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Der kalte Krieg Koreas

1945 1960 1980 2000 2020

Im Vorfeld des 50. Jahrestages der Staatsgründung hat sich Nordkorea durch Raketentests wieder in Erinnerung gerufen. Der 9. September 1948 markiert auch den Beginn der Teilung der koreanischen Halbinsel. Heute stehen auf beiden Seiten des "Eisernen Vorhangs" 800.000 mit Atomwaffen ausgerüstete Soldaten. Schon ein Funke kann einen neuen Flächenbrand auslösen.

1945 1960 1980 2000 2020

Im Vorfeld des 50. Jahrestages der Staatsgründung hat sich Nordkorea durch Raketentests wieder in Erinnerung gerufen. Der 9. September 1948 markiert auch den Beginn der Teilung der koreanischen Halbinsel. Heute stehen auf beiden Seiten des "Eisernen Vorhangs" 800.000 mit Atomwaffen ausgerüstete Soldaten. Schon ein Funke kann einen neuen Flächenbrand auslösen.

Einziger Treffpunkt zwischen Nord- und Südkorea ist Panmunjom, bis zum Waffenstillstand von 1953 ein obskurer Fleck auf der Landkarte. Alljährlich unternehmen 150.000 Besucher aus Südkorea die riskante Reise zur toten Grenze. Eine Fahrt nach Panmunjom ist in jedem Fall das aufregendste Erlebnis eines Korea-Besuches, gleich ob man sich vom kommunistischen Norden oder vom Süden aus dem symbolträchtigen Ort nähert. Immer wieder werden Fahrten kurzfristig abgesagt, wenn im "Todesstreifen" wieder einmal dicke Luft herrscht. Koreaner dürfen an dieser Tour nicht teilnehmen. Auch Kinder unter zwölf Jahren, "Langhaarige mit ungekämmten Haaren", "schäbig gekleidete Personen", sowie Jeans- und Sandalenträger werden nicht mitgenommen. So steht es im Prospekt - und die Koreaner meinen, was sie sagen, im Unterschied zu anderen Asiaten.

Auf unserer Fahrt von Seoul, der Hauptstadt Südkoreas, nach Panmunjom halten wir zuerst bei einem Denkmal, das zur Erinnerung an 488 philippinische Soldaten, die im Koreakrieg fielen, errichtet wurde. Der nächste Stopp gilt den Gräbern von 18 Kriegsberichterstattern verschiedener Nationen. Je näher wir der Entmilitarisierten Zone (DMZ), die sich zirka 230 Kilometer quer durch die koreanische Halbinsel zieht, kommen, desto häufiger werden die Panzersperren, Militärlager und andere Verteidigungsanlagen. Später begegnen wir einer Kolonne schwerer amerikanischer Tanks. Bei Musan endet der Schienenstrang, der früher über 500 Kilometer von Seoul bis zur chinesischen Grenze lief, abrupt. Werden die Zeiten, in denen man in drei Wochen von Pusan, der südlichen Hafenstadt Koreas, bis nach Paris fahren konnte, wieder kommen? Vorläufig wächst noch Gras über die Geleise. Nur die verrosteten Reste einer 40-Tonnen-Lok erinnern an die einst wichtigste Bahnstrecke Koreas.

"Haus der Nostalgie" In der Nähe des breiten Imjin-Flusses erhebt sich "Imjingak", das "Haus der Nostalgie". Bis hierher dürfen auch koreanische Besucher. Am Neujahrstag versammeln sich hier Tausende von Koreanern, um ihrer im Norden lebenden Familienangehörigen zu gedenken. Der "Eiserne Vorhang" Koreas ist dichter als jener, der Ost- und Westdeutschland oder Nord- und Südvietnam trennte. Es gibt weder Bahn- noch Luftverbindungen, kein Telefon, keine Post und selbst Briefe, die von Südkoreanern aus dritten Ländern nach Nordkorea abgesandt werden, bleiben unbeantwortet. Die Mauer trennt zehn Millionen Koreaner von ihren Familienangehörigen.

Auf der einspurigen "Freiheitsbrücke" überqueren wir den Fluß. Nach dem Koreakrieg wurden 13.000 alliierte Kriegsgefangene über diese Brücke in die Freiheit gebracht. "Von nun an ist Fotografieren verboten", warnen uns die Reisebegleiter. "Aber in der Sicherheitszone können Sie Ihre Fotoapparate wieder benützen - sobald wir es Ihnen sagen", heißt es.

Auch heute noch sind in Südkorea rund 37.000 US-Soldaten stationiert. Sie gelten als Garantieschein für Südkorea, weil das kommunistische Nordkorea eine Konfrontation mit den USA sicher nicht riskiert. In der Kantine des US-Camps "Kitty Hawk" servieren nette, rotbackige Koreanerinnen das Mittagessen. Koreanische und amerikanische Soldaten unterhalten sich an Spielautomaten. Gelegentlich gibt es "Frontbetreuung" durch Revue-Tanzgruppen aus Las Vegas oder New York. Viele GIs fahren am Abend die gute Autostunde nach Seoul, wo in einem eigenen Stadtviertel zahlreiche Bars und Nachtclubs auf sie warten.

Auf dem UNO-Platz des Camps flattern die Fahnen aller 16 Nationen, die am Koreakrieg teilgenommen haben, im Wind. Neben dem Swimming-Pool wird das Modell eines jener Tunnel gezeigt, die von den Nordkoreanern unter der DMZ gegraben wurden. Der erste wurde 1974 durch Verrat eines abgesprungenen Nordkoreaners entdeckt. Im März 1975 fand man den zweiten, im Oktober 1978 den dritten und im März 1990 den vierten Tunnel. Die Tunnel sind zirka zwei Meter hoch und weit, groß genug für eine Kleinbahn mit Ausweichen, Entwässerung usw. Experten glauben, daß die Nordkoreaner durch diese Tunnel Truppen in Regimentsstärke binnen einer Stunde nach Südkorea einschleusen könnten, andere bezweifeln ihren militärischen Wert. Die Südkoreaner vermuten, daß es weitere zwanzig Infiltrations-Tunnel dieser Art gibt.

Joseph, unser amerikanischer Verbindungsmann, erklärt uns nach dem Mittagessen die Situation an der DMZ. "Im Zentrum der 4.000 Meter breiten Entmilitarisierten Zone liegt die sogenannte Militärische Demarkationslinie." 1.292 Markierungszeichen, die an der Südseite Koreanisch und Englisch, an der Nordseite Koreanisch und Chinesisch beschriftet sind, wurden entlang der DMZ aufgestellt. Alle militärischen Anlagen mußten aus dieser Pufferzone entfernt werden. Im Herzen der DMZ, bei Panmunjom, liegt die "Joint Security Area", ein 800 Meter breiter Streifen. Dieses Gebiet ist der einzige Ort, wo sich Delegierte Nordkoreas mit jenen des UNO-Kommandos treffen. Bevor wir dorthin fahren, müssen wir ein Formular unterschreiben, mit dem wir auf alle eventuellen Ansprüche gegen die US-Armee verzichten, falls man durch einen unerwarteten Zwischenfall zu Schaden kommen sollte...

Winken verboten Die knisternde Spannung in unserem Autobus ist mit Händen zu greifen, als wir in Panmunjom einfahren. Selbst die geschwätzigsten Teilnehmer der Tour sind verstummt. Auf dem kurzen Weg vom Bus zum (südkoreanischen) "Freiheits-Haus" darf niemand stehen bleiben. Die Amerikaner haben hier einen pagodenförmigen Beobachtungs-Pavillon errichtet. Oben sitzt ein amerikanischer Soldat, mit Fernglas und Teleobjektiv ausgerüstet. Einen Steinwurf davon entfernt erblicken wir nordkoreanische Soldaten, die uns ihrerseits mit Ferngläsern beobachten. Schon vorher wurden wir von Joseph vor jeder Handbewegung gewarnt. "Reagieren Sie auch nicht auf das Winken der Koreaner. Jeder von Ihnen wird fotografiert. Die Aufnahmen winkender Touristen verwerten die Nordkoreaner für ihre Propaganda."

Auf beiden Seiten der Demarkationslinie liegt ein Dorf. Die Bewohner bestellen die Felder. Auf südkoreanischer Seite erhalten sie alle möglichen Begünstigungen, tragen sie doch im Falle eines neuen Angriffes aus dem Norden das größte Risiko. Bei der nordkoreanischen Siedlung soll es sich um ein kaum bewohntes Potemkinsches Dorf handeln.

Nur ein paar Schritte vom "Freiheits-Haus" entfernt erhebt sich die berühmt-berüchtigte Baracke, in der sich die Delegierten der Militärischen Waffenstillstandskommission treffen. Jede Seite kann fünf Delegierte entsenden, die nördlich und südlich eines mit einem grünen Tuch bedeckten Tisches sitzen. Genau durch die Mitte des Tisches verläuft die Demarkationslinie. Die Sitzungen, die in todernster Atmosphäre nach einem erstarrten Ritual ablaufen, dauern manchmal nur einige Minuten.

Angst vor Zwischenfall Seit 1991 fanden allerdings keine Sitzungen mehr statt. 1994 zog sich Nordkorea offiziell aus der Kommission zurück. "Bitte berühren Sie keines der Mikrophone", warnt uns Joseph, "jede unbedachte Bewegung könnte einen ernsten Zwischenfall auslösen!" Neugierig drücken nordkoreanische Soldaten ihre Gesichter an die Fenster und beobachten jeden unserer Schritte.

Dann fahren wir mit dem Bus zur "Bridge of No Return" ("Brücke ohne Wiederkehr"). Sie wurde so benannt, weil niemand, der sie überschreitet, auf die andere Seite zurückkehren kann. Im Schritt-Tempo nähern wir uns der Brücke, sodaß jeder fotografieren kann.

Eine halbe Stunde später liegt Panmunjom wie ein Alptraum hinter uns. Die Reise zum letzten "Eisernen Vorhang", hinter dem die Atommacht Nordkorea lauert, ist zu Ende. Aber morgen schon könnte hier die Hölle los sein.

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