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Aufstand der Mönche

Ob jetzt in Tibet oder vor einem halben Jahr in Burma - Bhuddas Enkel machen mobil.

Der Dalai Lama ist genauso von den heftigen Tumulten in Tibet überrascht worden wie die chinesische Führung in Peking - diese These klingt gewagt, sie ist aber begründbar: Anfang dieses Jahres diagnostiziert der in der Schweiz lebende Exil-Tibeter Wangpo Tethong in der Furche einen Mentalitätswandel unter Tibetern im Exil und in Tibet: "Wir trauen uns wieder mehr zu und wir sind kreativ - die Chinesen können nicht damit rechnen, dass unser Protest einmal aufhören wird!" Tethong ist Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Tibet, das für die Zulassung tibetischer Sportler bei den Olympischen Spielen in Peking gekämpft hat und nach wie vor gegen die Ablehnung des Internationalen Olympischen Komitees protestiert.

Minderheit im eigenen Land

Tethong beklagt in diesem Furche-Gespräch auch das "zu konziliante" Entgegenkommen des Dalai Lamas gegenüber den Chinesen: "Seine Heiligkeit sucht den Dialog, aber was ist das für ein Dialog, wenn sich die Gegenseite nicht bewegt?" Und er kritisiert, dass der Dalai Lama zu sehr darauf achtet, dass er die Tibeter nur ja nicht zu Aufständen ermutigt. Deswegen fehle es diesen an Führung - "doch wenn der Dalai Lama ein Wort sagt, sie sind bereit!"

Jetzt haben die tibetischen Mönche ihren Protest anlässlich des 49. Jahrestags der chinesischen Invasion Tibets ohne die Führung ihres geistlichen Oberhaupts gestartet: Mit 500 demonstrierenden Mönchen aus dem Drepung-Kloster in Lhasa hat der letztwöchige Aufstand seinen Anfang genommen; 600 Mönche aus dem Sera-Kloster in Lhasa sind gefolgt, sowie 400 Mönche des Lutsang Klosters in der nordwestlichen Provinz Qinghai, sowie 100 Mönche aus dem Kloster Myera in der Provinz Gansu … Laut unbestätigten Nachrichten von Internet-Bloggern aus Lhasa sollen selbst die Mönche mit Messern auf Chinesen losgegangen sein. Der Hass der Tibeter hat sich dabei vor allem gegen chinesische Geschäfte und Banken entladen, die den schrankenlosen Zuzug von Chinesen nach Tibet symbolisieren, der die Tibeter zur Minderheit im eigenen Land macht.

Gewaltloser Dalai Lama …

Diese gewaltbereiten Tibeter stehen in krassem Gegensatz zum Dalai Lama, der die Autonomie Tibets innerhalb Chinas ausschließlich mit gewaltfreien Mitteln zu erreichen versucht. Die chinesischen Vorwürfe, die "Dalai Clique" stecke als Rädelsführer hinter den Unruhen, gehen deswegen völlig ins Leere. Der Dalai Lama ist es gewesen, der in den 1970er-Jahren den bis dahin bewaffneten Widerstand der Tibeter gegen die Chinesen auf seinen gewaltlosen Freiheitskampf eingeschworen hat.

"Unsere gewaltfreie Politik bewirkt, dass selbst unter den Chinesen viele die Politik des Dalai Lama unterstützen", erklärt Kelsang Gyaltsen, der Sondergesandte des Dalai Lama, gegenüber der Furche die Strategie seines geistlichen und weltlichen Chefs: "Wir können das Tibet-Problem nur lösen, wenn wir bei der chinesischen Bevölkerung auf Verständnis und Unterstützung stoßen. Daher wird längerfristig die Politik seiner Heiligkeit des Dalai Lama richtig und erfolgreich sein."

… vs. militante Buddhisten

Insofern muss Peking sogar hoffen, dass der "Staatsfeind" Dalai Lama für die Tibeter die zentrale Führungsfigur bleibt. Verlassen die von der erfolglosen Diplomatie der letzten Jahrzehnte enttäuschten und frustrierten Tibeter den gewaltlosen Weg ihres Oberhaupts, erwächst den Chinesen nämlich ein weitaus größeres und vor allem für alle Beteiligten blutiges Problem. Und der allgemeine Trend im buddhistischen Asien geht derzeit genau in diese gewaltbereite Richtung.

"Armeen der Erleuchteten" ("Armies of the Enlightened") überschreibt das US-Magazin Newsweek einen Beitrag in ihrer Nummer vom 10. März dieses Jahres, in dem die wachsende politische und an einigen Orten militante Rolle des Buddhismus in Asien beschrieben wird: Thailand, Indien, Sri Lanka, Vietnam, Taiwan, China, Tibet, Burma … In allen diesen Ländern formiert sich ein "engagierter Buddhismus", der sich gegen Militärmachthaber, gegen kommunistische Parteikader genauso positioniert wie gegen ungezügelten Kapitalismus und Materialismus. Und nicht überall zeigt dieser "engaged Buddhism" das freundliche Gesicht von gewaltlosen Mönchen, die sich im Namen ihrer Landsleute einem waffenstarrenden und aggressiven Regime entgegen stellen. Newsweek zitiert einen Religionswissenschafter, der sagt: "Ich mag die Bezeichnung, buddhistischer Fundamentalismus nicht', aber die Militanz in diesen Gruppen wächst."

Zuerst beten, dann töten

In Thailand unterstützt 2006 eine ultrakonservative buddhistische Fraktion den Militärputsch und hilft mit, Premierminister Thaksin Shinawatra - eine Art asiatischer Berlusconi - zu stürzen. Und dieser Tage verteidigt der thailändische Premierminister Samak Sundaravej das Militärregime im Nachbarland: Burmas starker Mann Than Shwe, der im September 2006 die brutale Niederschlagung der Mönchsproteste angeordnet hat, sei ein guter Buddhist, der jeden Tag bete, verkündet Sundaravej. Und über Burma werde zu Unrecht einseitig negativ berichtet, kritisiert Thailands Regierungschef, den mit Burma vor allem große wirtschaftliche Interessen verbinden.

Ashin Sopaka, einem burmesischen Mönch, der im Exil in Thailand lebt, vergeht bei soviel Falschinformationen die Buddhisten gerne zugeschriebene Gelassenheit. Sopaka sagt, dass er es in Thailand vermeidet, burmesisch zu sprechen, um nicht als ungeliebter Flüchtling erkannt und im besten Fall nur beschimpft zu werden. Die Situation der burmesischen Flüchtlinge in Thailand ist katastrophal, schildert der 20-jährige Mönch die Tragödie seiner Landsleute: Männer werden als Arbeits-, Frauen als Sexsklaven missbraucht, Kinder als beides. Währendessen gehen die ethnischen Säuberungen des Militärregimes in Ost-Burma weiter; über 3200 Dörfer sollen bereits dem Erdboden gleichgemacht sein, über eine Million intern Vertriebener irrt durch das Land.

UN-Invasion in Burma

Mönch Sopaka versteht nicht, wie die Welt diesem Treiben untätig zusehen kann: Die Menschen in Burma hoffen, sagt er, dass UN-Friedenstruppen ins Land einmarschieren und die Regierungsgebäude bombardieren. Auf den Einwand, so etwas werde nie passieren, reagiert er verständnislos: "Warum? Wie kann das die UNO zulassen?" Genau ein halbes Jahr nach dem blutigen Ende der Demonstrationen gegen die Militärs sind Burmas Mönche nach wie vor bereit, ihr Leben für einen Machtwechsel zu opfern, sagt Sopaka, aber die Angst damit auch Tausende Zivilisten in Lebensgefahr zu bringen, hält sie derzeit von weiteren Kundgebungen ab.

Und wenn schon keine UNO-Truppen zu Hilfe eilen, fordert der Mönch, der auf Einladung des "Austrian Burma Centers" zur Berichterstattung aus erster Hand nach Österreich gekommen ist, soll sich wenigstens UN-Generalsekretär Ban Ki-moon der Burmesen annehmen und nicht bloß einen Gesandten schicken, der vom Regime ignoriert und als Lachnummer desavouiert wird. Und die Zeit drängt: Im Mai will das Regime ein Verfassungsreferendum über die Bühne bringen, dass seine Macht einzementieren soll. Derzeit affichieren Mönche unter Lebensgefahr Plakate im Land, die die Burmesen zu einem "Nein" aufrufen. Der Text auf diesen Plakaten lautet: "Nein! Denn wenn sie dich töten, töten sie einen, aber mit diesem Referendum töten sie Generationen."

Weitere Info unter:

www.austrianburmacenter.at

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