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Das große Versprechen

Die Ereignisse im Gefolge des 11. September 2001 haben die Entfremdung zwischen den USA und (dem "alten") Europa jäh in grelles Licht gerückt und gleichzeitig vertieft. Wie sehr das USA-Bild der Europäer von Klischees geprägt ist, zeigt etwa auch der enorme Zuspruch, den der Politentertainer Michael Moore bei seinen Auftritten in Europa erhält. Der Soziologe manfred prisching (s. Kasten) zeichnet im Folgenden ein differenziertes Bild; in drei Anläufen nähert er sich - immer im Vergleich mit Europa - dem Phänomen USA. Buchrezensionen zum Thema runden das Dossier ab. Pragmatismus, Wertschätzung harter Arbeit, Lob der Selbstverantwortung: Der Gründungsmythos der Vereinigten Staaten von Amerika wirkt nach. Um das Land zu verstehen, muss man in die Geschichte eintauchen.

Europäisch-amerikanische Irritationen: Die USA setzen sich über ihre Verbündeten hinweg, blockieren den Internationalen Strafgerichtshof und Umweltinitiativen, gefährden mit Berufung auf die Terrorismusgefahr grundlegende Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit. Man grübelt über die Unterschiede: Warum stellen sich in Österreich die Menschen nicht bei jeder Gelegenheit Fahnen in den Vorgarten? Würde sich ein deutscher Kanzler nicht lächerlich machen, beschwörte er bei dieser und jener Gelegenheit Gottes Segen? Warum ist es den Amerikanern kein Problem, dass Millionen Menschen ohne Krankenversicherung leben? Warum beeinträchtigen Slums keineswegs ihr Selbstbewusstsein, ein reiches Land zu sein?

It's different. Wir brauchen ein paar Jahrhunderte Geschichte, um das Selbstbild zu verstehen - und im Kontrast verstehen wir uns selbst besser.

Neue alte Welt

Amerika ist ein Ausnahmeland, Hort der Freiheit und des Individualismus; God's own country. Der american creed ist grundsätzlich gegen Regierung und Staat, gegen Autorität und Hierarchie gerichtet; er ist individualistisch, moralistisch, demokratisch und egalitär; gekennzeichnet von einem ausgeprägten Rationalismus und Pragmatismus, dem Glauben an die praktische Vernünftigkeit des Handelns, der Wertschätzung harter Arbeit; er beinhaltet das Lob der Selbstverantwortung.

Der Gründungsmythos wirkt nach: die Gefahren der Auswanderung; ein neues, ganz anderes Land aufbauen: neue Welt. Es war das ganz Neue: ein "gelobtes Land", eine "Arche in Zeiten der Sintflut", das "neue Kanaan". Und doch das ganz Alte: der wiedergewonnene Garten Eden. Ein transatlantisches Arkadien, das bessere England, Gottes Geschenk.

Amerika wurde in Absetzung von der alten Welt und ihren Obrigkeiten gegründet, hat eine neue Identität aus der Nichtidentität mit Europa gewonnen: eine Gesellschaft ohne Belastung durch die feudalistische Vergangenheit; eine Gesellschaft ohne rigide Klassenschranken und Klassengegensätze; eine Übereinkunft freier Menschen. Die amerikanischen Werte, als Plattform für den amerikanischen Lebensstil generell, sind nicht nur Propaganda. Wer kommt, sich einfügt und die Ärmel aufkrempelt, der gehört dazu. Die Ausländer pflegen über die Zeremonien an den Schulen - Aufziehen der Fahne, Absingen der Hymne, Hand ans Herz gepresst - zu lächeln. Aber das amerikanische Schulsystem, das aus der jeweils zweiten Generation der Immigranten "Amerikaner" machte, gerade in Absetzung von den Werten und Auffassungen ihrer Eltern, die alsbald von den Kindern als "fremdartig" empfunden wurden, durch Einprägung eines neuen Lebensstils, einer neuen Denkweise, eines neuen Charakters - dieses Schulsystem hat Wichtiges geleistet, um eine geeinte Nation zu bauen: eine Nation, die in rechtlich-politischen Kategorien definiert wird, nicht in kulturell-historisch-ethnischen Kategorien wie im alten blutrünstigen Europa.

In den USA gehört dazu, wer sich zu den american values bekennt: eine Identität, die eigentlich gar keiner Staatlichkeit bedarf. Dies schließt leichter ein, schließt aber auch leichter aus. Wer sich "unamerikanischer Umtriebe" schuldig oder auch nur verdächtig macht, der hat eben nicht Anteil an der bekenntnisverbürgten Gemeinschaft (und ihren rechtlichen Gewährleistungen).

Der amerikanische Traum ist ein Gebilde von ungebrochener Kraft, trotz aller sozialen Verwerfungen im Lande selbst. Er wirkt auch auf Europa. Die Vision vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird durch Helden-geschichten immer wieder aufpoliert. Es ist heutzutage nicht mehr die Geschichte vom Aufstieg des Tellerwäschers, die Generationen von Einwanderern ins Land gezogen hat; eher schon jene des Werkzeugmachers, der ein Großunternehmen geschaffen hat; vor allem aber jene vom Bastler mit High-Tech-Ideen. Wer immer eine Garage besitzt, ist auf dem besten Weg, einen Weltkonzern auf die Beine zu stellen.

Es handelt sich um ein universelles Freiheits-, aber auch um ein Bereicherungsversprechen. Im Grunde kann man tun, was man will. Im Grunde kann man so viel Geld verdienen, wie man verdienen kann, ohne dass man ein europäisch schlechtes Gewissen haben müsste.

Pflicht zum Optimismus

Bei so vielen Chancen unterliegt der Amerikaner einer Optimismusverpflichtung. Er hat gut drauf zu sein. Die allgegenwärtige Frage "How are you today?" ist in korrekter Weise positiv zu beantworten: Man ist "fine", und es ist überhaupt "a great day". Auch sonst hat alles großartig zu sein, wenn man keinen Fauxpas begehen will. Das alles ist ein wenig oberflächlich, in optimistische Stimmungslage getunkt wie die Frühstückschips in Zuckerwasser.

Das Resignationsverbot schließt die Wiederholungsmöglichkeit, die zweite Chance, ein. Selbst wenn einmal etwas schief gegangen ist, dann wird es vielleicht das nächste Mal klappen. Der Kern der Botschaft, die auch der amerikanische Roman und der amerikanische Film dem Leser übermitteln, ist: Alles ist möglich. Du kannst ein anderer werden. Du kannst dich verwandeln. Du kannst ein neues Leben beginnen. Fang sofort damit an.

Die europäischen Mythen blicken auf die kulturellen Leistungen der Vergangenheit. Daraus bezieht auch der Antiamerikanismus seinen Stoff: Die Europäer seien eben kultiviert, die Amerikaner nicht. Die Amerikaner bewundern die europäische Kultur, finden jedoch die Völker irritierend und alles ein bisschen veraltet.

Europa kommt aus einer feudalistischen Epoche, und es hat sie nie ganz abgeschüttelt: persönliche Abhängigkeiten, bis zur Bindung der Bauern an die Scholle; Gebrochenheit der Arbeiter; Wehrlosigkeit gegen die Oberen - die Fürsten, die Adeligen, die Spitzel, die Geistlichen, die Kapitalisten, die Beamten. Es war eine obrigkeitliche Welt. Die Welt der Überheblichkeit einer herrschenden Klasse, bei der Herkunft statt Leistung zählt, Willkür anstelle von Berechenbarkeit. Es war eine klerikale Welt. Die Höllendrohungen stützten meist die weltliche Obrigkeit des Staates oder ergänzten sie durch eine zweite, geistliche Obrigkeit. Die Reformation stärkte die Position des Staates noch, die Gegenreformation war die Plattform für die staatliche Schnüffelei in alle Facetten des Privatlebens hinein: Staatskultur.

Wie sollten in dieser Welt liberale Gefühle wachsen? Obrigkeitliche Repression im 19. Jahrhundert, autoritäre und letztlich totalitäre Systeme im 20.; dann - glücklicherweise - eine wohlhabende, wohlfahrtsstaatlich-paternalistische Ordnung, aber auch eher im Sinne eines aufgeklärten Autoritarismus, einer Zwangsbeglückung. Da gedeihen keine selbstbewussten, kritischen Staatsbürger.

Freilich gilt in geistiger Hinsicht: Europa allein hat es zustande gebracht, das Universale zu denken, das Menschliche schlechthin ins Auge zu fassen, die Menschenrechte zu entwickeln, daraus abgeleitet eine universale Ethik zu fordern (und selbst oft genug gegen diese Forderung zu verstoßen). Gleichzeitig aber gibt es ein Gegenelement: europäische Diversität. Europa zeichnet sich durch die Vielfalt kultureller Prägungen aus, eine wirkliche europäische kulturelle Identität - im Sinne eines lebendigen Gemeinschaftsbewusstseins - gibt es nicht. Das unterscheidet Europa von den USA, ist Stärke und Schwäche zugleich; Europa wird deshalb noch lange kein weltpolitischer Konkurrent der USA werden.

Als Stärke Europas mag man auch sein Bestreben ansehen, wirtschaftsordnungspolitisch nach "mittleren Lösungen" zu suchen. Europa hat die beiden Elemente seiner Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung in jeweils reiner Form exportiert und an der Peripherie ausprobieren lassen, in seinen beiden Abkömmlingen: das planerisch-gestalterische Element in der Sowjetunion, das ungebärdig-dynamische Element in den USA. Das erstere Modell ist schiefgegangen, das letztere hat Europa für sich selbst modifiziert, gebändigt, domestiziert; als Mittelweg in den immer umstrittenen Konturen einer "sozialen Marktwirtschaft". Europäer lassen sich gerne gängeln, solange es gut geht. Amerika ist das Anti-Gängelungsprogramm.

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