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Der Iran und der syrische Aufstand

Dem Regime in Teheran droht der Verlust seines wichtigsten Verbündeten gegen Israel, sollte Syrtiens Aufstand Assad stürzen, schreibt die SZ.

Es klang nach vorsichtiger Öffnung, nach mehr Meinungsfreiheit und Demokratie, als der syrische Präsident Baschar al-Assad im Februar verkündete, den Bann über Facebook und Twitter aufzuheben - über jene sozialen Netzwerke, die schon in Tunesien und Ägypten die Revolution befeuert hatten. Inzwischen hat sich dieser Zug als hinterlistige Falle entpuppt: Die Häscher in Damaskus nutzen die Kommunikationsplattformen, um Oppositionelle ausfindig zu machen. Mehr als 10.000 Menschen haben Assads Schergen inzwischen in Kerkern verschwinden lassen, schätzen westliche Diplomaten, mehr als 1000 verloren ihr Leben durch die brutale Unterdrückung.

Syriens Sicherheitsapparat kann sich auf kundigen Rat und materielle Hilfe aus Iran stützen, wie westliche Geheimdienste übereinstimmend berichten. Im März durchsuchte die Türkei auf Grundlage der UN-Sanktionen gegen Teheran in Diyarbakir eine Frachtmaschine der Yas Air, die auf dem Weg von Iran nach Syrien war. An Bord fanden sich, getarnt als Autoersatzteile, Kalaschnikows samt Munition, Maschinengewehre und Mörsergranaten, wie es in einem bislang unter Verschluss gehaltenen UN-Bericht an den Sicherheitsrat steht.

Neue Routenwahl für Schmuggelware

Seinen Weg von Teheran nach Damaskus gefunden hat dagegen Spezialtechnik zur Überwachung des Internets und auch Polizeiausrüstung von Helmen bis zu Schlagstöcken; Iran bestreitet vehement, der Lieferant zu sein. Geheimdienstler sagen dagegen, nach der peinlichen Entdeckung in Diyarbakir habe Iran mit Syrien neue Nachschubrouten durch die Türkei ausgemacht. Zudem schickt die iranische Führung Berater und Ausbilder, die mindestens zum Teil einer auf Auslandsoperationen spezialisierten Eliteeinheit angehören. Sie instruieren die Syrer, mit welcher Taktik sie den Aufstand in den Griff bekommen können - und greifen dabei auf ihre Erfahrung bei der brutalen, aber erfolgreichen Niederschlagung der grünen Revolution im Jahr 2009 zurück. Seit Mitte April, heißt es, spielten die Garden eine zentrale Rolle in Syrien. Manche führen das ungemein harte und landesweit koordinierte Vorgehen der syrischen Sicherheitskräfte auf diesen Einfluss zurück.

Es geht um die Drehscheibe in Nahost

Für Teheran geht es in Syrien um mehr als das Überleben des wichtigsten - zumal arabischen - Verbündeten, es geht um Irans Stellung im Nahen Osten, sein Streben nach Dominanz. Westliche Diplomaten betrachten Syrien als Schauplatz, an dem sich das Machtgefüge der Region entscheidet. Nimmt Assad den Weg des ägyptischen Ex-Machthabers Hosni Mubarak, verliert Teheran seinen Brückenkopf an der Levante. Für Teheran dürfte es schwieriger werden, die verbündete Schiiten-Miliz Hisbollah im Libanon mit Waffen und Geld zu versorgen und sie zu steuern. Ähnliches gilt für die Hamas, die zweite Speerspitze im Kampf gegen Israel, deren Politbüro Damaskus Zuflucht gewährt.

Auch aus anderen Gründen sieht sich das religiöse Regime in Teheran in die Enge getrieben. Es hat versucht, den arabischen Frühling für sich zu vereinnahmen - als "islamisches Erwachen“, das die gottlosen Vasallen der USA hinwegfege. Doch wollen nun nicht einmal die Islamisten das Teheraner Modell der Islamischen Republik importieren. Die Unruhen im zwar säkularen, aber keineswegs amerikafreundlichen Syrien versucht Teheran nun notgedrungen als von Israel und den USA gesteuerte Verschwörung zu diskreditieren. Hinter all dem steht die Furcht, dass der arabische Frühling doch noch in einen persischen Sommer umschlagen könnte.

Aus Süddeutsche Zeitung, 8. Juni 2011

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