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"Bruchlinien, die es nicht zu kitten gilt"

Politologe Hubert Sickinger und Sozialwissenschaftlerin Karin Stögner zeigen anhand von Bruno Kreisky und Jörg Haider Ungereimtheiten der nationalen Identität auf.

Die Furche: Hätten auch zwei andere Politiker oder Politikerinnen Fallbeispiele für Bruchlinien der österreichischen Identität sein können?

Hubert Sickinger: Dieses Buch (siehe unten) entstand im Kontext eines internationalen Forschungsprojekts. Bruno Kreisky und Jörg Haider sind nach außen hin mit Abstand die bekanntesten Politiker der Zweiten Republik; vielleicht hätte man noch Kurt Waldheim als Fallbeispiel nehmen können.

Die Furche: Inwiefern verdeutlichen diese Politiker die Bruchlinien der österreichischen Identität?

Sickinger: Es gibt eine vordergründig Parallele: Aus ganz unterschiedlichem Hintergrund lief die Vergangenheitspolitik von beiden bis zu einem gewissen Grad auf eine kollektive Versöhnung hinaus; sie betrieben eine Politik der Entsorgung der Vergangenheit. In der Ära Kreisky wurde viel im Bereich Zeitgeschichte gearbeitet, auch für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Aber Kreisky, als Sozialdemokrat und Jude, hat tunlichst darauf geachtet, einen versöhnlichen Zugang gegenüber ehemaligen Nationalsozialisten zu wahren. Viele Österreicher, die sich der NSDAP angeschlossen haben, waren für ihn von den Umständen Verführte, also Opfer, außer es waren Kriegsverbrecher. Haider wiederum, der aus einem NS-belasteten Elternhaus stammt, war zumindest bis Mitte der 90er Jahre klar im deutschnationalen Milieu zuhause. Für Haider waren die Österreicher Deutsche - womit das Abschieben der Verantwortung nach außen nicht möglich ist. Stattdessen hat er Täter von damals durch Vereinnahmung in eine vorgeblich homogene "Soldatengeneration" und deren pauschale Verteidigung gegen oft nur unterstellte Kollektivschuldvorwürfe ebenso pauschal entschuldigt.

Die Furche: Kreisky war selbst NS-Opfer, viele seiner Familienmitglieder wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Wie kann man erklären, dass er dennoch versöhnlich gegenüber ehemaligen Nazis auftrat?

Karin Stögner: Ohne mich tiefenpsychologisch mit Kreisky beschäftigen zu können - was mir als Sozialwissenschaftlerin nicht zusteht -, kann man sagen, dass bei ihm ein starker Verdrängungsmechanismus im Gange war. Zudem hat Kreisky, der während der Zeit des Austrofaschismus inhaftiert war, diesen als Voraussetzung für den Nationalsozialismus in Österreich angesehen. In seinem Erlebnishorizont bestand diese Monokausalität, die historisch nicht zutrifft. Es ging auch um ein Buhlen beider Großparteien ums "Dritte Lager". Durch diese Haltung gegenüber dem Austrofaschismus gelang eine klare Abgrenzung von der ÖVP.

Die Furche: Es spielte auch, wie Sie im Buch herausarbeiten, bei beiden Politikern ein gewisser Trotz eine Rolle in ihrem politischen Handeln. Inwiefern?

Stögner: Hinter solchem Trotz stand bei Kreisky das Gefühl, seine jüdische Herkunft betonen und sich rechtfertigen zu müssen. Es wurde ihm ein besonderes Bekenntnis zur österreichischen Nation abverlangt, nur aufgrund dessen, dass er jüdischer Abstammung war. Das Schlimmste, was er sich in dieser Hinsicht erlaubt hat, waren die Beschimpfungen gegenüber Simon Wiesenthal und israelischen Politikern, die antisemitisch ausgelegt werden können. Damit hat er international für Aufsehen gesorgt.

Die Furche: Es hat damals wenig Aufschrei in Österreich hervorgerufen.

Stögner: Natürlich hat es antisemitischen und latent antisemitischen Kreisen gefallen, dass es ein österreichischer Jude Israel einmal so richtig zeigt. Wenn es um sein Judentum ging, reagierte er immer im Bewusstsein, eine ganz bestimmte Erwartungshaltung der Österreicher erfüllen zu müssen. Er hat natürlich gewusst, dass es ihm als doppelte Loyalität ausgelegt worden wäre, hätte er auch nur irgendeine Sympathie mit Israel gezeigt. Das war die Konsequenz eines sekundären Antisemitismus, der sich deutlich an Israel festmachte. Gegen diese Form des Antisemitismus nach dem Holocaust hat sich Kreisky sehr wohl gewehrt, aber er hat es oft auf die falsche Art und Weise getan.

Sickinger: Haiders Trotz drang immer dann durch, wenn er als betont deutschnationaler Politiker gefragt wurde, wie er denn nun die Verbrechen des Nationalsozialmus benenne. Hier war zunächst entscheidend, welche Antwort für ihn politisch gerade opportun war. Er war zum Beispiel in den USA durchaus bereit, sich vom Nationalsozialismus klar zu distanzieren. Aber er wollte auch nicht den rechten Rand der Partei vor den Kopf stoßen, auf den er vor allem während seines parteiinternen Kampfes um die Parteispitze in den 80er Jahren angewiesen war. Zum anderen gab es emotionale Gründe: Seine Eltern waren Ex-Nationalsozialisten. Er wurde im deutschnationalen Milieu groß. Mit diesem Milieu hat er nie gebrochen; was nicht heißt, dass er selbst noch diesem extrem rechten Rand angehört.

Die Furche: Von Kreisky bleibt ein Mythos. Was ist darüber hinaus sein Erbe in Bezug auf Identität?

Stögner: Wir sehen an der Persönlichkeit Kreiskys die Unsicherheit eines österreichischen Bewusstseins und einer Identität. Es sind Bruchlinien, die es nicht zu kitten gilt, sondern die uns nur bewusst werden sollen. Identität soll ja nicht zu einem starren Konzept werden, das über alle ohne Rücksicht auf Differenzen drübergestülpt wird. Das führt zum Bekenntniszwang und zur erzwungenen Vereinheitlichung von Unterschiedlichem.

Die Furche: An welchen Bruchlinien entlang verläuft heute die Identität?

Sickinger: Sie verläuft nicht mehr entlang der Frage, ob es so etwas wie eine österreichische Identität gibt. Haider hat den Deutschnationalismus, zumindest vordergründig, in den 90er Jahren stillgelegt. Die Frage ist heute, wie inklusiv diese nationale Identität gegenüber Migranten und Migrantinnen ist, vor allem wenn man den politischen Diskurs des BZÖ und der FPÖ anschaut.

Die Furche: Der derzeitige Kärntner Landeshauptmann Haider verdeutlicht die Bruchlinien noch weiterhin. Was ist sein Erbe soweit?

Sickinger: An ihm haben sich viele vergangenheitspolitische Kontroversen entzündet. Bezogen auf historische Diskurse kann man sagen, dass es diese auch ohne Haider gegeben hätte. Er hat durch seine Tabubrüche in Richtung Revisionismus nicht dazu beigetragen, die Vergangenheitsbewältigung in Form einer Gegenreaktion zu beschleunigen, sondern im Gegenteil, er hat sie behindert: aufgrund der zunehmenden Stärke der FPÖ, also aus Angst, alte Wähler zu verlieren, waren SPÖ und ÖVP ebenso zurückhaltend, sich mutig mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Was von ihm wirklich bleibt, ist, dass er einen Bann für rechtspopulistische und ausländerfeindliche Diskurse gebrochen hat.

Das Gespräch führte Regine Bogensberger.

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