"Damals kamen sie zum Arbeiten"

Der Blumen-Stefan hat den Überblick. Jeden Tag, sieben Tage die Woche, steht er in seinem Hochsitz und beobachtet das Geschehen. Die Pendler, die am Nachmittag die Bürotürme verlassen und in die Bahnhofshalle eilen. Die Jogger, die in der Abenddämmerung ins Grüne laufen. Die Einkäufer, die die vollbepackten Plastiksackerln aus dem großen Billa tragen. Und die Obdachlosen, die sich täglich auf den Bänken vor seinem Stand treffen.

Ob Montag oder Freitag, ob Sonntag oder Feiertag, der Blumen-Stefan ist immer da. Nur im August, da geht er einen Monat auf Urlaub. Und wenn er zurückkommt, dann findet der Stefan in den Rillen auf der Rückseite seines Standes manchmal kleine verschweißte Päckchen. In den Päckchen ist "Coco", wie man das hier nennt, Kokain, oder ein paar Gramm Marihuana. Dealer haben die Päckchen im Stand vom Stefan versteckt, damit sie nicht zu viel Stoff dabei haben, wenn die Polizei sie kontrolliert. Und damit sie ihn wieder holen können, wenn ein Kunde etwas kaufen will.

Der Blumenstand vom Stefan steht mitten am Wiener Praterstern. Und der Praterstern, den kennen die Leute auch weit außerhalb von Wien. Nicht nur, weil er einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte des Landes ist, sondern auch weil er ständig in den Zeitungen steht. Prügeleien, Messerattacken, Drogendeals. Und vor zweieinhalb Jahren wurde eine Austauschstudentin auf einer der öffentlichen Toiletten vergewaltigt. Da ist die Aufregung bis heute groß.

"Du schaust schlecht aus, Kalaschnikow"

Fast so bekannt wie der Praterstern bis in die hintersten Winkel Österreichs ist auch der Blumen-Stefan hier in diesem Mikrokosmos. Ständig grüßt ihn jemand im Vorbeigehen, einer seiner vielen Stammkunden, oder der Verkäufer vom Balkanimbiss gegenüber. "Hast a Feuer?", fragt ihn die Angestellte vom McDonald's, die in ihrer Pause schnell noch eine raucht.

Jeden Tag um 7.30 Uhr sperrt die Frau vom Stefan ihren gemeinsamen Blumenstand auf. Um die Mittagszeit kommt dann ihr Mann und löst sie ab. Ein Familienunternehmen. An starken Feiertagen oder am Muttertag hilft manchmal auch eines der Enkelkinder mit. Und jeden Tag um kurz vor 19 Uhr sperrt der Stefan wieder zu. Dann räumt er die Magnolien, Tulpen und Nelken in seinen Stand, die den ganzen Tag davor stehen, weil "die Leute kaufen mit den Augen", sagt der Stefan. Dann schließt er die Rollläden aus Aluminium und sperrt die Tür zu.

Und so wie die Leute am Praterstern den Stefan kennen, so kennt auch der Stefan die Leute am Praterstern. Zum Beispiel den Kalaschnikow. Der kommt aus einem osteuropäischen Land, erzählt der Stefan. Und jetzt schon seit Jahrzehnten zum Praterstern. So wie der Stefan selbst, denn den Stand mit seiner Frau betreibt er seit 32 Jahren. Und als der Stefan nach dem Zusperren noch eine Runde über den Praterstern dreht, da sieht er den Kalaschnikow auch schon. Auf einer roten Isomatte. Da liegt er und schläft, mitten in der Bahnhofshalle, neben dem Bankomaten und dem Sushi-Lokal. Erst vor ein paar Tagen hat er den Kalaschnikow getroffen, erzählt der Stefan. "Du schaust schlecht aus", hat er dann zu ihm gesagt. Denn der Kalaschnikow trinkt schon so lange, wie er zum Praterstern kommt und ob der Kalaschnikow den Winter noch einmal überleben wird, da ist sich der Stefan nicht so sicher. Der Blumen-Stefan versteht es, wenn manche es nicht schaffen, sich wieder aufzurappeln. Denn er trifft sie jeden Tag und kennt ihre Geschichten. Der Alkohol ist ein Hund, das weiß der Stefan. Vor allem, wenn man keinen Job hat. Und wenn dann vielleicht noch eine Scheidung dazukommt: Wie eine Spirale nach unten ist das dann. Wie ein Teufelskreis. Aber dass die Asylberechtigten, die gerade erst hier her gekommen sind, genauso viel Mindestsicherung bekommen wie seine Mutter Mindestpension, das versteht der Stefan nicht.

Seine Mutter ist mit ihrem Mann und dem Stefan, ihrem einzigen Kind, vor 50 Jahren nach Österreich gekommen. 1968 war das, und der Stefan damals elf. In der Nähe von Belgrad wohnten sie vorher, in Titos Jugoslawien. "Wenn du da als Kind ein bisschen Halsweh gehabt hast, haben sie dir gleich drei Spritzen mit Penicillin gegeben", erzählt der Stefan. "Weil im Wartezimmer waren 300 Patienten. Aber die Leute waren damals trotzdem zufrieden."

Seine Eltern waren in Jugoslawien "arme Bauern", sagt der Stefan. Und nach Wien kamen sie wie so viele in diesen Jahren als sogenannte Gastarbeiter. Im Kursalon Hübner im Stadtpark haben sie dann gearbeitet, in der Küche, in der Wäscherei und überall sonst, wo etwas anfiel, 18 Stunden am Tag. Damit es dem Sohn einmal besser geht. Den Eltern vom Stefan ist das gelungen. Seine Mutter wohnt heute im Haus mit ihm und seiner Frau, die ebenfalls aus dem heutigen Serbien stammt. Gemeinsam bauten sie ihren Betrieb auf, erzählt der Stefan, zogen in ein Haus am Stadtrand und bekamen Kinder. Aber was er zwischen den Zeilen erzählt, ist auch eine Geschichte von Abstiegsund Verdrängungsängsten. Eine Geschichte also, die so etwas ist, wie die Erzählung unserer Zeit. Obwohl der Stefan selbst eigentlich sehr entspannt ist.

Keiner mehr übrig

Später am Abend sitzt der Blumen-Stefan im Gasthaus Hansy, dunkelrote Fließen, Fiaker-Gulasch und gebackene Kalbsleber auf der Karte, eine Wiener Wirtshaus-Institution am Praterstern. Sonst geht er nicht oft hierher, denn nach der Arbeit muss er heim nach Essling. Er persönlich kommt mit den jungen Afghanen, Tschetschenen und Nordafrikanern am Praterstern gut aus, erzählt er. Der Stefan kann nämlich gut mit den Leuten, das merkt man ihm gleich an. "Habibi, wenn du was brauchst, sag Bescheid", hat einer der Nordafrikaner einmal zu ihm gesagt. Mit den Einwanderern der 1960er-Jahre kann man die aber nicht vergleichen, sagt er. "Damals sind sie zum Arbeiten gekommen."

Auch in der Politik gibt es solche, die mit den Leuten gut können. Der "Charly" Hora war so einer, erzählt der Stefan. Der legendäre rote Bezirkspolitiker, später Bezirksvorsteher der Leopoldstadt, kam oft auf Besuch, um mit den Standlern zu plaudern. "Bei Problemen konntest du immer zu den Roten gehen", sagt der Stefan. Aber außerhalb vom Bezirk haben ihn die Genossen enttäuscht. Vor allem bei der Einwanderung. Die rot-grüne "Willkommenspolitik" in Wien 2015 hat er nicht richtig gefunden. Mit der neuen Bundesregierung ist er deshalb recht zufrieden. "Der Kurz macht eine gute Politik", sagt er.

Und die starken Männer im Ausland, der Orbán und der Putin, die gefallen ihm auch, dem Blumen-Stefan. "Der Putin ist ein cooler Typ." Nur bei Donald Trump ist er sich nicht so sicher. "Der Lustmolch?", fragt der Stefan und lacht. Der sei unberechenbar. Und mehr Geschäftsmann als Politiker.

Wie die Einwanderung die Gesellschaft verändert hat, hat sie auch den Praterstern verändert, sagt der Stefan. "Früher ist da noch der Wiener Schmäh g'rennt." Inzwischen ist von den alten Standlern keiner mehr übrig außer ihm selbst. Über die Jahre war es ein Kommen und Gehen. So wie bei den Sozialarbeitern, die die Stadt an den "Hotspot" geschickt hat. Einen "komischen Job" hätten die schon, sagt der Stefan, auch wenn einige recht okay seien. Denn manchmal hat er den Eindruck, "die Drangler am Praterstern sind mehr geschützt als ich."

Dann trinkt der Blumen-Stefan schnell sein Bier aus und fährt nach Hause. Denn am nächsten Tag wird er wieder in seinem Hochsitz stehen und das Geschehen beobachten. So wie jeden Tag. Bis er ihn um 19 Uhr wieder zusperrt.

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