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Der gleiche Krieg ganz anders

1945 1960 1980 2000 2020

Auch zu Weihnachten vor fünf Jahren fielen Bomben auf die tschetschenische Hauptstadt Grosny. Und auch damals waren sich die russischen Militärs ihres raschen Erfolges sicher.

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Auch zu Weihnachten vor fünf Jahren fielen Bomben auf die tschetschenische Hauptstadt Grosny. Und auch damals waren sich die russischen Militärs ihres raschen Erfolges sicher.

Zum zweiten Mal in fünf Jahren verwüstet russisches Militär Tschetschenien. Der Belagerungsring um die Hauptstadt Grosny wird immer enger, und die russische Heeresführung rechnet mit einer baldigen Einnahme der Stadt. Den zweiten Tschetschenienkrieg gewonnen, haben die Russen damit aber noch lange nicht.

Zur Erinnerung: Mitte Jänner 1995 pflanzten russische Soldaten nach nur einmonatigem Kampf ihre Flagge auf das Dach des gerade eroberten Präsidentenpalastes in Grosny. Und Ende Jänner erklärte der Nationale Sicherheitsrat, "die militärische Phase zur Wiederherstellung von verfassungsgemäßer Gesetzlichkeit und Rechtsordnung in Tschetschenien sei im wesentlichen abgeschlossen". Dabei ging der Krieg ab diesem Zeitpunkt erst so richtig los: Bombenanschläge, Besetzungen von öffentlichen Gebäuden in Rußland und Tschetschenien, Geiselnahmen, Entführungen, Straßenkämpfe, blutige Demonstrationen, ...

Schließlich besiegelt der im August 1996 zwischen Jelzins Sicherheitsberater Alexander Lebed und dem jetzigen tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow ausgehandelte Waffenstillstand Rußlands Hilflosigkeit. Von der Öffentlichkeit unter Druck gesetzt, ist Jelzin zu weitgehenden Konzessionen bereit. Bis Ende 2001 sollte eine Lösung über den umstrittenen politischen Status der Kaukasusrepublik gefunden werden. Jetzt hat Rußland die Notbremse gezogen und versucht der drohenden Abspaltung zuvorzukommen.

Für die Russen ist das Land strategisch zu wichtig, als daß sie es freiwillig in die Unabhängigkeit entlassen könnten. Der einfachste Weg, Erdöl und Erdgas aus den Fördergebieten am Kaspischen Meer nach Noworossijsk am Schwarzen Meer und damit in Reichweite westlicher Abnehmer zu transportieren, führt durch Tschetschenien, das seine Staatsfinanzen vor allem aus den keineswegs bescheidenen Durchleitungsgebühren lukriert.

Mit dem Ausbau einer Pipeline durch das nördlich zwischen Tschetschenien und Kaspischem Meer gelegene Dagestan versucht Rußland aus der tschetschenischen Abhängigkeit zu entkommen. Doch der Angriff tschetschenischer Kämpfer auf die Nachbarrepublik Dagestan im vergangenen August war ein schwerer Rückschlag für dieses Projekt und ein weiterer Affront gegenüber Rußland. Erschwerend kommt hinzu, daß die USA unverhohlen an Möglichkeiten des Öltransfers aus dem Kaukasus unter totaler Ausgrenzung Moskaus arbeitet. Parallel zum letzten OSZE-Gipfel in Istanbul inszenierten die Amerikaner die Unterzeichnung eines Abkommen zwischen der Türkei, Aserbaidschan und Georgien, das eine politische und strategische Ohrfeige für die Interessen Rußlands in der Region bedeutet. In dieser Situation greift Moskau auf das traditionelle Mittel zurück: Der Krieg gegen ein von der Propaganda als Banditen und Terroristen verunglimpftes Volk soll dem Westen als Abschreckung dienen und der eigenen Bevölkerung den verloren geglaubten Stolz, eine Weltmacht zu sein, zurückgeben.

Der große Verlierer ist die tschetschenische Zivilbevölkerung. Welchen Haß die Invasoren mit ihrem Feldzug auf Jahrzehnte hinaus gesät haben, zeigen die Gesichter und Erzählungen der interviewten Flüchtlinge: Entsetzen über das Zerstörungswerk der russischen Kriegsmaschinerie und Wut über die eigene Regierung, die dem Treiben der "wirklichen" Banditen, Terroristen, Entführer und anderen Kriminellen untätig zusah und so in den Augen vieler Tschetschenen an der Katastrophe mitverantwortlich ist.

Solange die Verluste in den eigenen Reihen gering sind, brauchen die Kriegstreiber um den Rückhalt aus der russischen Bevölkerung nicht zu fürchten. Auch liberale, westorientierte Gruppierungen unterstützen - im Gegensatz zu vor fünf Jahren - eine gewaltsame Lösung. Die westliche Kritik zeihen sie der Doppelmoral und erinnern an die vermißte Intervention während des ersten Krieges. Damals war nichts anders, nur Jelzin war noch der Liebling des Westens.

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