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Damit das Reisen weniger Unheil bringt

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Geänderte politische, ökonomische und klimatische Rahmenbedingungen zwingen in vielen Dritte-Welt-Staaten zur Suche nach neuen Einkommensquellen. Der Tourismus bietet sich als eine - auch mit Gefahren verbundene - Alternative an.

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Geänderte politische, ökonomische und klimatische Rahmenbedingungen zwingen in vielen Dritte-Welt-Staaten zur Suche nach neuen Einkommensquellen. Der Tourismus bietet sich als eine - auch mit Gefahren verbundene - Alternative an.

Tourismus-Ethik? Sowas gibt's?" fragte erstaunt, ein Philosophieprofessor, als ihm der Autor von seinem Vorhaben erzählte: für ein halbes Jahr in die Tenere-Wüste zu fahren, um zwischen Tuareg- und Urlaubs-Nomaden nach dem Gral der Reisenden zu suchen: dem rechten Verhalten eines ökologisch bewussten, sozial verantwortlichen und ökonomisch gerechten Urlaubers.

Dergleichen kann ein wahrer Philosoph gar nicht kennen, denn frei nach Descartes entspringt alle Erkenntnis nur dem eigenen Denken (oder klugen Büchern). Dass dies funktioniert, hatte schon Kant bewiesen, der die Stätte seiner Geistesblitze, Königsberg, nie verließ. Demgemäß sollten es alle Fernweh-Leidigen, die besorgt um ihr Seelenheil sind, wohl mit Pascal halten, demgemäß "alles Unheil dieser Welt daher rührt, dass die Menschen nicht ruhig in ihrem Zimmer bleiben können".

Hätte sich alle Welt daran gehalten, so wären den Schülern Cäsars "Gallischer Krieg" erspart geblieben, Ost-Rom stünde, von reiselustigen Kreuzrittern unbehelligt, noch, Kolumbus hätte die Finger von den Indianern - und die Deutschen von den Tirolern gelassen. Statt dessen pfeifen über 650 Millionen Menschen auf Pascal, wälzen sich alljährlich über diverse Landesgrenzen und bringen dabei eine halbe Billion Dollar unters Volk, Tendenz steigend. Tourismus ist somit - neben dem Geschäft mit Öl, Waffen, Sex und Drogen - längst zum Big Bussiness geworden; und das allen Kathederphilosophen zum Trotz.

Verhaltensrichtlinien für den Reisenden wären dabei als leuchtende Bojen im dunklen Ozean der Werte-Globalisierung mehr als nur nötig. Längst sind Fälle zerstörter Natur-, Kultur- und Soziallandschaften infolge massenhafter Heimsuchung durch Urlauber Legion. Und die Mäuler der "Landschaftsfresser", so der Titel der Tourismuskritik des Schweizers Jost Krippenforf aus den 70ern, gieren weiter nach frischem, jungfräulichen Boden, um ihn zu Urlaubsparadiesen zu verwurschten. Dennoch: Wozu Tourismus-Ethik, da es doch gar keine Touristen gibt! Wo man hinfährt, stets ist man selbst der einzig wahre Reisende auf der Suche nach echten Begegnungen mit unbefleckter Natur und edlen Wilden. Touristen hingegen, jene dümmliche, Foto-knipsende, Kitsch-raffende Spezies, sind immer die anderen!

Eine Perspektive, welche die Geschichte der Tourismuskritik wie ein roter Faden durchzieht. Angefangen mit dem britischen Adel, der sich vom sozialurlaubenden Pöbel in Nizza verdrängt fühlte, über Ethnologen, die sich die letzten unverdorbenen Völker zu entdecken (und wissenschaftlich zu vermarkten) vorbehalten wollten, bis zum dollarschweren Individualabenteurer, auf dessen Landrover-Spuren die Pauschal-Urlauber billigst nachhecheln. Doch alle Klagen wider die Massen hilft nichts (mehr): Mit der Ära des Sozialurlaubs und des Wirtschaftswunders begann auch jene der Mobilität aus bloßem Vergnügen. Damit verträgt sich jedoch Ethik so gut wie Erdbeereis mit Apfelessig.

Genauso wenig verträgt sich westlicher Freizeit-Hedonismus mit traditionellen Überlebensstrategien, wie die humanistisch verbissenen Gegner der Tourismus-Expansion in der Dritte Welt wettern. Dagegen sehen die wirtschaftslustigen Verfechter in der Erschließung solcher "letzten Paradiese" primär den Devisensegen. Seit dem Umweltgipfel in Rio 1992 begann sich allerdings ein Lernprozess in diesem Stellungskrieg auszubreiten. Die selbsternannten Anwälte bedrohter Völker begannen wahrzuhaben, dass weder die Tourismusmassen, noch die Vermarktung aller Welt- und Lebensbereiche - und schon gar nicht die globale Modernisierung - durch ihr Rufen in der Wüste aufzuhalten sei. Um Schadensbegrenzung zu üben, wechselten sie die Front: Wenn schon Tourismus, dann wenigstens "sauber und gerecht"!

Kein Rufer hält die Modernisierung auf Der Reiseindustrie drohte ihr wichtigster Rohstoff - schöne Landschaften und Kulturen - auszugehen. Zwar sind die Paradies-Substitute längst erfunden und bewährt, wie der Boom der Disney-Welten beweist, doch lassen sich die Kurzzeit-(Be)Sucher einer unverdorbenen Traum-Welt nicht ganz mit Plastik abspeisen: Sie begnügen sich zwar weiterhin mit dem inszenierten Spektakel, aber eben an exotischen Originalschauplätzen.

So wurde der "nachhaltige und sozialverträgliche Tourismus" erfunden. Nachdem die UN-Kommission für nachhaltige Entwicklung (CSD) im April 1999 mit einem Aktionsplan ein wichtiges Signale setzte, folgte im Oktober der vorläufige Höhepunkt des Versuchs, diese Worthülsen mit Gehalt anzureichern: Die Welttourismusorganisation beschloss den "Global Code of Ethics".

Keine Rede mehr von Nachhaltigkeit Wohlwollende Dokumente, die über vage, unverbindliche Absichtserklärungen und Empfehlungen an Regierungen, Tourismusindustrie und UNO nicht hinausreichen. Zudem werden solche Nachhaltigkeitsdebatten durch die "General Agreements on Trade and Services" (GATS) der Welthandelsorganisation unterlaufen. Demnach sind jegliche Beschränkungen für ausländische Investoren sowie Maßnahmen aufzuheben, die bislang den lokalen Dienstleistungssektor geschützt haben: Grünes Licht für den Turbo-Tourismus!

Grün ist generell wieder schick. Dass man mit "gutem" Tourismus Image und Geld machen kann, hat die Reiseindustrie schnell entdeckt, wie die grassierende Seuche der Öko-Etikettierung bestätigt.

Andererseits eröffnet sich für bedrohte Naturlandschaften und Siedlungen die große Chance, unter gewissen Voraussetzungen am internationalen Reise-Rubel mitzunaschen, ohne dafür unter die Räder der Massen zu geraten. Am Beispiel der vom Autor erforschten Nomaden-Region Agadez im nigerischen Air-Gebirge zeigte sich etwa, dass der soziale Wandel in Richtung Moderne infolge geänderter politischer, ökonomischer und klimatischer Rahmenbedingungen nicht zu verhindern sei. Dürren, Bevölkerungsexplosion und Krieg zwingen zur Suche nach neuen Einkommensquellen jenseits der Salzkarawanen. Gleichzeitig locken die Mythen "Wüste" und "Tuareg" Menschen ins Land, von denen die aufgeschlossene Landbevölkerung profitieren will. Ziel der Forschung ist es, ein angepasstes Tourismuskonzept zu erarbeiten, das den ökonomischen Nutzen für die Region maximiert und die möglichen Folgeschäden an Land- und Gesellschaft minimiert. Ein ethischer Tuareg-Tourismus sozusagen.

Ideen gibt es genug für Agadez. Sogar große deutsche Entwicklungsorganisationen setzen auf die Karte des Ökotourismus als Integrationsstrategie. Doch vor Ort mangelt es - nach sieben Jahren der Rebellion gegen den Zentralstaat - an allem: an Investitionskapital, an Rechtsstaatlichkeit, an gutem Willen und an Kompetenz. Die örtlichen Agenturen, zentrale Triebkraft des Sahara-Tourismus, wollen nach der Tourismus-Dürre nichts von Nachhaltigkeit hören, sondern erst einmal Bares sehen. Dabei herrscht zwischen den Agenturen ein Klima wie noch zum Ende der Rebellion: jeder gegen jeden, nur der Stärkste überlebt.

Konsequenterweise erwähnte kein Agentur-Chef den jüngst beschlossenen "Ökotourismus-Kodex für Agadez", initiiert durch die "Union Mondiale pour la Nature". Diese UN-Organisation, verantwortlich für die Betreuung des Air-Tenere-Reservats, Afrikas größten Naturpark, wird von den Tuareg nur als Geldgeber akzeptiert. Rechtsnormen hingegen sind in Agadez, wo amtliche Probleme mit ein paar Scheinen gelöst werden, bedeutungslos. Und schließlich verfügen auch die Tuareg-Reiseführer - abgesehen von ihrer brillanten Orientierung in der Wüste - über keinerlei Kenntnisse, von Verhaltensrichtlinien für ahnungslose Wüstenfans.

Dass ein Tourist mit Hirn keinen Müll fortwirft, in Siedlungen anständige Kleidung trägt und vor dem Knipsen sein Opfer um Erlaubnis fragt, ist nicht das große Problem, obwohl es viel zu wenige Touristen mit Hirn zu geben scheint. Haarig wird es bei Fragen wie: Soll man den Nomaden auch außerhalb von Notfällen Medikamente überlassen - mit dem Risiko, damit das traditionelle und staatliche Gesundheitssystem zu untergraben und die Mär vom "weißen Alleskönner" zu fördern? Und wie steht es allgemein mit Geschenken? Wann sind sie eine echte Hilfe, und wann nur der Motor für Bettelei? Wichtige Fragen, auf die es weder für den Sahara-Tourismus, noch für die Dritte Welt generelle Antworten gibt.

Wenn weder Führer noch Forscher wissen, wie sich Urlauber richtig zu verhalten haben, so ist letzterer jedenfalls der falsche Adressat für große Heilserwartungen. Er zahlt für Erlebnisse; Grübel-Akrobatik hingegen hat er nicht gebucht. Gibt es also Tourismus-Ethik? Ist nicht im Zeitalter der Globalisierung und der Umwertung aller Werte jede konkrete Wahrheit stets neu zu erfinden? Wer soll das wissen? Die Suche nach einer Antwort aber beginnt immer mit einer Reise.

Der Autor dissertiert über die Möglichkeit des sozial verträglichen Tourismus bei den Tuareg im Air in Niger.

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