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Briefe nach "oben"

Das Rennen um die Hofburg ist eröffnet - im Sechs-Jahres-Rhythmus finden Amt und Bewerber plötzlich ein Maß an Aufmerksamkeit, das ihnen dazwischen vielfach versagt bleibt.

Auch ich bin in diesen Tagen von Medien befragt worden: Wie wichtig ist dieses Amt? Was braucht unser Land? Wer wäre geeignet? Ich habe versucht, das Anforderungsprofil aus persönlicher Erfahrung nachzuzeichnen: Weltoffenheit und Heimatliebe, Verfassungstreue und Überparteilichkeit, Autorität und Vermittlungstalent, Charakterstärke und und ...

Ein "Bauchladen" von Rechten, Pflichten und Talenten.

Ein weiteres Erfordernis habe ich bisher nicht erwähnt - ich möchte es hier nachholen. Vielleicht erinnern Sie sich an Felix Mitterers "Sibirien": Da ist der alte, zornige Mann im Gitterbett eines Pflegeheims, verlassen, hilflos, und zum zweiten Mal in seinem Leben deportiert. Damals Fritz Muliars zutiefst berührendes Solo. Gegenwart und Vergangenheit fließen ineinander: die triste Realität jetzt und die Kriegsgefangenschaft einst. In einer letzten Auflehnung phantasiert er sich den Bundespräsidenten herbei, als Ohrenzeuge seiner Leidensgeschichte - und als Tröster.

In "Sibirien" geschieht, was sich Tag für Tag ereignet: Verzweifelte, am Leben und am Sozialsystem scheiternde Menschen suchen einen letzten Halt. Finden nur noch den Bundespräsidenten und bitten um Aufmerksamkeit, Mitgefühl oder eine offene Hand. Ihre Not hat viele Gesichter. Aber ihre Sehnsucht ist die immer gleiche: Wo niemand mehr hilft, bewährt sich (vielleicht) der Präsident. Weil er direkt gewählt ist und also direkt zuständig - für alles.

Überzeugende Humanität

Die Neujahrsnummer der deutschen Zeit hat das Thema der "Briefe nach oben" aufgegriffen: Circa 3000 Briefe und Mails erhält Bundespräsident Gauck im Monat. Gemessen an der Bevölkerungszahl sind es in der Wiener Hofburg noch mehr: 750 bis 800 Menschen hoffen pro Monat auf das Ohr, die Vermittlung, die Güte des Staatsoberhaupts. Kurt Waldheim setzte für unverschuldete Not seine UNO-Pension ein. Thomas Klestil und Heinz Fischer konnten bzw. können auf ein bescheidenes Sozialwerk (vorwiegend aus Spenden) zurückgreifen. Zumeist aber geht es nicht um Pekuniäres, sondern um Wahrnehmung der Ängste, Wünsche, Ärgernisse.

Aller Begrenztheit des Verfassungsauftrags zum Trotz: Es ist die vielleicht schönste Aufgabe, die dieses Land zu vergeben hat. Denn dieses Amt blüht aus vielen Wurzeln, darunter aus einer überzeugenden Humanität des Präsidenten. Es wurzelt, wenn es gut geht, tief im Vertrauen der Bürger - und es verdorrt im Misstrauen.

Wenn wir am 24. April zur Wahl gehen (und vielleicht auch noch einmal zur Stichwahl), dann sollten wir neben anderen Überlegungen auch diesem Gedanken einen Raum schenken: Wem trauen wir nicht nur viel an Kompetenz zu, sondern auch an gelebter Mitmenschlichkeit?

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