"Das entspricht meinem Naturell“

In Claudia Leditzkys Mehrstufenklasse lernen Kinder wie im ganz normalen Leben: Junge neben Älteren, Anfänger neben Fortgeschrittenen. Für sie selbst eine organisatorische Herausforderung - aber die beste und befriedigendste Art, wie sie sich Schule vorstellen kann.

Schulbeginn bedeutet meistens Chaos. Doch für Claudia Leditzky war es heuer Chaos zur Potenz: Da waren nicht nur diese Konferenzen, Klassenforen und hunderttausend Listen, die für sie anzulegen waren. Da waren auch hundert Umzugskartons, die sie vor den Ferien wegen Sanierungsarbeiten zu packen hatte - und deren Entladung kurz vor Schulbeginn mangels Möbeln unmöglich war. Doch die 41-jährige Lehrerin nahm es - wie meistens - mit Humor: "Ich bin ohnehin eine Multi-Taskerin“, sagt sie mit strahlenden Augen und glänzendem Nasenring in der Schulbibliothek. "Und nach der Sanierung wird es super sein, da bin ich mir sicher.“

Seit elf Jahren schon ist sie hier in der Volksschule Pfeilgasse im achten Wiener Gemeindebezirk als Lehrerin aktiv. Im Rahmen eines reformpädagogischen Schulversuchs unterrichtet sie - gemeinsam mit einem Teamlehrer, der sie elf Wochenstunden unterstützt - 25 Kinder in einer Mehrstufenklasse: vom fünfjährigen Vorschulkind mit Migrationshintergrund bis zum zehnjährigen Gymnasial- oder Mittelschul-Aspiranten. Eine organisatorische Herausforderung, nicht nur zum Schulstart, wo sie Schulbücher für unterschiedlichste Schulstufen verteilen muss: "Ich muss meine Kinder irrsinnig gut kennen, mir sehr viel notieren und viele Listen führen“, gesteht sie. Zu Beginn jeder Woche erhält jedes Kind einen Wochenplan, auf dem alle Pflichtübungen sowie jene Übungen verzeichnet sind, die frei gewählt werden können. In dieser so genannten "Planarbeit“, bei der Leditzky von ihrem Teamlehrer unterstützt wird, werden die Kinder in Kleingruppen betreut. Alle anderen Einheiten, unter anderem den Klassenrat, bei dem die Kinder Demokratie und Beteiligung üben können, leitet sie allein.

Lernen wie im ganz normalen Leben

Das Alter der Kinder ist hier wie dort unerheblich. Vielmehr geht es darum, wo sie mit ihren Fähigkeiten stehen. Dieses individuelle Fördern von Begabungen - ein genereller Schwerpunkt in der Pfeilgasse - macht nach Ansicht der Pädagogin den höheren Aufwand von Mehrstufenklassen mehr als wett: "Manche Kinder kommen mit sechs Jahren zu uns und können bereits lesen, andere tun sich in der dritten Klasse noch schwer“, erzählt sie. "Das Lernen ist eben nicht altersabhängig. Alle Kinder über einen Kamm zu scheren, hat mit Pädagogik herzlich wenig zu tun.“

Das gemeinsame Lernen von Kindern unterschiedlichen Alters entspreche schlichtweg dem Leben. Nur im herkömmlichen Schulsystem mit seinen altershomogenen Klassen - und bei den Grundwehrdienern - würden Menschen nach Altersjahrgang zusammengewürfelt. Eine Praxis, die nach Ansicht der Reformpädagogin oft zu negativen Gruppendynamiken führt: "Hier kommt es zu Hahnenkämpfen und Rangordnungsstreitigkeiten, weil alle Kinder gleichaltrig sind. Und wer einmal schwach ist, bleibt schwach.“ In Mehrstufenklassen hingegen fange jedes Kind klein an und erhalte mehr und mehr Autorität. "Jeder erlebt sich auch als einer, der anderen etwas weitergeben kann,“ sagt die Pädagogin. "Das ist doch schön!“

Dass der Lehrberuf sie einmal erfüllen könnte, hat Claudia Leditzky schon früh gemerkt: 1970 in Wien geboren, gibt sie bereits mit 15 Jahren jüngeren Kindern Nachhilfeunterricht. "Lehrerin sein, das entspricht einfach meinem Naturell“, sagt sie lächelnd. Sie selbst habe als (Vorzugs-)Schülerin meist Freude am Lernen verspürt. Motiviert von dieser Lust besucht sie die Pädagogische Akademie, erlebt in der Volksschule am Keplerplatz im Wiener-Favoriten "tolle Lehrjahre“ - und stößt bei einem Seminar auf die Reformpädagogik nach Célestin Freinet, die sie bis heute prägt. "Es geht um Kooperation und Mitbestimmung, um Lernen als tastendes Versuchen und natürlichen Prozess - ohne Zerstückelung durch den Stundenplan oder einzelne, didaktische Schritte“, erklärt Leditzky. Dass sie heute in ihrer Mehrstufenklasse diese Philosophie zu einem Gutteil umsetzen könne, sei ein großes Glück.

Natürlich gebe es auch Probleme: Vor einigen Jahren etwa, als besonders schwierige Schüler mit besonders schwierigen Eltern sie an den Rand ihrer Belastungsfähigkeit führten. "Man kann gut für zwei oder drei Kinder, die gewisse Regeln nicht so gut einhalten können, Geduld aufbringen“, sagt sie. "Aber wenn es mehr sind, kann es leicht kippen.“ Durch eine neue Klassenkonstellation - und die Horizonterweiterung im Rahmen eines Pädagogik-Studiums - sei es ihr jedoch gelungen, die Krise zu überwinden.

"Durch Förderung ist alles möglich!“

Heute weiß sie, dass sie als Lehrerin mit Perfektionismustendenz und ohne eigene Familie auf ihre Grenzen achten muss. Und dass sie sich trotzdem keinen anderen Beruf vorstellen kann als jenen, junge Menschen auf ihrem Bildungsweg zu begleiten: "Einmal ist ein Bub in meine Klasse gekommen, der durch seine Lese-Rechtschreib-Schwäche größte Probleme hatte“, erinnert sie sich. "Aber durch individuelle Förderung hat er so große Fortschritte gemacht, dass er am Ende Schriftsteller werden wollte! Da habe ich mir gedacht: Wow! Alles ist möglich!“

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