"Der Bauernstand wird hingerichtet"

1945 1960 1980 2000 2020

Sinkende Preise, immer mehr Kontrolle, ein enormer Papierkrieg: All das zerstört die Existenzgrundlage der Bauern,verleidet ihnen ihre Tätigkeit.

1945 1960 1980 2000 2020

Sinkende Preise, immer mehr Kontrolle, ein enormer Papierkrieg: All das zerstört die Existenzgrundlage der Bauern,verleidet ihnen ihre Tätigkeit.

Als ehemaliger "Mit Leib und Seele"-Bauer mache ich mir große Sorgen um die derzeitige Lage des Bauernstandes, der in einer nie dagewesenen Unsicherheit und in einer von den Mächtigen gezielt eingeleiteten Krise steckt. Tausende bäuerliche Existenzen und Arbeitsplätze sind in ihrem Fortbestand bedroht oder bereits vernichtet. Die unvergleichbare Struktur unseres Heimatlandes und die Pflege unserer Kulturlandschaft ist in höchster Gefahr.

Wir haben in unserer Generation harte Arbeit geleistet und Abertausende von Bauern haben mit viel Fleiß ihre Höfe saniert oder neu gebaut mit dem Bestreben, für die kommenden Generationen eine begehrenswerte Lebens- und Existenzgrundlage zu schaffen.

Seit vielen Jahren setzt man aber nur auf Industriewachstum. Man hat besonders in Berg- und Grünlandregionen zahllosen Menschen die Existenzgrundlage genommen und sie auf die außerlandwirtschaftlichen Arbeitsplätze verwiesen. Die heutigen Arbeitslosenzahlen bezeugen diesen großen Irrtum.

Zuerst sei festgestellt, daß auf Grund der durch den EU-Beitritt verfallenen Preise für landwirtschaftliche Produkte eine Bewirtschaftung der meisten Bauernhöfe in der herkömmlichen Form nicht mehr möglich ist. Der Großteil der Bauern in Grünland und Berggebieten sind Klein- und Mittelbetriebe, die durch diese von der hohen Politik auferlegten ungeheuerlichen Schikanen gezwungen werden, die Art der Bewirtschaftung zu ändern oder aufzugeben.

Tiefe Verunsicherung Es ist für Außenstehende kaum nachzuvollziehen, welche Konfliktsituationen und Unsicherheiten sich in den Bauernfamilien abspielen, bis man sich zu einer Lösung des Problems der zukünftigen Bewirtschaftung durchringen kann.

Es kommen Berater ins Haus: Der eine empfiehlt die Aufgabe der Viehhaltung. Dies bedeutet aber in der Folge das Fehlen des Wirtschaftsdüngers, was zwangsweise zur Verwendung von Handelsdünger führt. Das führt zu einem inneren Konflikt, weil man gesunde Lebensmittel erzeugen will und den Chemieeinsatz ablehnt. Auch kommt das Umackern von Wiesen nicht in Frage, weil man das beim EU-Beitritt erfaßte Acker-Wiesenverhältnis nicht ändern darf.

Nach Berater Nummer 2 wäre es am vernünftigsten, die Grundstücke zu verpachten und in den Nebenerwerb zu gehen. Der innere Vorwurf, seit Menschengedenken haben unsere Vorfahren von unserem Betrieb gut und zufrieden gelebt und wir sollen diejenigen sein, die das alles zugrunde richten! Das bereitet den bedauernswerten Bauernfamilien schlaflose Nächte. Alle haben das Bestrehen, vom übernommenen Betrieb zu leben, diesen weiter auszubauen, um ihn später wieder an die Nachfolger als Lebensgrundlage zu übergeben.

Berater Nummer 3 ermutigt zu großen Investitionen. Einen Rinderlaufstall für 60 Kühe zu bauen, das wäre halt die Zukunft. Das Geld kriegst in jeder Raiffeisenkasse, weil ja die Sicherheit mit Grund und Boden da ist.

Meine lieben Berater, versuchen sie es dann selber mit 60 oder 80 Kühen, was sich da täglich für die Bauernfamilie abspielt. Was hier täglich an Abkalbungen, Besamungen, Fruchtbarkeitskontrollen und Krankheiten anfällt, weiß nur jener, der selber einen Rinderbetrieb führt. Dazu kommen ständig neue Schikanen und Vorschriften durch die allmächtige Molkereiwirtschaft. Um auf so einen Bestand zu kommen, müßte dann entsprechend Grund von aufgelassenen Höfen zugepachtet werden. Ich fürchte, daß diese Menschen, die sich in so abenteuerliche Betriebsumstellungen hineinhetzen lassen, bezüglich Freizeit und Lebensqualität zu Sklaven der Nation werden.

Berater Nummer 4 baut auf Umstellung zur Schweinezucht oder -mast. Mit einer gewissen Skepsis beobachte ich seit Jahrzehnten die Massenumstellungen auf Schweine, sei es Zucht oder Mast. Ich befürchtete immer, wenn so viele diesen Weg gehen, muß dies zu einer Krise führen. Außerdem erfordert diese Umstellung auch gewaltige Investitionen und eine totale Änderung der Bewirtschaftung, hin zum Grünlandumbruch und zur Ackerfläche. Zum einen ist ackerfähiger Grund Voraussetzung, zum anderen ist es unter der derzeitigen EU-Zwangswirtschaft nicht möglich, das Acker-Grünlandverhältnis zu ändern.

Alles keine Lösung Berater Nummer 5 sieht die Lösung im Suchen von Marktnischen. Alle möglichen Kunststücke werden versucht, um ein Weiterbestehen des Hofes zu sichern. Die einen versuchen es mit Freizeitanlagen auf ihren Grundstücken, andere mit Pferdehaltung und Reitanlagen.

All diese Überlegungen sind aber nur die Lösung des Problems für einzelne Bauern. Viele suchen Einkommensaufbesserung in Basteleien und Hobbyarbeiten. Dies ist aber meist nur Spielerei oder ein kleiner Zuerwerb und kann das Weiterbestehen des Hofes nicht sichern.

Abhof-Verkauf von Lebensmitteln und Beschickung von Bauernmärkten bieten eher die Chance, die Existenz zu sichern. Teure Investitionen und Berührungen mit dem Gewerberecht bringen aber auch hier ungeahnte Schwierigkeiten mit sich.

Außerdem müssen besonders auch Frauen bereit sein, diese Bürde zu übernehmen und zu tragen. Wo Fleiß ist, da muß auch ein gerechter Lohn sein. Ich sehe diese Art von Versorgung der Bevölkerung mit hochwertigen und frischen Lebensmitteln äußerst positiv. Man muß aber mit offenen Augen sehen, daß diese Art der Existenzsicherung nur die Lösung für einige Spezialisten ist und dies mit der allgemeinen Lage des Bauernstandes nichts zu tun hat.

Das Ausweichen der Bauern aus Einkommensgründen in andere Sparten wird dann immer zu Lasten anderer Berufsgruppen gehen. Das Abwandern in den Nebenerwerb trifft die Berufsgruppen der Unselbständigen und belastet sicher letzten Endes zu einem beträchtlichen Teil den Arbeitsmarkt. Auch alle Arten der Direktvermarktung gehen indirekt auf Kosten von Handel und Gewerbe.

Mit Wehmut muß man zusehen, wie unzählige Bauern die Existenzgrundlage verlieren und täglich, von ihren Höfen wegpendeln müssen, um ihr Geld anderswo zu verdienen und gezwungen sind, anderen die Arbeitsplätze wegzunehmen. Für den Auspendler und dessen Familie wird diese Doppelbelastung sehr oft unerträglich, da dieser den außerlandwirtschaftlichen Arbeitsplatz voll auszufüllen hat und in der Freizeit und an Wochenenden den Hof zu bewirtschaften hätte. Auch Frauen und Kinder werden zu Sklaven dieser Doppelbelastung. Nach Jahren des Ringens um die Existenz, spätestens aber beim Generationswechsel, wird dann, die "Lebensgrundlage Bauernhof" aufgelassen.

Richtig fördern Seit Jahren warne ich in vielen Briefen vor einem Flächenförderungssystem, das den größeren Grundbesitzern, die auch ohne Förderung auskommen müßten, sehr hohe Förderungsbeträge zufließen läßt auch dann, wenn nur eine Familie vom Betrieb lebt. Mit einem Förderungssystem, das sich teilweise am Familieneinkommen orientiert, könnten hingegen Tausende landwirtschaftlicher Betriebe am Leben erhalten werden.

Diese Art der Förderung müßte so eingerichtet werden, daß man einen Teil dieser Beträge familien- oder personenbezogen davon abhängig macht, daß der Förderungswerber Vollerwerbsbauer bleibt und keinen außerlandwirtschaftlichen Beruf ausübt. Mit einem derartigen Sockelbetrag sollte das Überleben dieses Betriebes gesichert und damit der Arbeitsplatz Bauernhof erhalten bleiben.

Hier hätte auch die Förderung eine sinnvolle Berechtigung, wenn damit Arbeitsplätze gesichert oder geschaffen werden, die inzwischen so rar geworden sind. Mit der derzeitigen Flächenförderung hat man aber die meisten Klein- und Mittelbetriebe durch einen ungeheuerlichen Verwaltungsaufwand und einen fast nicht zu bewältigenden Papierkrieg um die Existenz gebracht oder an den Rand der Existenzgrundlage gedrängt.

Die Landwirtschaft erfährt zur Zeit eine totale Kontrolle durch den Staat, wie sie nicht annähernd in totalitären Systemen üblich war. In einem ungeheuren, aufgeblähten Bürokratismus werden alle Kulturen, Viehbestände, und die ganze Bewirtschaftung genauestens überwacht. Es fehlt gerade noch, daß man den Bauern die einzelnen Pflanzen in den verschiedenen Wachstumsstadien genau beschreiben läßt. Anstatt den Bürger von Bürokratie zu entlasten, werden zusätzliche Schikanen auferlegt.

Sträflicher Leichtsinn Seit Jahren habe ich gegen eine Entwicklung, welche die Strukturveränderung und das Bauernsterben großen Ausmaßes zum Ziele hat, Bedenken geäußert. Mir ist schon klar, daß man nicht alles seit Jahrhunderten Gewachsene unverändert lassen kann und man sich den Entwicklungen der Technik anpassen muß. Es führt aber zu weit, wenn mit einer verfehlten Förderungspolitik die Entwicklung dahingehend gesteuert wird, daß landwirtschaftliche Betriebe, die als Einzelgehöfte in der Landschaft stehen und Jahrhunderte alle Krisen überstanden haben, zum Aufgeben bewogen, um nicht zu sagen, gezwungen werden.

Dies alles sind Folgen, weil man heute nicht gewillt ist, die Bauern in ihrer ureigensten Aufgabe - der Erzeugung gesunder Lebensmittel und der Pflege unserer schönen Kulturlandschaft - überleben zu lassen. Diese Zwangsentwicklung seitens der politisch Verantwortlichen wird sich letzten Endes als sträflicher, nicht wieder gut zu machender Leichtsinn, als ungeheuerliche Dummheit und Verantwortungslosigkeit gegenüber nachfolgenden Generationen herausstellen. Die derzeit stattfindende "Hinrichtung des Bauernstandes" ist endgültig und für die Nachwelt unwiederbringlich und liegt in der Verantwortung aller derzeitigen Politiker, ob hier oder in Brüssel.

Der Autor ist Landwirt und war 20 Jahre Manager eines Maschinenrings. Er hat seine Gedanken in umfassenderer Form in der Broschüre: "Schande 2000 - Die Hinrichtung des Bauernstandes" dargestellt. Sie kann beim Autor bezogen werden. Adresse Johann Spitzer, 4921 Hohenzell 59, Tel: 07752/85700, Fax 07752/87679

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