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Das Ende des "klassischen Sandlers“

Ein Montagabend in Wien. Susanne Peter, leitende Sozialarbeiterin der Obdachloseneinrichtung "Gruft“, steht kurz vor ihrem "Nachtstreetwork“, bei dem sie Plätze besucht, an denen sich Heimatlose aufhalten. Schon seit 9 Uhr ist sie heute im Dienst. In der Gruft, einer der größten Einrichtungen dieser Art in Wien, herrscht reges Treiben: Menschen gehen aus und ein und stehen plaudernd vor den vielen mit Kleidung gefüllten Plastiksäcken im Eingangsbereich beisammen. "Ich bin jetzt seit 27 Jahren hier dabei und wenn ich schaue, was es früher gegeben hat, dann ist die Situation heute hundertundeins“, erklärt die Sozialarbeiterin, die die Einrichtung im Jahr 1986 im Zuge eines Schülerprojektes mitbegründete. Früher habe es für Obdachlose in Wien nur eine Unterkunft in der Meldemannstraße im 20. Bezirk gegeben, Notquartiere wären kaum vorhanden gewesen und mit Streetwork sei erst 1994 begonnen worden.

Heute gäbe es sehr spezifische Angebote für obdachlose oder wohnungslose Menschen (Personen, die für eine begrenzte Aufenthaltsdauer in Unterkünften leben), die von Einrichtungen für Jugendliche und Frauen bis hin zu Unterkünften für ältere Obdachlose reichen. "Hier hat sich zwar schon einiges positiv entwickelt, aber das ist leider immer noch zu wenig“, meint Peter.

Den "einen“ Grund, warum Personen obdachlos werden, gibt es laut der langjährigen Sozialarbeiterin nicht: "Das beginnt schon als Kind. Ein Klient hat mir einmal gesagt, dass er in einer tollen Familie aufgewachsen sei, dass das Klima aber kälter als in einem Eiskasten gewesen wäre. Wenn man so aufwächst, hat man nie Geborgenheit oder Vertrauen kennen gelernt. Wenn dann etwas schief geht, kann man niemandem vertrauen und stürzt ab“.

Obdachlosigkeit hat viele Gesichter

"Das Bild des klassischen Sandlers als Menschen mit zotteligen Haaren und einem Billa-Sackerl hat ausgedient. Heute kann das eine Alleinerzieherin sein und auch immer mehr junge Menschen sind betroffen“, weiß Martin Gantner, Sprecher der Caritas Wien. Alleine in Wien ist ein Drittel der Obdachlosen unter 30 Jahre alt. Für Heinz Schoibl, den stellvertretenden Obmann der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslose (BAWO), liegt der Grund für die Wohnungslosigkeit im nicht ausreichenden Schutz vor Delogierung, der vor allem in Bundesländern wie Kärnten, Tirol und dem Burgenland kaum gegeben sei. Als weiteren Auslöser sieht er eine Schnittstellenproblematik im Bereich Haft, Psychiatrie und Suchthilfe. Hier wären die Vorbereitungen auf eine Entlassung mangelhaft: "Wenn man sich die Psychiatrie anschaut, die ja zum Teil über längere Zeit stationäre Behandlungen vornimmt, die oft hochgradig teuer sind, dann ist es völlig absurd, Menschen in die Wohnungslosigkeit zu entlassen. Sie sind oft psychisch noch nicht total gesund, dann entlässt man sie, ohne dass sie eine Wohnung haben. Wie soll das gehen?“.

Zigaretten, Schlafsäcke und Geduld

Der Weg von der Straße zu einer Beschäftigung und einer eigenen Wohnung ist sehr weit. Ziel ihrer Arbeit ist es laut Susanne Peter daher, die Obdachlosen in einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe unterzubringen. Zuerst muss sie zu den Personen, denen sie helfen will, aber eine Vertrauensbasis schaffen: "Das Wichtigste ist, mit den Menschen in Beziehung zu kommen. Was wir deshalb immer mithaben, sind Zigaretten und ein Schlafsack. Wenn die Leute das annehmen, dann nehmen sie meist auch unsere Angebote an“, erzählt sie. Als größte Geduldsprobe habe sie die Arbeit mit einem Klienten erlebt, der sich in eimem öffentlichen WC eingerichtet habe und mit dem sie drei Jahre nur durch eine verschlossene Türe gesprochen habe: "Anfangs hat er gesagt, dass wir nicht mehr zu kommen brauchen. Nach drei Monaten habe ich gemerkt, dass er sich freut, wenn wir ihn besuchen“.

Oft dauert es sehr lange, bis die Sozialarbeiter obdachlose Menschen dazu überreden können, sie in eine Notschlafstelle zu begleiten. "Insbesondere wenn sie psychisch angeschlagen sind, ziehen die Leute die Straße oder den Park vor und verzichten auf ein betreutes Wohnen“, weiß der Sozialforscher und ehemalige Sozialarbeiter Schoibl. Rund zwei Drittel der Obdachlosen leiden internationalen Studien zufolge an einer psychischen Erkrankung. Häufig ist es aber auch die Gewohnheit, die den Weg in eine eigene Wohnung erschwert: "So wie wir uns nicht vorstellen können, auf der Straße zu leben, haben sich diese Leute an die Straße gewöhnt und Überlebensstrategien entworfen. Deshalb sagen viele von ihnen, dass es ihnen so passt“, meint Susanne Peter.

Die Bekämpfung der Obdach- und Wohnungslosigkeit wird vor allem dadurch erschwert, dass es keine bundesweiten Regelungen gibt. Die BAWO ist österreichweit die einzige Organisation, in der sich Einrichtungen bundesweit vernetzen. Zusätzlich werde Wohnungslosenhilfe immer mehr zu einer Angelegenheit der Städte, weiß Heinz Schoibl, der in der Stadt Salzburg tätig ist: "In den ländlichen Regionen - und davon gibt es in Österreich sehr viele - gibt es kaum systematische Hilfe, wenn jemand in Gefahr steht, seine Wohnung zu verlieren“.

Obdachlose aus ganz Österreich in Wien

Mit Obdachlosen aus den Bundesländern ist vor allem Wien konfrontiert. "Das Problem ist, dass sich die Stadt Wien dann nicht zuständig fühlt und sie wieder in die Bundesländer zurück schickt“, sagt Susanne Peter. Das gleiche gilt für die so genannten "Notreisenden“, Bürger aus den EU-Staaten, die in Österreich obdachlos werden: "Die Einrichtungen können Hilfestellungen für diese Personengruppen nicht abrechnen, weil sie für andere Zielgruppen gefördert werden. Deshalb müssen sie selektiv handeln“, erklärt Heinz Schoibl, der in einer Untersuchung herausfand, dass sich alleine in der Stadt Salzburg 1350 Notreisende aufhalten. In Wien werden zumindest in der kommenden Winterzeit alle Heimatlosen aufgenommen, erklärt Martin Gantner von der Caritas: "Seit erstem November wird bewusst nicht auf die Staatsbürgerschaft oder Bundesländerzugehörigkeit geschaut. Obdachlosigkeit gibt es aber leider nicht nur im Winter, sondern 365 Tage im Jahr“.

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