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den Frieden verloren

Dien Bien Phu ist zum Symbol für nationale Unabhängigkeit geworden. Vor 50 Jahren kämpften die Vietnamesen gegen die Franzosen für ein Ideal der französischen Revolution: die Liberté.

Warum sind Länder wie Frankreich und Italien so wenig bereit, sich intensiv, differenziert und kritisch mit ihrer eigenen kolonialen und imperialistischen Vergangenheit auseinander zu setzen? Das habe nichts mit Arroganz, Nationalismus oder Chauvinismus zu tun, meinte ein österreichischer Diplomat im Gespräch mit der Furche nach Jahren des Aufenthaltes in diesen Ländern, sondern mit einem mangelnden Selbstwertgefühl, das mit dem abrupten und verlustreichen Ende ihrer Kolonialpolitik zusammenhängt.

Was Frankreich betrifft, ist die Liste von militärischen Niederlagen und außenpolitischen Blamagen in den 50er- und 60er-Jahren tatsächlich beeindruckend. 1954 bis 1962 die Agonie des Algerienkrieges; 1956 die Demütigung während der Suezkrise; vor allem aber der 7. Mai 1954, der Fall der französischen Festung Dien Bien Phu im ersten Indochinakrieg - die einzige Schlacht während der Dekolonisation, die die Guerillaarmee eines Entwicklungslandes gegen ein technisch überlegenes europäisches Heer gewann.

Den Gegner unterschätzt

Wie konnte es zu dieser Niederlage kommen? Frankreich hatte versucht, nach dem Zweiten Weltkrieg seine angeschlagene Autorität in Indochina wieder herzustellen. Bis 1954 war es der Regierung nicht gelungen, den nationalen Aufstand der kommunistisch dominierten Viet Minh unter Kontrolle zu bringen. Die Verluste stiegen, die französische Öffentlichkeit war des "schmutzigen Krieges" überdrüssig. Die USA finanzierte ihn zu 80 Prozent und drängte auf eine klare militärische oder politische Lösung.

Mit der militärischen Aufgabe wurde Generalleutnant Henri Navarre beauftragt, der plante, das Dorf Dien Bien Phu, in den nordwestlichen Bergregionen Vietnams gelegen, zu einer strategischen Basis auszubauen. Der General vertraute auf französische Luftüberlegenheit, Mobilität und Ausbildung. Kommandant der Festung wurde ein Oberstleutnant mit dem wunderschönen Namen Christian Marie Ferdinand de la Croix de Castries. Beide Offiziere unterschätzten den Gegner. Vor allem konnte Navarre sich nicht vorstellen, dass die Viet Minh genügend Soldaten und Gerät in die Bergregion schaffen könnte.

Dem vietnamesischen General Giap gelang genau das und noch viel mehr: Am Höhepunkt der Kämpfe standen den 13.000 französischen Elitesoldaten 50.000 Viet Minh Kampftruppen und ebensoviele logistische Helfer gegenüber. Entscheidend war, dass die Belagerungsarmee schwere Artillerie auf den Bergen um die französische Festung herum positionieren konnte - eine logistische und strategische Meisterleistung. Nachdem die Kanonen das französische Flugfeld zerstört hatten, war das Schicksal der Festung entschieden. Verwundete konnten nicht mehr ausgeflogen, Nachschub nur noch per Fallschirm abgeworfen werden, und der landete oft in den Händen des Gegners.

Kommunismus stoppen

Mit Hilfe eines 100 Kilometer langen Systems von Gräben kamen die Viet Minh knapp an die feindlichen Befestigungen heran. Die Sturmangriffe waren verlustreich, aber nach und nach konnten die Angreifer die einzelnen Teilbefestigungen - mit Namen wie "Anne-Marie", "Gabrielle" oder "Beatrice" - erobern. Während der Schlacht spielte sich das Ende des Kolonialismus "en miniatur"' ab: es kam zu Desertionen, vor allem unter den außereuropäischen Soldaten, den Vietnamesen, Schwarz- und Nordafrikanern.

Als die Lage kritisch wurde, zogen die Verantwortlichen die falschen Konsequenzen. Zu spät wurde versucht, die eingeschlossene Festung von Land aus zu entsetzen. Die Festung wurde bis zuletzt verstärkt (durch Fallschirmjäger), obwohl ihr Fall nur noch eine Frage der Zeit war. Die französische Regierung wandte sich an den amerikanischen Verbündeten. Präsident Eisenhower wollte einen weiteren Sieg der Kommunisten verhindern. Am 7. April formulierte er die Dominotheorie, um die Bedeutung Indochinas für die USA zu unterstreichen: "Schließlich gibt es umfassendere Überlegungen, die man wohl mit dem Prinzip der fallenden Dominos beschreiben könnte. Wenn man eine Reihe von Dominosteinen aufstellt und dem ersten einen Stoß versetzt, werden mit Sicherheit auch alle anderen Steine umfallen." Eisenhower fürchtete aber, ein Luftangriff der US-Air Force könnte zu einer chinesischen Intervention führen - deswegen unterstützte er Frankreich nicht. Damit war endgültig das Schicksal der Festung besiegelt. Am 7. Mai waren die letzten Widerstandsnester niedergekämpft. Die Festung hatte nicht kapituliert.

Der erste Dominostein

Die Vietnamesen gewannen Schlacht und Krieg, verloren aber die Friedensverhandlungen. Sowjets und Chinesen drängten sie zu beträchtlichen Zugeständnissen. Die Genfer Beschlüsse legten fest, dass die Viet Minh sich nördlich des 17. Breitengrades zurückziehen sollten. Damit war das Land de facto in einen kommunistischen Norden und einen Süden geteilt, der nun vorbehaltlos von den Vereinigten Staaten unterstützt wurde. 1954 triumphierte auch die Dominotheorie. Der zweite Akt der Tragödie - die Vietnamintervention der USA - nahm seinen Ausgang.

Heute ist Dien Bien Phu ein Symbol: für einen militärischen Sieg über den Westen, für die Überlegenheit einer Guerillaarmee, für den Triumph nationaler Befreiungsbewegungen. Den Franzosen und später den US-Amerikanern fiel es schwer zu verstehen, dass die Vietnamesen in erster Linie nicht für kommunistische Ideale, sondern für eine Idee der Französischen Revolution kämpften, für die "liberté", das heißt vor allem für die nationale Unabhängigkeit. Die Niederlage von Dien Bien Phu war der Anfang vom Ende des französischen Kolonialreiches; ein paar Jahre später hatte sich Frankreich ganz aus Indochina zurückgezogen.

Historiker diagnostizierten nach dieser Niederlage bei den Franzosen ein "post-imperiales Syndrom": jene Probleme, die entstehen, wenn sich ein Volk nach einer glorreichen imperialen Vergangenheit in der ernüchternden Gegenwart voller militärischer Niederlagen und politischer Demütigungen zurechtfinden muss - und mit diesem Syndrom wird die Weltpolitik in regelmäßigen Abständen ja bis heute konfrontiert.

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