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Aus der Welt herausgefallen

Vor Krieg oder Folter geflüchtete Menschen haben oft so tiefe Wunden zugefügt bekommen, dass die ganze Welt darin verschwindet. Eine Todeserfahrung, ohne wirklich tot zu sein.

Als die Wellen des Tsunami Tod und Zerstörung hinterließen, kamen Menschen nach Österreich als Boten des Schreckens. Sie waren auf Urlaub. Und viele traumatisiert. Dass medizinische und therapeutische Versorgung wichtig für sie ist, damit sie wieder Boden unter den Füßen für sich und ihre Familie finden, war allen einsichtig.

Als er ankam, traute er niemandem, er konnte sich kaum konzentrieren. Die Nacht wurde ihm zum Tag, um den Albträumen zu fliehen. Seine Frau und seine kleine Tochter hatte er seit seiner Flucht nicht mehr gesehen. Ihn quälten Schuldgefühle wegen eines Freundes, dessen Namen ihm unter schwerer Folter entschlüpft war und der daraufhin verschwand. Er zeigte sich bisweilen fahrig und weinerlich, dann wieder gefasst. Das Gespräch über Frau und Kind führte zu bitterlichem, krampfartigem Weinen. Hingegen erzählte er die Geschichte seiner Verhaftung äußerst leblos und distanziert. An der Stelle, an der eine Schilderung der bis dahin nur kurz erwähnten Folter zu erwarten war, verfiel er in Schweigen. Es ist das Schweigen eines Flüchtlings aus Tschetschenien.

Total ver-rückte Welt

Eine Ahnung darüber, was das Gefühl, die Welt zu verlieren sein könnte, gibt uns Jan Philipp Reemtsma, der von Erpressern dreißig Tage in einem Keller gefangen gehalten wurde. Seine Aufzeichnungen beschreiben eine total ver-rückte Welt: "Alles ist wie es war, nur passt es mit mir nicht mehr zusammen. Als trüge ich eine Brille, die alles einen halben Zentimeter nach links oder rechts verschiebt. Ich kann nichts mehr begreifen, der Tritt fasst die Stufe nicht mehr. Oder als seien die Oberflächen der Dinge leicht gebogen, als würde nichts mehr Halt finden, das ich hinstellen möchte. Welt und ich passen nicht mehr. Der Schwermütige, der tief Traurige, geht an oder in der Welt zugrunde. Aber wenn die Welt und ich nicht mehr zusammenpassen, dann ist alles, was wichtig ist, in der Welt ist, und ich eben nicht darin." Das wirklich Furchtbare ist die absolute Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein. Wer sein Testament macht, verfügt über den Tod hinaus, er ist da. Wer vollständig ohnmächtig ist, ist bei lebendigem Leibe nicht mehr da. Als wäre er aus der Welt herausgefallen.

Man kann seinen Schlüssel verlieren oder seine Brille, aber die Welt verlieren? Und doch: Manche Menschen haben eine Wunde zugefügt bekommen, so tief, dass die ganze Welt darin verschwindet. Wunde heißt griechisch Trauma. Traumatisierte Menschen sind schwer Verwundete. Das erlittene Trauma lässt eine massive Verletzung zurück. Das Vertrauen in die Welt ist verloren. Eine Todeserfahrung ohne wirklich tot zu sein. Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt, sagt Jean Amery. Die Überlebenden verlieren den Boden unter den Füßen, den Stand in der Welt. Es ist nicht allein eine tiefe Erschütterung, es ist vielmehr ein völliges Wegbrechen. Es ist das Gefühl, verloren zu gehen, den Kontakt mit der umgebenden Welt zu verlieren. Die Überzeugung bricht zusammen, man könne sich in der Welt sicher fühlen.

Die häufigste Reaktion, die dieser Erfahrung folgt, ist die Posttraumatische Belastungsstörung: Depressionen, Angst, Panikattacken, Ess- und Schlafstörungen. Fünf bis 30 Prozent der Flüchtlinge, je nach Fluchtursache, sind nach uno-Angaben schwer traumatisiert. Sie kommen auch nach Österreich.

"Ich sterbe jede Nacht, aber immer finde ich mich lebend wieder und muss wieder aufstehen; dabei habe ich solche Schmerzen. Warum lässt Gott mich nicht sterben, wie alle meine Angehörigen?" Die junge Frau klagt über Schlafstörungen und Albträume, in denen sie von ihrem verstorbenen Angehörigen träumt. Sie erzählt, dass der Leichnam eines verstorbenen Freundes von den Soldaten mitgenommen worden sei, und es daher kein Begräbnis gegeben hat.

Die Therapeutin nützt diese Stunde für ein symbolisches Begräbnis. Wie wäre die Beerdigung gewesen, wenn es eine gegeben hätte? Die junge Frau beginnt zu erzählen, wer das Essen gekocht hätte, welche Speisen es gegeben hätte, wer aller gekommen wäre, wo sich das Grab befinden würde. Während sie spricht, weint sie sehr viel. Während sie dieses Bild des Begräbnisses entstehen lässt, fallen ihr auch schöne Erinnerungen mit dem Verstorbenen ein, die sie auch erzählt. Am Ende der Sitzung wirkt die junge Frau müde und erleichtert. Eine Woche später berichtet sie, dass sie nun endlich schlafen könne und auch nicht mehr vom Verstorbenen träume.

Da hilft keine warme Dusche

"Heilung im eigentlichen Sinn ist nicht möglich", beschreibt die Psychotherapeutin Barbara Preitler die Therapiesituation. Was geschehen ist, kann nicht rückgängig gemacht werden. Verfolgung, Lager, Folter sollen aber Teil der Vergangenheit werden und nicht mehr die Gegenwart der Überlebenden vergiften und blockieren. Wir können begleiten auf dem Weg der Trauer um all das Verlorene und so zumindest den Blick auf die Zukunft im Exilland Österreich eröffnen.

Man könne sich an alles gewöhnen, heißt es. Zum Gewöhnen gibt es hier nichts. Kein aus dem Unglück Auftauchen wie aus einem Albtraum, den man unter der Dusche abwaschen kann. Für die Opfer von traumatischen Geschehen ist nicht nur der Moment des Ereignisses, sondern auch das Heraustreten aus dem Ereignis traumatisch. Das Überleben selbst ist eine Krise. Nach der Flucht in erster Sicherheit scheinen die Gefühle eingekapselt, das Schreckliche eingefroren, die Betroffenen wirken apathisch. Sie tragen das Schreckliche nicht auf der Zunge. Sie brauchen Zeit und Vertrauen, um zu sprechen.

Erst nach einiger Zeit bricht das Entsetzliche auf. Die Geretteten erwachen mit Trauer, Schmerz, Verwirrung. Viktor Frankl hat das mit der Erkrankung eines Tauchers verglichen, der zu rasch aus der Tiefe aufgestiegen ist. Ihre Verwirrung ist eine normale Reaktion auf eine abnormale Situation.

Der Regenbogen bleibt grau

Traumatisierte tragen eine unmögliche Geschichte in sich. Eine wahnsinnige Realität manifestiert sich als Symptom im Menschen. Sie könne die Farben des Regenbogens nicht sehen, klagt die junge Flüchtlingsfrau, als sie durch die Gitterstäbe der Schubhaftzelle blickt. Auch wenn sie mit allem Nachdruck die Erscheinung am Himmel fixiert, sie sehe nur grau.

Ein funktionierendes soziales Netz, stabile verständnisvolle Beziehungen und öffentliche Anerkennung des Leids sind entscheidend für die Bewältigung des Traumas, hingegen reaktivieren Schubhaft, sachunkundige Gutachter im Asylverfahren oder permanente Abschiebungsgefahr das Erlittene aufs Neue. Da drohen dann Kettenabschiebungen bis zurück ins Verfolgerland.

Auch die exzessive Anwendung von Schubhaft in Österreich ist Gift für Folterüberlebende. Vor den Gefängnissen zuhause geflohen und wieder ins Gefängnis gekommen. Und das bei Menschen, die nichts angestellt haben als um Schutz anzusuchen. Das ist so, als würde man einen Allergiker unter einen blühenden Baum setzen. Und der Regenbogen, der sich zwischen Himmel und Erde ausstreckt, bleibt grau.

Der Autor ist Sozialexperte der Diakonie Österreich und seit vielen Jahren im Vorstand von "Hemayat" - therapeutische Betreuung von Folterüberlebenden (www.hemayat.org).

Siehe auch Kommentar Seite 8.

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