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#Auf internationaler Ebene merkwürdig abwesend und unambitioniert#

Der politische Journalist und Autor Christoph Bertram über Deutschlands Verantwortungs-Verweigerung in der internationalen Politik und verloren gegangenes Elan auf Ebene der europäischen Union.

Christoph Bertram war 1970 bis 1982 Mitglied der Leitung des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) in London, danach Redakteur der ZEIT. Bis 2005 leitetet er die Stiftung Wissenschaft und Politik. Seit 2004 im Vorstand des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

DIE FURCHE: Die Deutsche Wiedervereinigung galt vielen Politikern und Intellektuellen auch als mentale Befreiung Deutschlands. Was waren Ihre Erwartungen in den Jahren 1989/90?

Christoph Bertram: Zunächst empfand ich wie alle eine fundamentale Freude. Aber ich hatte auch ein Gefühl der Unsicherheit. Ich wusste nicht, in welche Richtung das Land gehen würde. Ich hatte die Sorge, dass unser europäisches Engagement nachlassen würde, dass die Bundesrepublik beginnen würde, eine sehr viel stärkere, rein nationale Rolle in Europa zu spielen. Gleichzeitig war ich zuversichtlich, auch weil Helmut Kohl ein Kanzler war, der bewusst diesen Sorgen entgegenzuwirken versuchte.

DIE FURCHE: Die Achse Kohl#Mitterand hat ja dann auch die Europäische Einigung kräftig vorangetrieben mit dem EU-Vertrag und der Währungsunion.

Bertram: Ja. Die Verankerung Deutschlands in Europa wurde stärker. Aber man merkte dann Ende der 90er-Jahre, dass hier eine neue Generation in die politische Verantwortung kam, für die die europäische Verbindung zwar eine Selbstverständlichkeit war, die aber fragte, was sind denn die deutschen Interessen? Nur führte das neue Selbstgefühl # von der kurzen Episode der Opposition zum Irak-Krieg abgesehen # nicht zu eigenem internationalem Gestaltungswillen.

DIE FURCHE: War das ein Fehler?

Bertram: Ich habe das immer für kurzsichtig gehalten. Ein Land vom Gewicht der Bundesrepublik Deutschland muss den Ehrgeiz haben, zu gestalten. Das gilt für Europa, für den Raum um Europa herum und vielleicht auch darüber hinaus. Aber das scheint nicht der Ehrgeiz der bundesrepublikanischen Führungsschicht zu sein. Deutschland ist international merkwürdig abwesend und unambitioniert.

DIE FURCHE: Man könnte sagen, Deutschland ist eine sich selbst widerstrebende Macht. Halb zieht man sie, halb sinkt sie hin.

Bertram: Die Frage ist nur: Wer zieht und wer sinkt hin? Wir sind ja nicht in Afghanistan, weil wir da konkrete strategische Ziele verfolgten, sondern aus Bündnistreue zu den USA. Wir haben ein Verhältnis zu Russland, das zwischen romantischer Nostalgie, Misstrauen und wirtschaftlichen Interessen schwankt. Was die Integration Europas betrifft, nähern wir uns den Österreichern und Briten in ihrer Skepsis an, ohne uns darüber klar zu werden, wie sehr wir uns damit ins eigene Fleisch schneiden. Ein integrationsskeptisches Deutschland wird weltweit eine geringere Rolle spielen, weil es nur als Teil eines handlungsfähigen Europas seine internationalen Interessen wahrnehmen kann

DIE FURCHE: Welche Fragen wären denn eher europäische Fragen, die Deutschland vorantreiben sollte?

Bertram: Eigentlich alle internationalen Probleme. Wie sollte unser Verhältnis zu China sein, zu Indien, zu Russland, zu den USA? Die Bundesrepublik sollte mit eigenen Anregungen diese Diskussion vorantreiben und zugleich alles tun, damit ein Konsens unter den EU-Mitgliedstaaten wachsen kann. Aber wir ziehen es vor, diese Aufgabe anderen zu überlassen, und mit den Schultern zu zucken, wenn niemand sie wahrnimmt. Und anstatt strategisch zu denken, denken wir lieber wirtschaftlich.

DIE FURCHE: Deutschlands Zurückhaltung ist auch nachteilig für die Stellung Europas in der Welt?

Bertram: Ja. Denn die EU kann nur international wirken, wenn ihre Staaten zusammenwirken. Dafür müssen aber die Unions-Schwergewichte sagen, wir sind bereit, unsere Politik in dieser Union zusammenzuführen. Und Deutschland muss dabei mit vorangehen. Diesen Willen vermisse ich; sein Fehlen zeigt sich ja auch am Verfall der deutsch-französischen Beziehungen. Jahrzehntelang buhlte die Bundesrepublik um Frankreich. Nun ist das umgekehrt, aber wir zeigen Paris die kalte Schulter. Es gibt in Berlin keine engagierte Europafraktion mehr. Dass der Lissabonvertrag das ändern könnte, ist eine Illusion.

DIE FURCHE: 2000 hat Gerhard Schröder noch glühend die EU-Verfassung angepriesen. Warum ging Elan so schnell verloren?

Bertram: Sicherlich auch als Folge einer wachsenden Entfremdung der Bürger von Europa durch die rasche Erweiterung der Union und die Globalisierungsängste.

Die Entfremdung von Europa ist gewiss kein auf Deutschland beschränktes Phänomen. Aber kein anderes Land würde durch den Verfall der Integration so beschädigt wie Deutschland, und wenig andere Mitgliedstaaten haben das Gewicht, Europa voranzubringen.

DIE FURCHE: Haben die Schwierigkeiten bei der Einheit zur EU-Entfremdung beigetragen?

Bertram: Für Deutschland bedeutete die Einigung eine Herkulesaufgabe. Sie ist mit großen Anstrengungen geschafft worden, und darauf kann man auch stolz sein. Aber damit konnten wir uns nicht aus der internationalen Politik verabschieden. Denn zeitgleich mit der Vereinigung wurden wir in eine neue, globalisierte Welt gestoßen, in die Kriege auf dem Balkan, die Krisen jenseits unserer Grenzen, die internationalen Folgen des 11. 9. 2001 Wir zogen es vor, so zu tun, als gäbe es keine wesentlichen neuen Anforderungen an uns selbst. Deutschlands internationale Enthaltsamkeit beruht auf einer Mischung aus von Selbstzufriedenheit und Bequemlichkeit, mit einer Prise weiser Selbstbeschränkung. Und diese wird, fürchte ich, noch lange die Außenpolitik prägen.

DIE FURCHE: Oft wird mit den Schatten der Vergangenheit argumentiert #

Bertram: Allenfalls die Erfahrung der Jahrzehnte seit 1945. Wir sind ja so lange damit gut gefahren; die Frage ist nur: Wie lange noch? Die Belastung durch die Vergangenheit 1933#1945 und die Rücksicht auf entsprechende ausländische Sorgen spielt dagegen kaum noch eine Rolle. Derzeit ist es doch so, dass unsere Partner mehr von uns erwarten, als wir bereit sind zu geben. Davor können wir uns mit dem Hinweis auf die Vergangenheit nicht herausreden.

* Das Gespräch führte Oliver Tanzer

Der Autor

Christoph Bertram hat zahlreiche außenpolitische Expertisen auch in Buchform vorgelegt. Zu seinen Publikationen zählen #Partner nicht Gegner#, über die Beziehungen zum Iran und #Europa in der Schwebe # der Frieden muss noch gewonnen werden#.

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