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Besuch im roten KERNGEBIET

1945 1960 1980 2000 2020

Im Burgenland schnitt die SPÖ bei der vergangenen Nationalratswahl besser ab als im "roten Wien". Warum eigentlich? Auf Erkundungstour in der Hochburg Schattendorf.

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Im Burgenland schnitt die SPÖ bei der vergangenen Nationalratswahl besser ab als im "roten Wien". Warum eigentlich? Auf Erkundungstour in der Hochburg Schattendorf.

Nähe zu ihren Bürgern soll für Politiker ja wichtig sein. In dieser Hinsicht kann man Johann Lotter wohl keinen Vorwurf machen. Denn sein heutiger Wahlkampfauftritt findet in der Zufahrt eines Einfamilienhauses statt. Auch rundherum stehen Domizile auf großzügigen Grundstücken, mit halb geschlossenen Rollläden und Ausblick über die Hügel Schattendorfs. Hinter dem offenen Garagentor schenkt ein Mann mit SPÖ-Jacke Spritzer aus, am Tischchen daneben sind Schüsseln mit Schwarzbrot und Aufstrichen platziert. "Dass wir in der Gemeinde zusammen kommen, ist wichtig", sagt Lotter, rote Outdoorjacke über weiß gestreiftem Hemd, in ein Mikrofon und lässt seinen Blick entlang der versammelten Runde schweifen. Gut drei Dutzend Menschen sind gekommen. Sie lehnen an Stehtischen, sitzen auf Bierbänken - und hören ihrem Bürgermeister zu. "Mit dem Dorfshuttle können wir in der Gemeinde jetzt zum günstigen Tarif von A nach B fahren", sagt er, und: "Es ist uns gelungen, einen neuen Nahversorger nach Schattendorf zu bringen." Am 1. Oktober hat der Bürgermeister eine Gemeinderatswahl zu schlagen. Die "große Wahl" zwei Wochen später kann er bei seinen Wahlkampfauftritten gleich mitnehmen: "Wir dürfen nicht vergessen, worum es am 15. Oktober geht. Und ich glaube, dass wir vor Sebastian Kurz liegen werden."

Rote Pendlerstruktur

Es ist ein Heimspiel für den 51-jährigen Landesbeamten. Nicht nur weil ihn hier, in seiner 2400-Einwohner-Gemeinde, jeder kennt. Sondern auch, weil seine Partei, die SPÖ, in dieser Gegend so gute Ergebnisse erzielt, wie sonst nirgendwo in Österreich. Selbst die roten Hochburgen in Wien sind für die Sozialdemokratie nicht mehr das, was sie einmal waren. Innerhalb der roten Kernmilieus verliert die SPÖ seit Jahren Stimmen an die Freiheitlichen, der klassische Arbeiterbezirk Simmering hat gar seit 2015 einen blauen Bezirksvorsteher. Doch auf das Burgenland ist für die Genossen Verlass: Seit 1964 wird das östlichste Bundesland durchgehend von roten Landeshauptleuten regiert, bei der vergangenen Nationalratswahl lagen die bundesweit fünf stärksten SP-Gemeinden allesamt im Burgenland: Tschanigraben, Inzenhof, Neutal, Draßburg - und Schattendorf. 61,1 Prozent der Wählerstimmen konnte die Kanzlerpartei 2013 hier verbuchen. Auch das landesweite Gesamtergebnis sprach damals für sich: Mit 37,3 Prozent erreichte die SPÖ im Burgenland ihren besten Wert - vor Kärnten und Wien. Woher rührt die rote Dominanz im pannonischen Flachland?

Die sozialdemokratische Hegemonie ist eng mit der Pendlerstruktur des Burgenlandes verknüpft. Das Bundesland verfügt über keine größeren urbanen Strukturen und ist stark agrarisch geprägt. Was üblicherweise ein Fall für schwarzes Kernmilieu ist, hat im Burgenland andere Auswirkungen: Denn der typische pannonische Landwirt war traditionell von eher bescheidenen Besitzverhältnissen geprägt und meist Nebenerwerbsbauer, der unter der Woche zum Arbeiten nach Wien pendelte -ab den Sechzigerjahren häufig am Bau oder in anderen klassischen Arbeiterberufen. In der Hauptstadt kam er über Betriebsrat und Gewerkschaft häufig mit sozialdemokratischen Strukturen in Berührung, was nicht ohne Einfluss auf Weltanschauung und Wahlverhalten blieb. Und dann gibt es da noch die Burgenlandkroaten, die als gesellschaftliche Gruppe durch zwei Eigenschaften hervorstechen: Sie sind katholisch. Und sie wählen rot.

Das Urteil von Schattendorf

Schattendorf selbst ist ein typisch ostösterreichisches Straßendorf. Mit einer Raiffeisenbank, einer Trafik und einem Wirtshaus in der Hauptstraße, in der Pensionisten auf Bänken vor ihren Häusern sitzen. Es gibt eine neue Volksschule aus Glas und Beton, eine freiwillige Feuerwehr und ein Schwimmbad. In Gehweite steht das Elternhaus des ehemaligen roten Kulturministers Josef Ostermaier, der die Wochenenden gelegentlich in seinem Heimatort verbringt. Jenseits der beschaulichen Hauptstraße zieht sich der Ort in die Hügel, dort stehen herausgeputzte Einfamilienhäuser auf großzügigen Grundstücken - moderne Domizile mit anthrazitfarbenen Garagentoren, Großbalkonen und südseitigen Glasfronten. Baugrund ist in Schattendorf aber schwer zu bekommen, wenn er nicht schon seit Generationen der Familie gehört. Größere Arbeitgeber gibt es in der Gemeinde kaum. Viele Schattendorfer pendeln für ihre Jobs in die Landeshauptstadt Eisenstadt, nicht mehr ganz so viele nach Wien.

Österreichweit bekannt ist der Ort durch die politisch-historische Dimension, die er für das blutige Ende der Ersten Republik erlangte: Im Jänner 1927, die politischen Lager rüsteten damals mit paramilitärischen Einheiten auf, schossen in Schattendorf drei Mitglieder der monarchistisch geprägten Frontkämpfervereinigung auf die Teilnehmer einer Demonstration des Republikanischen Schutzbundes, der zur sozialdemokratischen Partei gehörte. Dabei töteten sie ein sechsjähriges Kind und einen Schutzbündler aus dem burgenländischen Klingenbach. Die Täter wurden später wegen Notwehr freigesprochen. Nur einen Tag nach dem Schattendorfer Urteil, am 15. Juli 1927, brannte der Justizpalast: Aufgebrachte Arbeiter hatten sich davor versammelt und Feuer gelegt, die Regierung unter Ignaz Seipel ließ die Demonstration gewaltsam niederschlagen. 84 getötete Demonstranten und fünf tote Polizisten waren die Folge. Der Weg in den österreichischen Bürgerkrieg nahm seinen Lauf.

Und dann gibt es da noch etwas anderes, das die Schattendorfer stark geprägt hat. "Da, wo ich jetzt stehe, war ein durchgehender Stacheldrahtzaun", ruft Herbert Schefberger und deutet im Gras eine Linie an. "Dort, wo Sie stehen auch. Und in den zehn Metern dazwischen: Alles voller Minen." Schefberger ist Obmann der örtlichen ÖVP und kann sich an die Zeiten des Eisernen Vorhangs, als das Burgenland die Pufferzone zwischen östlicher und westlicher Hemisphäre war, noch lebhaft erinnern. "Manchmal ist eine Mine von selbst hochgegangen. Dann hat es in der Schattendorfer Kirche die Fenster zerrissen." Denn der Ort liegt direkt an der ungarischen Grenze. Steigt man auf die kleine Anhöhe neben der Kirche, sieht man ins nahegelegene Sopron, wo mancher Ostösterreicher hinfährt, um günstiger einzukaufen oder sich bei Zahnkronen und Botoxbehandlungen Geld zu sparen.

Angst vor offenen Grenzen

Die Nähe zu den osteuropäischen Nachbarn war es auch, die noch weit nach Fall des Eisernen Vorhanges für aufgeheizte Debatten im Burgenland sorgte und ein politisches Thema immer wieder in den Fokus rückte: Sicherheit. Zumindest wenn es um die Wahrnehmung der Bevölkerung geht. Denn die Statistik des Bundeskriminalamtes weist für das Burgenland die österreichweit niedrigste Kriminalitätsrate aus. Doch als 2007 aufgrund des Schengener Abkommens die Grenzen zu den neuen EU-Mitgliedsstaaten geöffnet wurden, ging im Burgenland nicht nur die Angst um Arbeitsplätze, sondern auch jene vor Einbrecherbanden aus Osteuropa um. All das hat bei den Burgenländern tiefe Spuren hinterlassen.

Wohl deshalb sind es gerade pannonische Rote, die das Thema Sicherheit innerhalb ihrer Partei auch bundesweit dominieren: Landeshauptmann Hans Niessl gewinnt mit dem Thema regelmäßig Wahlen und trat stets als gewichtiger Fürsprecher des Bundesheer-Assistenzeinsatzes auf.

Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil, ehemals burgenländischer Landespolizeidirektor, machte es sich zur Aufgabe, sich als sicherheitspolitischer Anpacker zu profilieren, um die Thematik nicht FPÖ und ÖVP zu überlassen. Und auch Schattendorfs roter Bürgermeister Lotter nennt Einbrüche als eines der größeren Probleme der Gemeinde. Will man im Burgenland politischen Erfolg haben, scheint am Themenkonglomerat Sicherheit jedenfalls kein Weg vorbeizuführen.

Gerade deshalb sind die Voraussetzungen für ein ähnlich starkes Nationalratswahlergebnis wie vor fünf Jahren für die Genossen heuer nicht die besten. Denn unter Außenminister Sebastian Kurz hat die in allen Umfragen führende ÖVP den Umgang mit Migrationsbewegungen und das Meta-Thema Sicherheit zur Chefsache erklärt - und dürfte damit auch in Burgenlands roten Lagern wildern. In der SPÖ-Hochburg Schattendorf hat man einen Wahlsieg der Parteifreunde auf Bundesebene aber noch nicht abgeschrieben - und übt sich in demonstrativem Optimismus. "Die Bilanz, was wir hier umgesetzt haben, spricht für sich", sagt Bürgermeister Lotter zum Abschluss seines Wahlkampfauftritts beschwörend. "Und reden können wir von der SPÖ schließlich auch."

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