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Liberalismus: Eine ideologische Spurensuche

thurner linksliberalismus - © Illustration: Rainer Messerklinger
Politik

Armin Thurnher: Mein Linksliberalismus und die Hegemonie der Kühle

1945 1960 1980 2000 2020

"Falter"-Herausgeber Armin Thurnher über das Buch "Im Heizhaus der sozialen Wärme" von Christian Schacherreiter, das neoliberale Paradigma und seine linksliberale Sicht der Welt.

1945 1960 1980 2000 2020

"Falter"-Herausgeber Armin Thurnher über das Buch "Im Heizhaus der sozialen Wärme" von Christian Schacherreiter, das neoliberale Paradigma und seine linksliberale Sicht der Welt.

Werde ich aufgefordert, an einer Debatte zum Thema „Links-liberal “ teilzunehmen, nehme ich selbstverständlich teil. Von Zeit zu Zeit gebʼ ich den Alibilinksliberalen gern. Um nicht zu sagen, den „Kulturmarxisten“, wie ein Blogger der deutschen Tageszeitung Die Welt aus Anlass des rechtsextremen Terroranschlags von Hanau das neuerdings wieder nannte und damit in aller Unschuld den klassischen Rechtsaußen-Terminus „Kulturbolschewismus“ evozierte. An dieser Stelle erfolgt pflichtgemäß der Aufschrei, hier packe schon wieder einer die Nazikeule aus.

Zuvor hatte zwar ein Neonazi die Schusswaffe ausgepackt, aber von dieser die sozialen Medien dominierenden Auseinandersetzungsmechanik wollen wir gleich wieder Abstand nehmen. Dennoch weiß ich, wo ich spreche. Nämlich in einer Hegemoniedebatte, in der um jeden Zentimeter Boden gekämpft wird. Wenn ich darüber nachdenke, welche Rolle ich in der Öffentlichkeit spiele, so könnte es tatsächlich die eines Linksliberalen sein, obwohl ich selbst kein Problem damit habe, mich als Linker zu definieren. Genaugenommen verstehe ich mich als linker Kapitalist.

Werde ich aufgefordert, an einer Debatte zum Thema „Links-liberal “ teilzunehmen, nehme ich selbstverständlich teil. Von Zeit zu Zeit gebʼ ich den Alibilinksliberalen gern. Um nicht zu sagen, den „Kulturmarxisten“, wie ein Blogger der deutschen Tageszeitung Die Welt aus Anlass des rechtsextremen Terroranschlags von Hanau das neuerdings wieder nannte und damit in aller Unschuld den klassischen Rechtsaußen-Terminus „Kulturbolschewismus“ evozierte. An dieser Stelle erfolgt pflichtgemäß der Aufschrei, hier packe schon wieder einer die Nazikeule aus.

Zuvor hatte zwar ein Neonazi die Schusswaffe ausgepackt, aber von dieser die sozialen Medien dominierenden Auseinandersetzungsmechanik wollen wir gleich wieder Abstand nehmen. Dennoch weiß ich, wo ich spreche. Nämlich in einer Hegemoniedebatte, in der um jeden Zentimeter Boden gekämpft wird. Wenn ich darüber nachdenke, welche Rolle ich in der Öffentlichkeit spiele, so könnte es tatsächlich die eines Linksliberalen sein, obwohl ich selbst kein Problem damit habe, mich als Linker zu definieren. Genaugenommen verstehe ich mich als linker Kapitalist.

Ist es nicht so, dass in unserer Öffentlichkeit das Bekenntnis zur Bestialität des Ertrinkenlassens und zur Verteidigung eines mittelfetten Lebensstandards dominiert?

Ich bin Unternehmer, an dem von mir mitbegründeten „Falter Verlag“ mit 37,45 Prozent beteiligt und insofern nicht ganz unerfolgreich, als dieser Verlag mittlerweile im fünften Jahrzehnt besteht, unabhängig von Parteien, Konzernen oder Lobbys. Das bringt meine Gegner mitunter in Verlegenheit, und sie vergessen zu fragen, was das Linke an dieser Kapitalistenrolle wäre. Meines Erachtens nach besteht es vor allem in der Bevorzugung von Menschen vor Material und, was damit zu tun hat, mit Flexibilität bezüglich der Gewinnerwartung. Hätte unser Verlag die standardisierten Erwartungen der Medienbranche übernommen, wären wir längst pleite oder qualitativ verarmt, was ja bei seriösen Medien nur die Vorstufe zur echten Pleite markiert.

Das Buch von Christian Schacherreiter kommt mir nicht unsympathisch vor, obgleich solche wie ich sein direktes Zielobjekt sind. (Lesen Sie hier Schacherreiters Grundsatzkritik in neun Thesen, Anm. d. Red.) Ich gebe zu, die titelgebende Metapher zupft seit Jahrzehnten an meinem Nervenkostüm. Spätestens seit der Philosoph Rudolf Burger in provozierender Absicht und in stilistischer Tradition des Dichters Gottfried Benn, des Romanciers Ernst Jünger und des Philosophen Friedrich Nietzsche den „antifaschistischen Karneval“ auf die Schaufel nahm; oder sein Kollege in Kaltherzigkeit, Konrad Paul Liessmann, Skeptisches über die Demonstrantinnen des Lichtermeers hören ließ; spätestens seit damals ist die Kälte-Metapher in unserem Bewusstsein verankert.

Wegen Erfolges – weggelegt

Wie der Soziologe Helmut Lethen nachwies, hat Eiszeit im 19. Jahrhundert Konjunktur; sie wird als zivilisationshervorbringend wahrgenommen, wenn nicht – wie in der Welteistheorie – als welterzeugend. Im 20. Jahrhundert nehmen so unterschiedliche Denker wie Ernst Jünger und Georg Lukács das Bild auf. Auch Bertolt Brecht war ein Advokat der Kühle. Es stimmt ja, Skepsis und Distanz bringen einen in der gesellschaftlichen Analyse weiter als ein teilnehmendes heißes Herz. Der Ausweg ist Lethen zufolge Ironie, die es möglich macht, „essentialistischen Urteilen“ auszuweichen. Statt Kälte ist Coolness angesagt.

Coolness ist ein Begriff, der in Schacherreiters Buch nicht vorkommt. Ebensowenig wie jener des marxistischen „Wärmestroms“, vom Philosophen Ernst Bloch geprägt und dem Kältestrom gegenübergestellt, die bei ihm einander beide bedingen. Und schon gar nicht finden wir Marshall McLuhans heiße und kalte Medien. Schacherreiters Buch nimmt sich der Wärme an, aber es ist nicht kalt. Es ist persönlich. Dem Autor geht es weniger um Begriffsklärung als um seine biografische Erfahrung, sprich um seinen eigenen Linksliberalismus, der ihm abhanden kam oder den er weglegte.

Diese Ideologie legte er trotz oder wegen deren übergroßen Erfolgs weg: „Seit meiner Jugend war die linksliberale Weltdeutung sehr erfolgreich, sie drang in viele Medien ein, sie wurde in den soziokulturellen Räumen, in denen ich seit Jahrzehnten arbeite, nämlich Bildung und Kultur, zum dominanten Code, zum ideologischen Fundament, das kein Zentralkomitee brauchte, um lange Zeit die Diskurshoheit im öffentlichen Leben zu behaupten.“ Ich habe mein Problem mit der Behauptung dieser Diskurshoheit, meine aber zu verstehen, was der Autor meint.

Kann der Kulturbereich die gesellschaftlichen Diskurse so stark prägen, dass ökonomische und soziale Fakten außen vor bleiben können? Die Medien im Land sind zu einem minimalen Teil „linksliberal“; 90 Prozent befinden sich in konservativer bis reaktionärer Hand. An den Universitäten gelang es der Linken höchstens an einigen Fakultäten, diskursprägend zu werden. Wirtschaft, Finanz, Polizei, Militär, Verwaltung, Justiz,Forschung, Technik, Medizin, Politik, katholische Kirche – sie alle sind weit davon entfernt, linksliberal dominiert zu sein. Können Bildung und Kultur tatsächlich den Eindruck erwecken, die Gesellschaft sei von Warmherzigkeit derart durchdrungen, dass diese alle ihre Entscheidungen prägt? Sind jene fünf Intellektuellen von Robert Menasse bis Robert Misik, die Schacherreiter offenbar faszinieren, derart wirkungsmächtig? Und reichen ihre Argumente, manchmal scharfsinnig, manchmal im Eifer des Gefechts überspitzt, um eine gesamte gesellschaftliche Strömung zu konstruieren?

Ist es nicht vielmehr so, dass in unserer Öffentlichkeit das Bekenntnis zur notgedrungenen Bestialität des Ertrinkenlassens und zur Verteidigung eines mittelfetten Lebensstardards mit allen Mitteln dominiert und zum Erreichen satter politischer Mehrheiten reicht? Was wäre das überhaupt, linksliberal? Über „liberal“ erfahren wir erstaunlich wenig. Für „links“ zeichnet Schacherreiter eine gemischte Genealogie aus Sozialdemokratismus, Studentenbewegung und Marxismus-Leninismus. Das mag für manche Überreste der 68er Bewegung zutreffen, zu denen sich Schacherreiter offenbar zählt, aber für eine Begriffsklärung reicht es bei Weitem nicht.

Da werden Sozialdemokraten und Lifestyle-Linke durcheinandergeworfen, die schon lange nicht mehr deckungsgleich sind (wenn sie es je waren). Da wird ein Lob des Unternehmertums gesungen, das manche aus der anvisierten Gruppe genauso gut zustimmend singen könnten (zum Beispiel, siehe oben, der Rezensent). Käme dieses Plädoyer für Verantwortlichkeit und Initiative nicht zugleich als Verteidigung eines Philanthrokapitalismus à la Dietrich Mateschitz, Bill Gates und George Soros daher und würde damit das Problem der Entmächtigung des Staates durch international organisierte Steuervermeidung nicht allzu billig entsorgt, täte man sich ebenfalls leichter.

Linke Blasen und Juste Milieu

Ich verstehe, dass man vom mobartigen Verhalten mancher linker Blasen in den Social Media abgestoßen sein kann; ich verstehe, dass einem altgewerkschaftliche Staatsgläubigkeit auf die Nerven gehen kann; und ja, das moralisierende Juste Milieu existiert und kann einen in seiner Gefühligkeit ganz schön anwidern. Aber all das ist noch lange kein Anlass, bei einer Geschichte des vorläufigen Untergangs der Linken auf die Erwähnung einer wesentlichen (nicht der einzigen) Ursache dieses Untergangs zu verzichten, des Neoliberalismus.

Er ist der größte propagandistische Erfolg der Zeit nach 1945. Er zeigt mustergültig, wie man Köpfe, Herzen (zum Teil auch von Sozialdemokratie und Grünen) und letztlich die Macht mit Geld und Geist erobert. Dieser hegemoniale Kampf dauert noch an, und jeder Abgesang oder auch Lobgesang auf die Linke müsste sich in dieser Propagandaschlacht positionieren. So wohlmeinend, abwägend, warm und freundlich Schacherreiters Buch daherkommt, ist doch sein Verzicht darauf, seine Position in diesem Propagandakrieg offen zu markieren, sein größtes Manko. Denn alles nimmt in dieser Auseinandersetzung Stellung, selbstverständlich auch diese Rezension. Die Frage ist nur: wie offen?

Lesen Sie hier die neun Thesen zur Krise des Linksliberalismus von Christian Schacherreiter.

Armin Thurnher - © Foto: Irena Rosc

Armin Thurnher

Der Autor ist Herausgeber der Wiener Wochenzeitung „Falter“. Zuletzt erschienen von ihm der Roman „Fähre nach Manhattan“ (Zsolnay) und die Kolumnensammlung „Seinesgleichen“ (Falter).