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Der goldene Wohlstand und das Paradies

1945 1960 1980 2000 2020

Wer sich dem Themas Wohlstand etwas intensiver widmet, wird schnell erkennen, dass viele der postulierten Dogmen der Volkswirtschaftslehre auf tönernen Füßen stehen. Umso mehr sollte man die Rolle der Politik in der Ökonomie diskutieren. Ein Essay.

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Wer sich dem Themas Wohlstand etwas intensiver widmet, wird schnell erkennen, dass viele der postulierten Dogmen der Volkswirtschaftslehre auf tönernen Füßen stehen. Umso mehr sollte man die Rolle der Politik in der Ökonomie diskutieren. Ein Essay.

Ab wann beginnt Wohlstand? Haben die Ausgestoßenen und depravierten Schichten an den Rändern Europas das Recht zu flüchten, um für sich und ihre Familien ein besseres Leben zu suchen? Das Interesse an ökonomischen Fragen wächst in Zeiten der Dauerkrise der kapitalistischen Verwertungslogik. Mit der Verbindung von Ökonomie und Politik begründete Voltaire avant la lettre die Volkswirtschaft und wertete die in der Antike noch als Hilfswissenschaft geltende Disziplin mit den Begriffen Angebot, Nachfrage, Kredit und Zins zum bestimmenden Ordnungsprinzip der Gesellschaft auf. Er implementierte Gewinnstreben, Eigentum und Handelsfreiheit in den Begriffskanon der Aufklärung.

Voltaires geistige Revolution ersetzte Willkür und ungerechte Privilegien der alten Ordnung und ebnete den Weg für die Entwicklung der modernen Marktwirtschaft. Ein möglichst allen Bürgern Wohlstand bringender Markt kann langfristig nur in freien Gesellschaften mit Gewaltenteilung und strenger Kartellgesetzgebung funktionieren. Wenn Märkte nicht vom Staat reguliert werden, können Blasenbildungen, Oligopole und Krisen die Gesellschaft aber in ihren Grundfesten erschüttern. Spätestens seit der Krise von 2008 muss das auch dem letzten Adepten der freien Marktwirtschaft klar sein.

Krisen-Domino

Seit damals gibt es in einem atemberaubenden Dominoeffekt neue Krisen: Studentenkreditblase, Deflation, Eurokrise, Preisverfall des Öls, Staatsschuldenkrise, Migrationskrise. Das Gefährliche am Primat der Ökonomie besteht für die Demokratie darin, dass ihre Lehren und Erkenntnisse für Politiker nicht nur Handlungsanweisungen und Entscheidungsgrundlagen bieten, sondern unhinterfragt in den Status von unveränderlichen Naturgesetzen gehoben werden. Peinliche Rechenfehler wie die 90-Prozent-Schuldenregel von Kenneth Rogoff, wonach sich Staaten nur bis zu diesem Prozentsatz verschulden dürfen, prägten lange Zeit die Austeritätspolitik der Europäischen Union. Wirtschaftswissenschaft wird von Entscheidungsträgern in den Rang einer dogmatischen Lehre gehoben. Fernab gut geheizter Lehrstühle richten solche Thesen aber konkretes Leid an. Sie haben den Alltag der Menschen in Griechenland und im Nahen Osten verschlechtert und den Aufschwung in der Eurozone verzögert und verhindert.

Die Weltbilder der Ökonomen haben den Politikern Werkzeuge zur Verfügung gestellt, um das Verhalten der Menschen berechenbar und planbar zu machen. Die Leitwissenschaft des Spätkapitalismus hat nur einen Schönheitsfehler: Zentrale Grundannahmen der Ökonomie wie der rationale Konsument, die unsichtbare Hand, der Trickle-down-Effekt und das Niedrige-Steuern-fördern-Wachstum-Mantra sind falsch.

Andere Annahmen wie die schöpferische Zerstörung, das Wettbewerbsdogma oder das Prinzip der Nutzenmaximierung sind hochideologisch.

Sie reduzieren das Wesen des Menschen auf seine Fähigkeit, sich auf Kosten der Mitmenschen einen Vorteil zu verschaffen. Kooperation, Solidarität und die christliche Erkenntnis, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, werden als Schwäche abgewertet oder überhaupt ausgeblendet. Was die Ökonomie den Menschen nicht vermittelt, sind Lebenssinn und Zufriedenheit.

Sie vermag auch nicht den Zusammenhalt der Menschen untereinander und eine Identifikation der Menschen mit der Gemeinschaft herzustellen. Wie wir von Ernst-Wolfgang Böckenförde gelernt haben, lebt unsere Demokratie von immateriellen Werten, die sie selber nicht herstellen kann. Eine Gesellschaft hält nur dann zusammen, wenn sich die Menschen mit ihr identifizieren können. Gewöhnungsbedürftig ist auch das kalte Menschenbild vieler Ökonomen, wonach Krisen die Schwachen auslesen, die Wirtschaft und die Nationen insgesamt aber voranbringen. Wo bleiben in diesem Denken die Rechte der Schwachen, Ungebildeten und strukturell Benachteiligten?

Wenn wie seit den 1970er-Jahren die Sockelarbeitslosigkeit mit jedem Konjunkturzyklus immer weiter ansteigt, Nationen wie Argentinien oder Griechenland bankrottgehen und generell Teilhabe, Vermögen und Einkommen ungleich verteilt sind, ist der Zeitpunkt gekommen, dieses Nützlichkeitsprinzip zu hinterfragen. Wohin mit den Überflüssigen? Darüber nachzudenken ist zielführender als den Benachteiligten auch noch Daumenschrauben anzulegen. Der früher geltende gesellschaftliche Grundkonsens, wonach jede Generation ihren Nachfolgern eine bessere Welt und mehr Chancen bietet, ist längst brüchig geworden. Dogmen der Nationalökonomie müssen daher von der Politik kritisch hinterfragt werden, und es sollten Alternativen probiert werden. Das Gerede von der Alternativlosigkeit ist wenig mehr als das letzte Gefecht einer brüchig gewordenen Ordnung.

Herr Smith und das Paradies

Liest man das vom selbstständigen Vermögensverwalter Georg von Wallwitz kenntnisreich ausgeschmückte Buch "Mr. Smith und das Paradies", wird ersichtlich, dass selbst unter einem einfachen Begriff wie Wohlstand scheinbar jeder ökonomische Vordenker etwas gänzlich anderes versteht. Ganz offensichtlich wird: Das Wenigste, was zum guten Leben gehört, ist materieller Natur. Freundschaft, Gesundheit, Privatsphäre und Liebe sind unverkäuflich. Und was passiert eigentlich mit einer Gesellschaft nach dem Erreichen des Wohlstandes? Auf diese Frage gibt die Ökonomie keine zufriedenstellenden Antworten. Die Ökonomie bleibt auch seit jeher eine Erklärung schuldig, warum die Natur des Wohlstandes flüchtig sein muss. Materielle Unabhängigkeit oder Wohlstand für alle zu verwirklichen, gehört nicht zu den ersten Zielen der Ökonomie.

Geradezu banal daher auch die Schlussfolgerung des Autors "Wohlstand erschöpft sich nicht in der Fülle von Dingen, denn es gibt in den Dingen kein Ende und kein Ziel." Diese schale Erkenntnis ist für die weltweiten materiellen Verteilungskämpfe zu wenig. Politik und Religion sind gefordert, wieder selbstbewusster verbindliche Leitbilder für die Zukunft der Menschen zu entwerfen. Papst Franziskus hat mit seinen Enzykliken "Lumen fidei" und "Laudato si" kraftvolle Dokumente vorgelegt, die Auswege aus der ökonomischen Sackgasse zeigen. Von der Wirtschafswissenschaft sind ähnlich sinnstiftende Abhandlungen auch künftig nicht zu erwarten, wenn sie nicht bereit ist, von der Wirklichkeit widerlegte Dogmen zu überdenken und zu widerrufen.

Kenntnis ist für die anstehenden materiellen Verteilungskämpfe weltweit zu wenig. Deswegen sind Politik und Religion gefordert, wieder selbstbewusster verbindliche Leitbilder für die Zukunft der Menschen zu entwerfen. Papst Franziskus hat in seiner ersten Enzyklika "Lumen fidei" bereits ein sehr überzeugendes Dokument vorgelegt. Von der Ökonomie sind ähnlich sinnstiftende Abhandlungen auch künftig nicht zu erwarten, wenn sie nicht bereit ist, ihre Prämissen grundlegend zu überdenken.

Mr. Smith und das Paradies

Die Erfindung des Wohlstands

Von Georg von Wallwitz. Berenberg 2013.

200 Seiten, Hardcover, € 18,-

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