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Das wichtigste Werkzeug zur Integration

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Das im Juli in Kraft tretende neue Integrationsgesetz sieht den verpflichtenden Besuch von Deutsch- und Wertekursen für Menschen mit Migrationshintergrund vor, die in Österreich Fuß fassen wollen. Die Art der Umsetzung ist allerdings umstritten. Ein Lokalaugenschein.

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Das im Juli in Kraft tretende neue Integrationsgesetz sieht den verpflichtenden Besuch von Deutsch- und Wertekursen für Menschen mit Migrationshintergrund vor, die in Österreich Fuß fassen wollen. Die Art der Umsetzung ist allerdings umstritten. Ein Lokalaugenschein.

"Nur noch zwei Kapitel, dann habe ich es geschafft", strahlt Ali D. (Name der Redaktion bekannt). Vor ihm liegt ein aufgeklapptes Deutschbuch, heute ist sein letzter Kurstag im Sprachinstitut Ewi (Erwachsenenbildung in Wien) im dritten Wiener Bezirk. Mehrere Wochen des intensiven Deutschlernens liegen hinter dem 19-Jährigen, die Sprachprüfung für das Niveau A2 beim Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) noch vor ihm. Im Vorjahr kam Ali nach der absolvierten Matura aus der Türkei nach Österreich, heiratete hier sein langjährige Freundin, eine Wienerin mit türkischen Wurzeln. Mit ihr bemüht er sich, in Österreich vor allem Deutsch zu sprechen. Als nächsten Schritt strebt er das Sprachniveau B1 an, das er benötigt, um hier dauerhaft leben zu dürfen.

Auch viele andere Kursteilnehmer werden von Akce Kilic auf die Prüfung beim ÖIF vorbereitet. Seit 24 Jahren ist die Austrotürkin als Deutschlehrerin tätig. Verben konjugieren, Pronomen bilden, Fälle aufzählen - Kilic versucht, mit ihren Schülern nicht nur Grammatik zu pauken, sondern ihren Unterricht abwechslungsreich zu gestalten. Sie geht mit ihren Schülern Situationen durch, mit denen sie tagtäglich konfrontiert sind: Formulare ausfüllen, E-Mails schreiben oder einkaufen. Schwachen Menschen zu helfen, sie zu stärken, ihnen die Sprache mitzugeben - das treibt Kilic an. "Jeder Kurs, jeder Teilnehmer ist anders", sagt die langjährige Trainerin. "Jedes Mal, wenn einer meiner Sprachschüler die Prüfung besteht, ist das für mich ein Erfolgserlebnis."

"Fördern und fordern"

Rund 25 Millionen Euro werden derzeit vom Integrationsministerium für Sprach- sowie Werte- und Orientierungskurse zur Verfügung gestellt. In einem ersten Schritt konnten damit über 20.000 Kursplätze für Asyl-und subsidiär Schutzberechtigte mit dem Zielniveau A1 geschaffen werden. Viele der Kursteilnehmer stammen aus Syrien und Afghanistan, wobei das Bildungsniveau der Menschen aus Syrien tendenziell höher ist.

Der im November 2015 von der Bundesregierung vorgestellte "50-Punkte-Plan zur Flüchtlingsintegration" sieht bereits Maßnahmen zur Integration von Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten vor. Das Integrationsgesetz, dessen Bestimmungen am 1. Juli sowie am 1. Oktober in Kraft treten, soll die Rahmenbedingungen für die Integration von Asylberechtigen und subsidiär Schutzberechtigten verbessern. "Fördern und fordern", lautet der Slogan. Neben dem Besuch von Sprachkursen ist auch der verpflichtende Besuch von Wertekursen vorgesehen.

Auch die Integrationsvereinbarung, die seit 2011 die sprachliche Integration von Migranten aus Drittstaaten vorsieht, wird in das Integrationsgesetz übernommen. Sie setzt einen A1-Deutschkurs im Ausland voraus; das Modul eins verpflichtet zu einem A2-Deutschkurs, der innerhalb von zwei Jahren absolviert werden muss. Erst mit Modul zwei (Sprachkurs-Niveau B1) erreichen die Teilnehmer die Voraussetzungen für den Aufenthalt auf Dauer sowie die österreichische Staatsbürgerschaft. Das Integrationsgesetz führt auch zu Änderungen bei den Sprachprüfungen: Hier kommen Wertefragen hinzu. Kritisiert wird das vom Österreichischen Verband für Deutsch als Fremdsprache/Zweitsprache (ÖDaF). Dieser lehnt eine Verbindung von Sprach- mit Werteprüfungen ab. Damit würde die international standardisierte Sprachprüfung des Prüfungsanbieters ÖSD (Österreichisches Sprachdiplom Deutsch) entwertet, befürchtet der Verband.

Beim Österreichischen Integrationsfonds kontert man so: "In Deutschkursen wird seit jeher darüber gesprochen, wie das Leben in Österreich funktioniert, auch wenn es bislang keine standardisierten Curricula dazu gab. Das Integrationsgesetz wertet diese Inhalte nun auf", so ÖIF-Geschäftsführer Franz Wolf.

Kritisiert wird allerdings, dass der ÖIF Auftraggeber und Kontrollorgan in einem sein wird: Er vergibt nicht nur Sprachkurse, sondern bietet diese auch an. Damit bringe der ÖIF private Sprachschulen unter Druck, so die Kritiker. Das stimme so nicht, betont Wolf: "Der ÖIF bietet keine Deutschkurse für Zuwanderer aus Drittstaaten im Rahmen der Integrationsvereinbarung an und ist damit auch kein Mitbewerber zu den über 100 zertifizierten Sprachschulen in Österreich."

Außerdem fördere der ÖIF im Bereich der Deutschkurse für Asyl-und subsidiär Schutzberechtigte derzeit 20.000 Kursplätze an externen Instituten. "Wir führen nur einige wenige Deutschkurse als Musterkurse durch, um so die praktische Kompetenz in diesem Bereich hoch zu halten", sagt Wolf.

Seit über zehn Jahren leitet Elfriede Hilpert das private Institut Ewi (Erwachsenenbildung in Wien). Es ist eines von über 50 kleineren Sprachinstituten in der Bundeshauptstadt, wo Deutsch als Fremd-bzw. Zweitsprache (DaF/DaZ) unterrichtet wird.

Deutschkurs-Nachfrage gestiegen

Einige Sprachinstitute haben natürlich von der Flüchtlingskrise profitiert. Auch laut ÖIF gibt es inzwischen einen höheren Bedarf an qualifizierten Sprachtrainern als noch vor fünf Jahren. Bei hohem Qualitätsanspruch sei es nicht immer einfach, entsprechendes Lehrpersonal zu finden. Daher bietet der ÖIF ab Herbst einen eigenen DaF/DaZ-Lehrgang an. Insbesondere bei staatlich finanzierten Kursen müsse auch die Qualität gesichert sein, daher habe man den Lehrgang designt.

Obwohl Deutsch eine schwere Sprache ist, seien die Teilnehmer im Ewi motiviert und neugierig: "Sie wollen sich ja alle hier integrieren", weiß Hilpert. In knapp sieben Wochen müssen sie den A1-Kurs bestehen und zur Prüfung antreten. Die Erfolgsquote ist gut: 90 Prozent bestehen die Prüfung dann auch.

Schon seit 1996 arbeitet Nikola Riha im interkulturellen Bereich. Warum absolviert sie heute eine Trainerausbildung mit Deutsch als Fremdsprache? "Weil alle Institute, die Geld vom Arbeitsmarktservice (AMS) und vom Europäischen Sozialfonds erhalten, eine Trainerausbildung zwingend vorschreiben", so Riha. Im Jahre 1996 hat die gebürtige Tirolerin die "Sprachinsel" gegründet, einen Verein, der sich auf das interkulturelle Leben spezialisiert hat. Sie möchte den Neuankömmlingen die Angst nehmen, Deutsch zu lernen und ihnen die heimische Kultur näherbringen.

Nur erster Schritt zur Integration

"Sprache schafft Wirklichkeit", ist Arash Mirzaie überzeugt. Der gebürtige Iraner lebt seit über zwei Jahrzehnten in Österreich, arbeitet hier als interkultureller Berater. Er sieht in den Deutschkursen bloß einen ersten Schritt zur Integration. "Die Sprachkurse vermitteln nur die grundlegenden Kenntnisse, sind nur sehr oberflächlich", kritisiert Mirzaie. Bloß zu lernen, wo sich das nächste Einkaufszentrum befindet, ist ihm zu wenig. In den Lehrplänen fehle die Kultur und die Geschichte Österreichs. "Ohne das Wissen darüber können sich die Menschen hier nicht integrieren", meint er.

Nur wenige Flüchtlinge, die im Herbst 2015 in Österreich angekommen sind und hier um Asyl angesucht haben, haben Deutsch verstanden oder konnten sich verständig machen. Fünf Frauen aus der Pfarre Starchant in Wien haben damals versucht, den Asylwerbern die deutsche Sprache näherzubringen, ihnen die grammatischen Grundlagen zu lernen. "Ich wollte ihnen helfen, mein Wissen weitergeben", sagt Alexandra Dörfler, die zu dem schnell zusammengestellten Team gehörte. Über 12 Teilnehmer kamen zu den jeweils einstündigen Sprachkursen, die im Haus Vindobona der Caritas-Wien veranstaltet wurden. Allerdings nicht von ausgebildeten Trainern, sondern von Laien. Dörfler hat sich aber von Anfang an leicht getan, zu unterrichten: "Ich habe immer schon gerne vor Gruppen gesprochen. Und darum tat ich mir auch mit dem Unterrichten sehr leicht."

Ali D. beginnt nach seiner nächsten Sprachprüfung mit der Ausbildung zum Kindergartenpädagogen. Der junge Mann kann es kaum erwarten: "Dafür habe ich mich schon lange angemeldet." Leicht tut er sich mit Deutsch zwar noch nicht, aber er hat einen guten Grund, beim Lernen Gas zu geben. Ali D. weiß: Deutsch öffnet ihm hierzulande Tore -und das nicht nur beruflich.

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