hält: für leichtgläubige, machtlose und auf das Wohlwollen der USA angewiesene Vasallen, für die andere Rechtsnormen gelten als für die USA selbst.

Rechte nur für Amerikaner

Die Gruppe nickt zustimmend, Ousman nimmt einen Schluck Tee und fährt fort: "Diese Regierung verfolgt sicher eine deutlich brutalere Realpolitik als vorausgegangene US-Regierungen. Internationaler Gerichtshof? Nur für andere. Menschenrechte für Kriegsgefangene? Nur für Amerikaner, nicht aber für die Gefangenen auf Guantanamo. Menschenrechtsschutz für zugewanderte Moslems in den Staaten? Die können in den USA beliebig lange festhalten werden, ohne Recht auf Beiziehung eines Anwalts.

"Schlangen unter Wasser"

"Amerikenw ye jijukorolasaw ye de", wirft der Lehrer Hamid, der bisher stumm dagesessen ist, ein: Die Amerikaner seien "Schlangen unter der Wasseroberfläche", d. h. extreme Heuchler. Da spricht Bush in großen Worten davon, dass man der nächsten Generation keine Lasten hinterlassen dürfe und dass man deshalb Saddam eliminieren müsse. Gleichzeitig boykottiert die US-Regierung jedes Umweltabkommen. "Mali ist ein halbtrockenes Ackerbauland und von Verwüstung bedroht. Wenn die Voraussagen der Meteorologen bezüglich der von Menschen verursachten Klimaerwärmung stimmen", rechnet Hamid vor, "dann werden alleine in Afrika Hunderte von Millionen Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren und Dutzende Millionen sterben. Die sind dem Herrn Bush absolut egal."

Hamids Visavis Mamadou gerät ob dieser Worte noch mehr in Fahrt: Wie könne man Bush glauben, dass es ihm um Menschenleben im Irak ginge? Er habe in seiner Amtszeit als Gouverneur fast 300 Menschen hinrichten lassen, mehr als jeder andere westliche Politiker seit dem Zweiten Weltkrieg. Die meisten davon seien Schwarze gewesen. Kein einziges Mal habe Bush einen zum Tode Verurteilten begnadigt.

Erschrecken bei den Schweigenden in der Runde. Die Todesstrafe wird in Mali nicht angewandt. Ich erwähne ironisch, dass George Bush mit dem Schlagwort "compassionate conservative" geworben hat, sich also als "mitfühlender Konservativer" vermarktet. Allgemeines Staunen, außer bei Ousman und Mamadou. "Und das haben die Amerikaner wirklich geglaubt? Haben die nicht gewusst, wieviele Menschen Bush hinrichten ließ?" fragt Hamid.

Clinton nach Afrika!

Mamadou fügt hinzu: "Wir glauben immer, dass die Amerikaner Individualisten sind. Dabei folgen sie ihrer Regierung wie Schafe in jeden Krieg, fast unter Aufgabe jeglicher Vernunft und Kritik." Einen Seitenhieb auf Bushs Amtsvorgänger kann er sich nicht verkneifen: "Die Amerikaner verzeihen ihrem Präsidenten eher, Hunderttausend Nichtamerikaner zu töten als einen Seitensprung zu begehen." Drissa stellt seine Tasse auf den Tisch und fügt ironisch hinzu: "Clinton sollte Präsident in Afrika werden. Er wäre ein toller Politiker, und seine Seitensprünge wären in Afrika überhaupt kein Problem..."

Ousman wendet sich eindringlich an mich: "Wir haben nichts gegen Amerikaner. Ich lese gerne amerikanische Autoren, wir sind von der amerikanischen Technik beeindruckt, lieben amerikanische Musik und Sport. Ich mochte Clinton und Carter. Aber wir, praktisch die gesamte Bevölkerung in Mali, halten diese US-Regierung für äußerst bedenklich." Mamadou schmunzelt: "Es gibt für Afrikaner auch etwas Gutes an diesem Konflikt. Viele Weiße glauben, dass Schwarze ihnen intellektuell unterlegen seien oder Schwarze von Natur aus aggressiv sind. Können diese Vorurteile aufrecht bleiben, wenn man die wesentlichen Akteure des Konflikts betrachtet: Auf der einen Seite Kofi Annan und Colin Powell, auf der anderen George W. Bush und Donald Rumsfeld? Wer könnte aus den vier Personen wirklich in Bush oder Rumsfeld das Endprodukt menschlicher Entwicklung sehen? Diese US-Regierung verbessert unwillentlich das Image der Schwarzen!"

Hyäne zum Ziegenhüten?

Ich zeige mich überrascht, dass das irakische Öl bisher nicht erwähnt wurde. "Mit dem Öl des Irak können die USA entschiedener gegen andere ölexportierende muslimische Staaten vorgehen", meint Ousman. Mamadou wirft ein: "Die USA haben angekündigt, dass sie den Irak kurzfristig verwalten wollen." Präsident Bush und sein Vize Dick Cheney hätten Interesse am Ölgeschäft: "Ni amerikenw be iraki mara, a be ikomi i be ba kalifa suruku ma - Wenn die Amerikaner den Irak administrieren, dann sei das, wie wenn man eine Ziege einer Hyäne anvertrauen würde."

Ich frage, welche Rolle die Religion spiele. "Bush hasst die Moslems!" ruft Asata aus dem Hintergrund. Ousman relativiert: "Ich glaube gar nicht, dass die Religion eine so große Rolle spielt. Vielmehr hat Bush keine Ahnung und auch keinen Respekt vor anderen nichtweißen Kulturen, die er ja auch nie kennengelernt hat. Aber die meisten Menschen in Mali empfinden es - gerade durch die unterschiedliche Behandlung Israels und des Iraks - als Angriff auf den Islam. Kann man es ihnen verdenken, wenn in Israel wie bei einer Treibjagd täglich Menschen erschossen werden und sich dabei keine Stimme aus dem Weißen Haus erhebt?"

"Was passiert mit Mali?" frage ich. "Werden sich die hier lebenden Moslems durch den Irak-Krieg radikalisieren?" Einhellige Antwort: "Nein." Ousman erklärt: "Es wird ein paar Verrückte geben, aber die sind in der Minderheit." Mamadou: "Wir lösen unsere Konflikte anders", und fügt - von deutlicher Frustration und auch von Stolz gekennzeichnet - hinzu: "An te kele fe, an te amerikenw ye - Wir mögen keine Kriege. Wir sind keine Amerikaner."

Der Autor ist Universitätslehrer mit Afrika-Schwerpunkt.

Weitere Informationen:

http://www.afrika-wien.at

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