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"Bildung ist Schlüssel zu allem"

Seit 18 Jahren arbeitet und lebt die deutsche Ärztin und Ordensfrau Chris Schmotzer in Pakistan für die nichtstaatliche Organisation "Aid to Leprosy Patients" (Hilfe für Lepra-Patienten). Im Furche-Interview berichtet sie von den Problemen, als Christin in einem islamisch dominierten Land zu leben, und vom Wiederaufbau nach dem verheerenden Erdbeben.

Die Furche: Mittlerweile liegt das verheerende Erdbeben in Pakistan ein Jahr zurück. Sie waren als Ärztin und Vertreterin der nichtstaatlichen Organisation (NGO) "Aid to Leprosy Patients" als eine der ersten europäischen Hilfsorganisationen vor Ort. Wie beschreiben Sie die Lage heute?

Chris Schmotzer: Der Wiederaufbau geht leider nur sehr langsam vor sich. Das betroffene Gebiet ist nicht nur riesengroß, sondern auch sehr bergig und schwer zugänglich. Es gibt immer noch Gegenden, in denen die Menschen obdachlos und kaum mit dem Nötigsten zum Überleben versorgt sind. Im Sommer kam dann das Problem der Monsunregenfälle hinzu, wodurch es sehr viele Überschwemmungen und Erdrutsche gab. Vor dem Winter brauchen wir daher sicherlich neben dem normalen Aufbauprogramm noch ein weiteres Nothilfeprogramm, um eine neuerliche humanitäre Katastrophe zu verhindern.

Die Furche: Braucht es also neue Gelder und Spendenaufrufe?

Schmotzer: Nein, es geht vor allem darum, dass die Not der Menschen in Pakistan auf der politischen und auf der sozialen Agenda bleibt. Nur weil Pakistan nicht mehr im Fokus der Medien steht, heißt das noch lange nicht, dass die Not der Menschen behoben ist. Finanzielle Mittel stehen zur Verfügung oder sind zugesagt, jetzt geht es vor allem darum, das Angedachte und Geplante auch wirklich vor Ort umzusetzen.

Die Furche: Was ist bereits erreicht, und was hindert Sie am weiteren Aufbau?

Schmotzer: Unsere Organisation war eine der ersten, die mit dem Wiederaufbau begonnen hat. Seit März dieses Jahres haben wir rund 50 Häuser wiederaufgebaut, alle nach den neuen Richtlinien erdbebensicheren Bauens. Leider ist auf Seiten der pakistanischen Behörden viel Inkompetenz dabei, sodass die Umsetzung von Bauprojekten oft mühsam ist. Die Bürokratie hat zum Beispiel dazu geführt, dass wir bis Juni praktisch allein als Hilfsorganisation in Pakistan tätig waren, da die anderen NGOs noch in den Zulassungsverfahren steckten.

Die Furche: Aber mittlerweile funktioniert die Zusammenarbeit?

Schmotzer: Zwischen den Hilfsorganisationen ja, auf jeden Fall. Wir müssen einander auch helfen und zur Kenntnis nehmen, damit es nicht in einigen Landesteilen zu Doppelversorgung oder eben zu einer Unterversorgung kommt.

Die Furche: Was wären die dringlichsten Schritte, um den Wiederaufbau voranzutreiben?

Schmotzer: Wichtig sind zwei Dinge: die nachhaltige Stärkung des Gesundheitssystems sowie eine Reform des Bildungssystems. Gerade Tuberkulose ist noch immer ein riesiges Problem: derzeit gibt es rund 275.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Aber auch Blindheit ist ein großes Thema: rund ein Prozent der Bevölkerung ist blind, bei 140 Millionen ist das eine Riesenzahl. Die Programme haben zwar - vor allem dank der Unterstützung aus Europa wie durch die "Christoffel Blindenmission" oder "Licht für die Welt" - große Fortschritte gemacht, aber es sind noch viele Dinge zu tun, um annähernd die Probleme in den Griff zu bekommen. Insgesamt spreche ich hier von einem Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren.

Die Furche: Und die Bildung?

Schmotzer: Die Reform des Bildungssystems ist für mich eine Schlüsselfrage, an der sich die Zukunft Pakistans entscheiden wird. Leider ist es in Pakistan immer noch so, dass es keine allgemeine Schulpflicht gibt. Es gibt Gegenden, wo kaum ein Kind die Schule besucht. Dagegen gibt es fast überall Koranschulen, aber die sind eben nicht genug vom Staat reguliert und in ihren Lehrinhalten kontrolliert. Bei anderen Schulen unterrichtet ein Lehrer alle Fächer - ebenfalls völlig unkontrolliert. Gute Schulen gibt es eigentlich nur im städtischen Bereich. So kann von Chancengleichheit für Kinder keine Rede sein. Die Bildung ist wirklich der Schlüssel zu allem anderen.

Die Furche: Sie leben seit 18 Jahren als Christin in einem islamischen Land. Wie gestaltet sich das tägliche Leben für Sie?

Schmotzer: Meine Eindrücke sind sehr unterschiedlich: Zum einen erfahren wir aufgrund unserer Arbeit sehr viel Wertschätzung durch die Muslime. Christliche Einrichtungen wie Missionskrankenhäuser oder Schulen werden von der Mehrzahl der Bevölkerung einfach sehr geschätzt. Zum anderen gibt es aber auch immer wieder Bombenangriffe auf christliche Kirchen. Das war insbesondere nach dem 11. September 2001 ein akutes Problem. Derzeit ist die Lage relativ ruhig.

Die Furche: Trotz "Karikaturenstreit" und "Papstrede"?

Schmotzer: Diese Dinge sind hier natürlich auch medial angekommen, aber insgesamt ist es so, dass die Menschen sich hier viel weniger für diese Dinge interessieren, als man in Europa vielleicht durch die Medien vermittelt bekommt. Da wird viel aufgebauscht. Wir haben das schon bei Demonstrationen erlebt, dass sie in internationalen Medien als riesengroß dargestellt wurden, obwohl hier nicht mehr als 500 Leute auf der Straße waren.

Die Furche: Nochmals zurück zur Frage der christlichen Minderheit, die nur zwei Prozent der pakistanischen Bevölkerung stellt. Wirkt sich das in der gesellschaftlichen Position der Christen aus?

Schmotzer: Ja, die christliche Minderheit hat es ziemlich schwer. Nach dem gesellschaftlichen Status gefragt, lebt die Mehrzahl der Christen ganz unten auf der sozialen Leiter. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass Südasien eigentlich noch immer stark hinduistisch geprägt ist und die Christen nach dem hinduistischen Kastensystem zur untersten Gruppe der Unberührbaren zählen. Dieses soziale Verständnis hat sich leider - zumindest unbewusst - bis heute erhalten. Es gibt nur sehr wenige Christen in höheren Gesellschaftsschichten oder in anspruchsvolleren Berufsgruppen. Wobei man aber bedenken muss, dass in Pakistan nicht "der" Islam vorherrscht, sondern sich die Anteile auf 85 Prozent Sunniten und 15 Prozent Schiiten verteilen. Diese Gruppen bekämpfen sich auch recht stark untereinander. Es gibt also keine einheitliche religiöse "Front" gegen die Christen.

Das Gespräch führte Henning Klingen.

Helfen als Lebensaufgabe

Chris Schmotzer ist seit 18 Jahren in Pakistan tätig und gehört der evangelischen Kommunität der Christusträger-Schwestern an. Schmotzer wurde 1955 geboren und trat sofort nach der Matura in den Orden ein. Sie studierte Allgemeinmedizin in Heidelberg und machte eine Facharztausbildung in Gynäkologie. Die Region, in der die Ärztin derzeit arbeitet, leidet noch heute unter den schweren Verwüstungen des Erdbebens von 2005. Obwohl Gelder zugesagt wurden und Hilfsorganisationen die Lage der Menschen verbessern wollen, geht der Aufbau im Krisengebiet nur schleppend voran, da die Bürokratie der pakistanischen Behörden ein effizientes Arbeiten unmöglich macht. Seit vierzig Jahren sind die Christusträger-Schwestern in Pakistan für die arme Bevölkerung im Einsatz: Sie betreiben ein Krankenhaus für Lepra- und Tuberkulose-Kranke und setzen sich auch für die Augenvorsorge ein. Ein Projekt, das ohne die Hilfe der Christoffel-Blindenmission nicht möglich wäre. Das Erdbeben hat die Arbeit der Schwestern in Pakistan und somit auch von Chris Schmotzer völlig verändert. Die Schwestern reisten mit Helfern sofort nach Bekanntwerden des Bebens ins Krisengebiet um zu helfen, und retteten somit vielen Menschen das Leben. Auch die pakistanischen Medien berichteten, dass es im muslimischen Land ausgerechnet christliche Schwestern waren, die als Ersthelfer den Opfern zur Seite standen. Christoffel-Entwicklungszusammenarbeit- Spendenkonto: PSK 92.011.650, Blz. 60000

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