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Das große Tier zähmen

Demokratien neigen stets dazu, die öffentliche Meinung zur Religion zu erheben. Über das schwierige Verhältnis von Demokratie und Populismus.

Populismus regiert zurzeit in Österreich. Wer den aktuellen Wahlkampf betrachtet, erkennt, dass keine Partei sich dieser Herrschaft wirklich ganz entziehen kann. Der Brief von Alfred Gusenbauer und Werner Faymann an die Kronen Zeitung war ein Kniefall vor der wachsenden EU-Skepsis der Österreicher. Die ÖVP wiederum appelliert mit dem Thema Sicherheit gezielt an populistische Instinkte. Die rechtspopulistischen Parteien FPÖ und BZÖ kennen überhaupt nur noch die dumpfe Volksstimmung, wenn sie Fremdenfeindlichkeit zum Stimmengewinn benutzen. Die neue Liste Fritz Dinkhauser ist der aktuellste Beleg für die dominante populistische Stimmung. Selbst die Grünen müssen dem Populismus Tribut leisten, wenn sie für die Abschaffung der Studiengebühren eintreten. Die Parteien versuchen sich zurzeit im Versprechen von Wahlgeschenken zu übertrumpfen. Wer die Rechnung einmal bezahlen muss, bleibt natürlich unbeantwortet.

Populismus und Religion

Meine Klage über den Populismus berührt ein tieferes Problem der Demokratie. Im Begriff "Populismus" steckt nämlich genauso das lateinische Wort für Volk wie der entsprechende griechische Begriff, der das Wort "Demokratie" bestimmt. Weil in der Demokratie das Volk herrscht, sind demokratische Politiker gut beraten, wenn sie populistisch agieren. Alexis de Tocqueville, der französische Historiker und Soziologe, gehört zu den großen Kennern der Demokratie, die er anfangs des 19. Jahrhunderts in den USA eingehend studierte. Er erkannte, dass Demokratien sehr leicht dazu neigen, die öffentliche Meinung - also die populistische Stimmung - zur Religion zu erheben. Demokratien neigen zu einem "politischen Pantheismus", in der die öffentliche Meinung einziger und letzter Maßstab bleibt. Im 20. Jahrhundert hat die französische Mystikerin und Philosophin Simone Weil ähnliche Einsichten auf ihre tieferen anthropologischen Wurzeln hin befragt. Sie erkannte im Sog des Kollektivs die größte Versuchung zum Götzendienst und identifizierte diesen gefährlichen Götzen mit dem "großen Tier" in der Politeia Platons und dem Tier in der Offenbarung des Johannes: "Auf der Erde gibt es nur eine Sache, die man tatsächlich zum Ziel nehmen kann, denn sie besitzt eine Art Transzendenz im Hinblick auf die menschliche Person, nämlich das Kollektive. Deshalb ist es das, was uns an den Boden fesselt. Es ist der Gegenstand jedes Götzendienstes. Geiz: das Gold ist etwas Gesellschaftliches. Jeder Reichtum genauso. Ehrgeiz: die Macht ist etwas Gesellschaftliches. Wissenschaft und Kunst auch." Simone Weils Worte zeigen, dass es innerweltlich keine Kraft gibt, die dem ersatzreligiösen Herdentrieb Widerstand leisten kann. Aktuell brauchen wir nur an die Welt der Medien denken. Das österreichische Phänomen Kronen Zeitung ist der deutlichste Ausdruck für diese mediale Seite des großen Tieres.

Nur die religiöse Ausrichtung auf den wahren Gott kann vor dem großen Tier bewahren. Deshalb betonte Tocqueville, dass die Demokratie mehr noch als alle anderen politischen Herrschaftsformen auf genuine Religion angewiesen ist. Auch Simone Weil wusste, dass wir Menschen letztlich immer vor der Wahl zwischen Götzen und Gott stehen: "Denn die Fähigkeit der Verehrung ist in uns, und sie ist irgendwohin gerichtet, in dieser oder in der anderen Welt." Es braucht die spirituelle Kraft der Kirchen und großen Weltreligionen, um uns Menschen für die Demokratie zu befähigen und zu bilden. Schon Augustinus wusste, dass die Demokratie nur dann eine gerechte Ordnung darstelle, wenn diese von einer Mehrheit von sittlich gebildeten Menschen getragen sei.

Wahl-Kriterien für Christen

Gerade Christen sind aufgefordert, als zivilgesellschaftlich aktive Bürger politische Orientierung zu geben. Gerechtigkeit, Friede und die Verantwortung für die Schöpfung könnten dann zu wichtigen Kriterien für die kommende Wahlentscheidung werden. Gerechtigkeit bedeutet, eine vorrangige Option für die Armen zu treffen. Wer den Frieden fördern will, muss sich heute vor allem um ein gutes Zusammenleben zwischen den verschiedenen Kulturen und Religionen in Österreich bemühen. Verantwortung für die Schöpfung ist die vermutlich am leichtesten zu erkennende Aufgabe.

Alle guten Kriterien für die kommende Nationalratswahl bleiben aber stumpf und leer, wenn sie bloß moralistisch an Politiker herangetragen werden. Ein wirklicher Beitrag zur Gestaltung der österreichischen Politik im Geiste von Gerechtigkeit, Friede und Schöpfungsverantwortung erfolgt erst dann, wenn wir alle unser Leben im Blick auf diese Kriterien zu gestalten beginnen. Der Nationalrat ist letztlich ein Spiegelbild unseres Landes. Wenn wir einen besseren Nationalrat wollen, müssen wir selbst entsprechende Schritte in die gewünschte Richtung setzen.

Die Abwehr des Populismus, der Kampf gegen das große Tier muss bei jedem selbst beginnen. Da und dort gibt es ja auch schon kleine Zeichen der Hoffnung. Noch ist die Religion des Islam nicht populistisch für Wahlkampfzwecke missbraucht worden. Politiker reagieren schnell, wenn sie merken, was das Volk dann doch nicht will.

Der Autor leitet das Institut für Systematische Theologie an der Kath.-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck.

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