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Der Buddha mit der Pfeife

Er hat Wien zum Mekka für Tibetologen und Buddhologen gemacht - und besticht selbst durch fast überirdische Geduld: Doris Helmberger über Ernst Steinkellner.

Der Weg zur Erleuchtung ist steinig: Das weiß jeder Buddhist - und Ernst Steinkellner erst recht. In sich ruhend sitzt er da, schmaucht seine Pfeife und lässt den Blick über den vollgeräumten Schreibtisch schweifen: Papierberge und Wörterbücher türmen sich darauf. Doch Steinkellner scheint das Chaos nicht zu stören: "Ich bin ein Bücherwurm", meint er gelassen und räumt einen dicken Wälzer beiseite. Hier, im dritten Wiener Gemeindebezirk, am Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem er seit 1998 als Direktor vorsteht, hat Steinkellner die Ruhe, die er für seine mühevollen sprachlichen Ausgrabungsarbeiten braucht.

Die Schätze, die er bis heute gehoben hat, sind beachtlich - umso mehr, als sie aus einer kulturellen Tradition stammen, die Europa bis vor rund 200 Jahren gar nicht kannte: den Buddhismus, jene Weltreligion, die von Siddharta Gautama, genannt Buddha ("Der Erleuchtete"), im fünften oder sechsten Jahrhundert vor Christus im nördlichen Vorderindien gestiftet wurde und die seit 1983 in Österreich offiziell anerkannt ist. Steinkellner hat freilich einen ganz bestimmten Aspekt im Visier: den Buddhismus im Tibet des siebten bis zehnten Jahrhunderts nach Christus. Auf diesem Feld hat er es zu internationalem Ruhm gebracht - und Wien zum Mekka der Tibetologen und Buddhologen gemacht. "Er ist der hervorragendste Kenner der logisch-erkenntnistheoretischen Tradition der buddhistischen Philosophie", meint Karin Preisendanz über ihren Kollegen, dessen "unglaublich große Geduld" sie stets bewundert hat. Seit 2000 ist sie Leiterin des Instituts für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde an der Universität Wien, das im gleichen Jahr aus der Fusion ihres Indologie-Instituts und Steinkellners Universitäts-Institut für Tibetologie und Buddhismuskunde hervorgegangen ist.

Palmblätter und Tennis

Für Aufsehen sorgte Steinkellner spätestens 1991, als er eine österreichisch-italienische Expedition zum tausend Jahre alten Kloster Tabo im indischen Himalaya geleitet hat, wo er die Erschließung der Handschriftenschätze initiierte. Im Februar des Vorjahres gelang dem Vizepräsidenten der International Association for Buddhist Studies - und Präsidenten der International Tibetological Tennis Society! - schließlich der jüngste Coup: Durch ein Joint Venture zwischen Peking und Wien erhalten Steinkellner und sein Team Zugang zu rund tausend Jahre alten Palmblatt-Handschriften in Sanskrit, die in tibetischen Klöstern erhalten geblieben sind und die ihnen nun als Mikrofilme zur Verfügung stehen. "Das ist so, als hätten wir Aristoteles bisher nur in arabischer Übersetzung lesen können und läsen nun plötzlich das griechische Original", jubelt er.

Was aber bringt einen Menschen dazu, in solch fremde Welten einzutauchen? "Neugier", lautet die launige Antwort des heute 67-Jährigen. "Ich habe in meiner Jugend beschlossen, dass ich mein Leben lieber mit etwas verbringen möchte, das mich interessiert, als bloß mit Arbeit." Schon in der Mittelschulzeit reicht ihm der Rückblick auf die alten Griechen und Römer nicht aus. Dem 1937 in Graz geborenen Buben, dessen Vater im Krieg gefallen ist, steht der Sinn nach Exotischerem: Chinesisch soll es sein - "aber Sinologie hat es damals noch nicht gegeben", erinnert er sich. "Da habe ich mich an das Sanskrit erinnert und gedacht: Probiere ich das." Bei Erich Frauwallner, dem berühmten Interpreten indischer Philosophie, beginnt er 1957 das Studium der Indologie an der Universität Wien und wird Assistent.

Mehr als nur Mystik

Fortan zieht ihn jener Philosoph in den Bann, den er in seiner Doktorarbeit noch als "Hauptgegner" betrachtet hat: Dharmak1¯rti (ca. 600 bis 660 n. Chr.), dessen Texte zur Erkenntnistheorie und Logik Steinkellner bis heute beschäftigen. Zugleich beweisen sie, dass das Bild vom Buddhismus als bloß mystischer Weltanschauung nicht stimmt. "Wenn der Buddha sagt, dass alles leidvoll ist, weil es vergänglich ist, dann fragt sich jeder: Worauf beruht diese Vergänglichkeit? Das ist die Basis für die buddhistische Logik", erklärt Steinkellner. Um die Welt des historischen Buddhismus zu begreifen, muss er jedoch die Originaltexte sichten: Er lernt die Kirchensprache P¯ali, das klassische Sanskrit, Tibetisch, Chinesisch und Japanisch. Auch an Altmongolisch führt kein Weg vorbei.

Die Mühen des 1967 habilitierten Universitätsdozenten lohnen sich: Er bekommt eine Anstellung an der University of Pennsylvania in Philadelphia. 1973 ereilt ihn schließlich der Ruf an die Universität Wien. "Zu dieser Zeit hat Österreich plötzlich Asien entdeckt", erinnert er sich. "Und die damalige Unterrichtsministerin Hertha Firnberg hat gesagt, dass es neben Indologie, Japanologie und Sinologie auch etwas geben soll, das sich mit der Ideentradition in Asien beschäftigt." Als Verbindungsglied wird der Buddhismus ausgewählt. Am Ende bekommt Steinkellner eine Venia für Tibetologie und Buddhismuskunde.

Meditieren leicht gemacht

Der junge Professor macht sich bald in der Fachwelt einen Namen. Spätestens mit seinem Buch "Eintritt in das Leben zur Erleuchtung", einer deutschen Übersetzung eines Sanskrit-Textes des Mönches S¯antideva aus dem siebten Jahrhundert nach Christus, wird Steinkellner auch außerhalb wissenschaftlicher Kreise berühmt. Der Text birgt eine Zusammenfassung des so genannten Mah¯ay¯ana-Buddhismus ("Großes Fahrzeug"), jener zweiten, ethischen Form des Buddhismus, die in Versen abgefasst ist und in Ritualen verwendet wird. "Hier wird beschrieben, was jemand tun muss, der sich auf dem Weg eines Bodhisattva, eines Buddha im Werden, befindet", erklärt Ursula Baatz, Religionsjournalistin im orf-Hörfunk und Lehrbeauftragte an der Universität Wien. "Ein wichtiges Buch für alle, die buddhistische Meditationspraxis üben."

Umso ungewöhnlicher, dass Steinkellner selbst dergleichen nicht praktiziert. Der "katholisch sozialisierte" Forscher, der in seiner Pubertät "eine mystische Phase" hinter sich gebracht hat, sich heute als "areligiös" bezeichnet und trotzdem seiner Tochter die katholische Kultur des Rituellen näher bringen wollte, betrachtet den Buddhismus als "interessantes Kulturphänomen". Gläubiger Buddhist sei er nicht. Diese Haltung großer Kompetenz und innerer Distanz ist es, die Steinkellner im interreligiösen Dialog zu einem vielgeschätzten Gesprächspartner macht: "Er ist ein unbestechlicher Sachwalter einer der großen religiösen Menschheitskulturen", meint der Theologe Andreas Bsteh von der Theologischen Hochschule St. Gabriel. "Zugleich hinterfragt er alle Positionen kritisch - christliche wie buddhistische."

Keine Zeit für Kalachakra

Betont neutral ist Steinkellners Haltung auch zu jenem Ereignis in Graz, das 2002 unter der Anwesenheit des 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, abgehalten - und von der katholischen Kirche teils heftig kritisiert wurde: das Kalachakra-Ritual. Hierbei steht jener Text im Mittelpunkt, der eng mit dem Mythos vom sagenhaften Königreich Shambala im Himalaya verknüpft ist, dessen König der Erzählung nach die Gerechten und Guten zu einem Endkampf gegen die Bösen anführen wird. In diesem Ritual das Streben des Dalai Lama nach der Weltherrschaft zu orten, wie es Herbert und Mariana Röttgen vulgo Victor und Victoria Trimondi tun, hält Steinkellner für absurd: "Das sind Wahnsinnige, die unterscheiden nicht zwischen symbolischer und wörtlicher Sprache", ärgert sich Steinkellner über das Paar, dessen Künstlername "Sieger und Siegerin dreier Welten" bedeutet und damit ein Kampfname gegen das buddhistische Weltbild mit seinen drei Ebenen ist. "Wenn ich solche Texte wörtlich nehmen würde, wäre das Christentum die blutrünstigste Religion überhaupt: In der Messe essen wir ja Fleisch und trinken Blut."

Er selbst nahm freilich nicht am Kalachakra-Ritual teil: "Das war eine Massenveranstaltung, die mich nur Zeit gekostet hätte", erklärt er. Lieber nützte er die Gelegenheit, um mit dem Dalai Lama - dem geistlichen und politischen Oberhaupt der Tibeter, der seit der Besetzung Tibets durch China 1959 im Exil im nordindischen Dharamsala lebt - ein erhellendes Interview zu führen. "Diese Interviews finden ja immer um fünf Uhr früh statt", erzählt Steinkellner.

Für einen Buddhismusexperten wie ihn kein Problem: Schließlich muss der Weg zur Erleuchtung ja steinig sein.

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