Aus Sorge und Liebe zu Israel

Warum kommen nicht Tausende Friedenspilger nach Israel, um die Friedensinitiativen im Heiligen Land zu bestärken?

Auf der Dachterrasse des verwinkelten Hauses in Bethlehem genießen wir mit Familie Zoughbi die kühle Abendluft. Plötzlich tauchen israelische Kampfhubschrauber auf. Ein Angriff wird befürchtet. Doch erst am nächsten Morgen werden wir in dem Hotel, in dem sich auch eine internationale Gruppe von Friedensarbeitern befindet, durch schwere Einschläge, dann durch Geknatter automatischer Gewehre, aufgeschreckt. Palästinensische Soldaten benutzen das Hotel als Schutzschild, schießen auf einen israelischen Stützpunkt. Es ist Intifada 2. Die Gewalt eskaliert, und kein Ende abzusehen?

Die einst mächtige Friedensbewegung "Peace Now", der Arbeiterpartei nahestehend, die sich ab 1977 für eine Verhandlungslösung auf dem Prinzip "Land für Frieden" massiv gegen die illegale israelische Siedlungspolitik einsetzte, ist seit Beginn des Osloer Friedensprozesses verstummt. Doch auf beiden Seiten gibt es Hoffnungsträger: viele kleine, mutig engagierte Friedensgruppen humanitärer, religiöser und politischer Ausrichtung. Einige davon sind dem Internationalen Versöhnungsbund (IVB) angeschlossen. Sie zu besuchen, zu hören, Solidarität und Kooperation zu stärken war Ziel unserer Delegation, der der Leiter des US-Versöhnungsbundes, die internationale Vorsitzende und ich selbst angehörten.

Gemeinsame Zielsetzung der palästinensischen wie israelischen Friedensgruppen ist, trotz ideologischer Nuancen, die Einstellung der Gewalt von beiden Seiten, Ende der illegalen Siedlungspolitik und der Besetzung, Wahrung der Menschenrechte und Rückkehr zu Verhandlungen über eine Zwei-Staaten-Lösung.

Unrecht aufarbeiten

Zurück zu Zoughbi, dem Leiter von Wiàm, einer Basisbewegung in Bethlehem, die sich um den Aufbau einer gerechten, demokratischen Gesellschaft bemüht. Dort lernen junge Menschen, Unrecht aufzuarbeiten statt zu rächen, im Konflikt die Menschenwürde aller, auch die des Gegners zu achten, humane Beziehungen aufzubauen, Möglichkeiten der Begegnung mit Israelis zu schaffen (dies ist jetzt leider nur noch im Ausland möglich). Die ethischen Werte, die arabischen Christen und Muslimen in der Zeit der Ottomanen-Herrschaft und des britischen Mandats Durchhaltekraft verliehen (Teilen, Hilfsbereitschaft, Hochhalten der Menschenwürde, Überwindung von Revanche) werden neu belebt. "Es geht darum", sagt Zoughbi, "eine Kerze der Hoffnung anzuzünden, statt die Dunkelheit zu verfluchen."

Eine andere mit dem IVB verbundene Gruppe ist die "Bibliothek auf Rädern für Gewaltfreiheit und Frieden" in Hebron. Sie umfasst 15.000 Bücher und versorgte 100 Dörfer der Region. Seit der militärischen Abriegelung durch Israel ist nur noch eines erreichbar. Deshalb wurde der Schwerpunkt der Arbeit in die gewalterfüllte Altstadt Hebrons verlegt, wo es am Patriarchengrab wiederholt zu Unruhen zwischen der arabischen Bevölkerung und religiösen, schwer bewachten jüdischen Gruppen kommt. Feriencamps mit Kindern für Traumabewältigung, Erlernen von Achtung voreinander und friedlicher Streitschlichtung werden durchgeführt sowie eine Dokumentation von Menschenrechts-Verletzungen. Der Leiter, Nafez Assaly, ist überzeugt: "Würde Arafat unsere Waffen Israel übergeben, wäre dies ein Zeichen unserer Stärke. Wir würden Israel von Angst befreien und Frieden für alle gewinnen."

Alte Ängste, neu belebt

Die Eskalation der Gewalt hat aber auch Tod und Leiderfahrung in die israelische Bevölkerung getragen. Alte Ängste von Holocaust und Vertreibung sind neu aufgebrochen und dies in einer durch Zuwanderung multikulturellen Gesellschaft mit sehr unterschiedlichen Haltungen. Hierin ist wohl die starke Unterstützung von Sharons Gewaltpolitik begründet. Überzeugung der Friedensbewegung ist jedoch, dass nur eine Verhandlungslösung und friedliche Einbindung Israels in der Region Sicherheit und Frieden garantieren können. Aus Sorge und Liebe zu Israel setzt sie sich deshalb in dieser Zielrichtung ein.

In Haifa lud uns die VB-Gruppe "Palestinians and Israelis for Non-Violence" zu einem Gespräch ein, an dem zwei christliche Araberinnen und eine engagierte israelische Friedensfrau teilnehmen. Die intime Atmosphäre Gleichgesinnter erlaubte es den Araberinnen, ihr Herz zu öffnen und die Bitterkeit, das Leid der erlittenen Verletzungen (gegen die anwesenden Israelis) herauszuschreien: "Als Kinder lebten wir Christen in guter Nachbarschaft mit Muslimen und Juden. Als Älteste führte ich die Geschwister zum Spielen in den Park. Doch auf einmal begannen jüdische Kinder uns zu beschimpfen und fortzujagen. Und so ging es weiter: immer und überall verachtet, die Würde verletzt, ausgegrenzt." Die jüdische Aktivistin entgegnete vehement: "Ich wurde zionistisch im biblischen Anspruch auf Erez Israel erzogen. Erst als mein Sohn in den Libanonkrieg eingezogen wurde, öffneten mir die Toten dieses Krieges die Augen für die Wahrheit, dass Gott, Gerechtigkeit für alle Bewohner dieses Landes fordert. Ich wurde Kämpferin für Kriegsdienstverweigerer und für ein Ende der Siedlungspolitik. Doch an der Universität, wo ich unterrichte, bin ich alleingelassen."

Diese Eruption von Frustration und Bitterkeit bestätigte neu, wie wichtig es ist, Räume zu schaffen, in denen Leid hinausgeschrien, verständnis- und liebevoll angehört werden kann, um schließlich zur Grundlage einender Gemeinsamkeit zu werden. Tausende solcher Räume müssten geschaffen werden.

Daneben wäre eine neue Form von Pilgerreisen nötig. Hunderttausende fanden an den heiligen Stätten Vertiefung ihres Glaubens. Sollte nicht jetzt, da das Heilige Land furchtbarem Leid ausgesetzt ist, diese Kraft in mutigem Friedenszeugnis an den Seiten der Bedrängten eingesetzt werden? Warum kommen nicht Tausende Friedenspilger, um aus Liebe zu Israel und Palästina mutig durch Barrieren zu schreiten, die Friedenshoffnung aller zu bestärken. Können wir, wenn wir nichts zu verlieren bereit sind, Zeugen des Friedens Jesu sein?

Die Autorin ist Ehrenpräsidentin des Internationalen Versöhnungsbundes.

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