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Bürgerlich und hipp: Die Grünen muss man sich leisten können!

1945 1960 1980 2000 2020

Das Zeitalter der Grünen steht vor der Tür. Allen voran in Deutschland. Werden von ihnen Klima-, Gender- und Identitätspolitik auf Kosten der sozialen Frage betrieben? Eine Nachschau.

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Das Zeitalter der Grünen steht vor der Tür. Allen voran in Deutschland. Werden von ihnen Klima-, Gender- und Identitätspolitik auf Kosten der sozialen Frage betrieben? Eine Nachschau.

Die Erzählung der Grünen liest sich wie ein Versprechen. Sie verheißt eine vorwärtsgewandte Zukunftsgesellschaft. Das Ewiggestrige wird abgelegt. Pluralität und Vielfalt sind erwünscht. Für Konservative und Traditionalisten klingt das freilich alles andere als verlockend. Dennoch trauen selbst Kritiker der Umweltpartei zu, die richtigen Antworten auf Fragen der Klimakrise, Geschlechtergerechtigkeit oder Rassismusbekämpfung zu finden. Was diese Themen eint: Sie sind allesamt hochaktuell und werden die kommenden Jahrzehnte prägen.

Aufgrund der Mehrheitsverhältnisse liest sich die grüne Handschrift in der österreichischen Regierungsarbeit einstweilen undeutlich. Dagegen dürfte Deutschland ab Herbst von grüner Politik dominiert werden. Ganz gleich, wer es am Ende ins Kanzleramt schafft. Eine deutsche Bundesregierung ohne die Grünen ist – Status quo – undenkbar.

Die Grünen haben einen Hype ausgelöst. Auch hierzulande. Zumindest in Teilen der Bevölkerung. Die Partei gut zu finden, gilt als en vogue. Allen voran im bildungsaffinen städtischen Milieu. Das führt zwangsläufig zu einem Aspekt, der gerne (am liebsten von den Grünen selbst) totgeschwiegen wird: Die Grünen muss man sich leisten können. Im wahrsten Sinne des Wortes. „Für den, der sich im Alltag vor allem mit materiellen Problemen auseinandersetzen muss, erscheinen die Anliegen der Grünen nicht selten als Luxusproblem“, sagt Markus Wagner, Professor am Institut für Staatswissenschaften an der Universität Wien. Die Grünen fokussieren sich in erster Linie auf immaterielle Werte wie Klimaschutz, Natur, Weltoffenheit oder Identität. In entsprechenden Debatten sind sie Wortführer(innen). Das spricht vor allem Gebildete, Wohlhabende und Frauen an. Es sind die linken Bürgerlichen, die als Kernwählerschaft der Grünen begriffen werden. Das erklärt auch, warum grüne Parteien vor allem in wohlhabenden Staaten erfolgreich sind.

Vorbei an der Lebensrealität

Für die Arbeiterinnen und Arbeiter und/oder für Menschen, die mittelbar oder unmittelbar von Armut betroffen sind, gehen die urgrünen Begehren an der Lebensrealität oftmals vorbei. Diese Bevölkerungsgruppen haben sich bislang noch am ehesten von den Sozialdemokraten vertreten gefühlt. Aber auch dieses Verhältnis wackelt. Einerseits, weil SPÖ wie SPD an Glaubwürdigkeit verloren haben. Das gilt vor allem für Österreich, wo die SPÖ 40 von 50 Jahren den Kanzler gestellt hat und die Mängel, die sie jetzt kritisiert, selbst hätte ausräumen können. Andererseits, weil ein Großteil der Arbeiterschaft aus Zuwanderern besteht, die an ihrem Wohnort nicht stimmberechtigt sind. Laut Politikforscher Wagner ist auch diese Entwicklung nicht unerheblich für den Abwärtstrend von klassischen Arbeiterparteien. Welche gesamtgesellschaftlichen Folgen das haben wird, lässt sich nur erahnen. Gleichzeitig liegt eine Frage auf der Hand: Schwächt die Schwäche der Sozialdemokraten die sozial Schwachen doppelt? Oder zugespitzter formuliert: Werden in naher Zukunft Klima-, Gender- und Identitätspolitik auf Kosten der sozialen Gerechtigkeit gemacht?

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