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"Bei uns passiert kein Tschernobyl!"

Kernenergie ist unersetzlich, sicher und gut, sagen Uta Naumann und Tim Büscher von der deutschen Kerntechnischen Gesellschaft.

Die Furche: Frau Naumann, Herr Büscher, Sie sind beide vehemente Befürworter der Nutzung von Atomkraft - die in letzter Zeit häufig diskutierte angebliche Renaissance der Kernenergie wird sie also freuen?

Tim Büscher: Das Wichtigste bei dieser Diskussion ist, dass man in Europa wieder über Kernenergie reden darf - und wenn man das unvoreingenommen tut, nicht gleich in die Ecke gesetzt wird.

Die Furche: Ins Eck gestellt hat sich die Kernenergie in Europa vor allem durch den Reaktorunfall in Tschernobyl doch selbst.

Uta Naumann: Tschernobyl war ein Ereignis, das auch mich erschreckt hat. Aber man kann mit Fug und Recht sagen, bei uns in Deutschland passiert so was nicht.

Die Furche: Zur Zeit läuft der Kinofilm "Die Wolke", der vom Gegenteil, von einem Reaktorunfall bei Frankfurt ausgeht ...

Naumann: Das ist Film, das ist Fiktion, und wir sorgen dafür, dass das so bleibt.

Die Furche: Was macht Sie so sicher, dass Atomkraftwerke auch gegen Flugzeugabstürze oder Terroranschläge ausreichend geschützt sind?

Büscher: Die Einrichtungen werden unter diesem Aspekt betrachtet und dementsprechend ausgerüstet: Zaun und Graben, Schleusen, Metalldetektoren: Der Aufwand für die Sicherheit ist enorm.

Naumann: Der 11. September 2001 hat gezeigt, dass man in Sachen Sicherheit beim Flughafen anfangen muss. Dann geht es weiter über Flugüberwachung, Überflugverbote, bis hin zu den Sicherheitsmaßnahmen, die am Atomkraftwerk selbst ergriffen werden. Vieles wird in dieser Hinsicht getan, man kann es aber aus guten Gründen nicht nach außen kommunizieren.

Die Furche: Und die Gefahr für die Anrainer von Atomkraftwerken?

Naumann: Ich wohne fünf Kilometer von einem Atomkraftwerk entfernt, habe zwei gesunde Kinder und bin selber auch gesund. Es ist an Arbeitern in Atomkraftwerken untersucht worden, ob es bei ihnen mehr und andere Krankheitsbilder gibt als bei anderen Menschen - aber auch da Fehlanzeige. Das Risiko, dass in unmittelbarer Umgebung eines Atomkraftwerks eine höhere Strahlung vorhanden ist, ist gering.

Die Furche: Bleibt der radioaktive Müll, der ein Problem für viele künftige Generationen darstellt - ist das verantwortungsvolle Politik?

Naumann: Da haben Sie Recht, dieses Gefühl habe ich manchmal auch, aber da müssen sie zuerst unsere Politiker fragen. Fakt ist, es ist entschieden worden, die Kernenergie zu nutzen und dabei fällt radioaktiver Müll an - nicht sehr viel, aber die Brennstäbe sind radioaktiver Müll, der nicht ungefährlich ist. Den Weg der Wiederaufbereitung will man nicht mehr gehen, auch das würde ja den Atommüll verringern. Nun stehen wir wirklich an einem Punkt, dass wir die Zwischenlager brauchen, bis die Endlager fertig sind.

Die Furche: Bei Erdöl und Erdgas wird viel über die Versorgungssicherheit geredet, die auf sehr wackeligen Beinen steht - wie sieht es bei Uran aus?

Büscher: Das Schöne ist, die Uranminen liegen in politisch stabilen Gebieten, die großen Vorkommen sind in Australien oder Kanada. Erdgas und Öl kommen dagegen aus instabilen Regionen. Deswegen haben wir eine große Versorgungssicherheit. Und der Uranpreis macht ja auch nur einen Bruchteil der Betriebskosten des Kraftwerks, der Bau ist das Teure. Auch wenn sich der Uranpreis verdoppelt, erhöht sich der Strompreis nur gering. Darum wird Kernenergie ja als heimische Energie betrachtet, weil wir eine geringe Abhängigkeit vom Weltmarktpreis haben.

Die Furche: Wird Ihrer Meinung nach deswegen kein Weg an der Atomkraft vorbeiführen?

Naumann: Die Mischung macht es aus! Auch wenn wir in dieser Branche tätig sind, werden wir sicher nicht kommen und sagen: Macht nur Kernkraftwerke. Ein vernünftiger Mix, der einen möglichst stabilen Preis gewährleistet, muss das Ziel sein. Da gehören die regenerativen und konventionellen Energieformen dazu. Aber wir auch, wir als Kernenergie sind auch noch da und tragen unseren Teil bei.

Die Furche: Werden 2020 noch Atomkraftwerke in Deutschland in Betrieb sein?

Naumann: Das weiß ich natürlich! Nein, im Ernst, das kann ich nicht beantworten. Sicher wird nicht das Licht ausgehen, wenn wir keine Atomkraftwerke mehr haben. Ganz sicher bin ich mir aber, dass wir trotzdem Atomstrom brauchen und importieren werden, ganz sicher aus anderen Ländern, vielleicht ja bis dahin aus Österreich (lacht).

Das Gespräch führte Stefan Hofer.

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