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Briefe aus Washington von Peter Millonig

Krumm gelacht

Karl Rove, Chef-Stratege des Weißen Hauses, hatte für den soeben beendeten Konvent der Republikaner in New York die folgende Order ausgegeben: Wir sprechen zur Parteibasis, vermitteln eine weitreichende Botschaft und reißen John Kerry durch permanente Infragestellung seiner Person nieder.

Demgegenüber hatten sich die Demokraten bei ihrem Parteitag in Boston Ende Juli folgender Strategie verschrieben: Wir demonstrieren Einigkeit, stellen Kerrys Kriegseinsatz in Vietnam in den Vordergrund, sprechen zum Wechselwähler und attackieren die Administration Bush nur mäßig.

Heute wissen wir, dass die Republikaner den besseren Spielplan gewählt haben. Die Menschen fahren auf Stärke und Witz ab, nicht auf Konzilianz und Ernsthaftigkeit. Deshalb war es auch wenig verwunderlich, dass es sogar honorige Herren aus den Sitzen riss, als Arnold Schwarzenegger donnerte, die demokratischen Pessimisten seien "ökonomische Weicheier".

Während Bill Clinton bei den Demokraten die beste Rede hielt und zu verstehen gab, dass "four more years of Bush" für das Land unerträglich wären, entfachte Rudy Giuliani, Alt-Bürgermeister von New York, den flammendsten Appell für die Verhinderung von John Kerry. Keynote-Speaker Zell Miller, demokratischer Senator aus Georgia, der 1992 noch für Bill Clinton in den Ring gestiegen war, verurteilte in einer Hasstirade John Kerrys Haltung in puncto Militärausgaben. Die Taktik, einen wütenden Zell Miller für die Republikaner sprechen zu lassen, war genial, wenngleich unehrlich. Dick Cheney, der inhaltlich ebenso heftig an Kerrys Image rüttelte, konnte danach den Eindruck eines über den Dingen stehenden Polit-Profis vermitteln.

Was sagte zu all dem die christliche Parteibasis? Sie wurde ins Waldorf-Astoria geladen, wo Senator Sam Brownback aus Kansas, fernab von TV-Kameras und Journalistennotizen, die Menschen zur Einhaltung christlicher Werte beschwor. Kaum zu glauben, welchen Unterschied zwanzig Jahre ausmachen: Beim Parteitag 1984 in Dallas sprach niemand ein schlechtes Wort über Walter Mondale. Diesmal lachten sich millionenschwere Zuschauer im Madison Square Garden krumm, als John Kerry - zum größten Teil ehrlos - demontiert wurde.

Der Autor lebt als Industriekonsulent in Washington, D.C. und publiziert in amerikanischen und europäischen Print-Medien.

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