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Austro-amerikanische Ideenvielfalt

Ein Essay-Band in Englisch spiegelt die Weltoffenheit des Historikers Gerald Stourzh wider.

Gerald Stourzh ist wohl bekannt und geachtet in der Zunft zeitgenössischer Geschichtswissenschafter dieses Landes, nicht zuletzt durch seine Studien zur Geschichte des Staatsvertrags und der Neutralität. Vor kurzem hat der renommierte US-Historiker John W. Boyer an der Universität Wien die jüngste Veröffentlichung von "einem der wichtigsten lebenden Historiker Mitteleuropas" gewürdigt, der von Amerika gelernt habe, von dem aber auch amerikanische Kollegen lernen könnten. Vorgestellt wurde ein Sammelband von Stourzh-Essays in geschliffener englischer Sprache (Originale, nur ein Kapitel übersetzt!) über die intellektuelle und politische Ideengeschichte in Europa und Nordamerika.

Wenige derer, die den bescheidenen Professor emeritus kennen, dürften die Multikulturalität und Universalität seines Studien- und Werdeganges vor Augen haben, die uns im einzigen nicht schon früher veröffentlichten Kapitel ("Traces of an Intellectual Journey") entgegentreten. Alle anderen 14 Essays sind schon zwischen 1953 und 2006 der anglophonen Welt bekannt geworden, belegen jetzt aber als 400-Seiten-Band die phänomenale Bandbreite des Wiener Wissenschafters, der mit 22 Jahren promovierte und damals bereits Studien in Wien, Clermont-Ferrand und Birmingham hinter sich hatte. Sechseinhalb Jahre war er als Research Associate in Chicago tätig, publizierte über Benjamin Franklin und später über Alexander Hamilton, forschte an vielen US-Universitäten, schlug aber eine Einladung nach Berkeley aus, um in Wien eine Gesellschaft für Außenpolitik aufzubauen, sich zu habilitieren, zwei Jahre im Auswärtigen Dienst und fünf Jahre an der Freien Universität Berlin zu arbeiten, ehe er in Wien Ordinarius für neuere Geschichte wurde.

Bedingungen der Gleichheit

Er behandelte in den USA nicht vordergründig "das Amerikanische" und in Europa nicht "das Österreichische" oder "das Habsburgische", sondern was Menschen und Völker zusammenhält oder trennt, wie Politik Verfassungen schafft und umgekehrt, was man von Präzedenzfällen lernen kann und wo man weiterdenken muss. So war der Versuch einer "Befriedung durch Trennung" - eigene Institutionen für verschiedene "Volksstämme" um die vorletzte Jahrhundertwende in Böhmen und Mähren - gut gemeint, ließ aber das Staatsbürgerbewusstsein zu Gunsten des nationalen Bewusstseins verblassen und wurde so zur "Falle für viele" und zu einer "tödlichen für die Juden" (S. 176).

"Bedingungen der Gleichheit" als Herzstück moderner rechtsstaatlicher Demokratie hatte Stourzh bei Alexis de Tocqueville kennen und schätzen gelernt. Dem Ringen der Juden um Anerkennung ihrer fundamentalen Gleichheit in der Doppelmonarchie und in der Ersten Republik hat der Autor immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Vor den Worten des zum Straßenputz verdammten Wiener Oberrabbiners Israel Taglicht ("Ich säubere Gottes Erde; wenn es Gott gefällt, gefällt es auch mir") steht Stourzh "in unausrottbarer Scham, in Ehrfurcht und im Bewusstsein der Verpflichtung, jüngeren Männern und Frauen die Überzeugung vermitteln zu müssen: So etwas darf nie wieder geschehen, nie wieder!" (S. 223).

Im Schlussessay von 1961 interpretiert Stourzh den Roman "Der Fall" von Albert Camus als Analyse der Frage nach der unvergebbaren "Sünde wider den Heiligen Geist" (Mt 12,31). Wohl war die Ursünde der Stolz auf menschliche Selbstvervollkommnung - die "unvergebbare Sünde" aber sei Zurückweisung von Erlösung. Ist nicht das Ja zu einem immer wieder neuen Anfang das kostbarste Erbe der jüdisch-christlichen Zivilisation?

From Vienna to Chicago and back

Essays on Intellectual History and Political Thought in Europe and America

Von Gerald Stourzh

The University of Chicago Press, 2007

396 Seiten, Hardcover, $ 45,-

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