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Der Korporierte -eine politische Perspektive

Er trägt bunte Bänder und lustige Kappen. Er trägt Reiterstiefel, weiße Handschuhe und Degen - zumindest, wenn er als "Chargierter" bei feierlichen Anlässen im "Vollwichs" erscheint (ja, so heißt das im Jargon - mit in Fragen des sittlichen Anstands übrigens tendenziell unverfänglichem Inhalt). Und bisweilen trägt er auch eine auffällige Narbe auf Wange oder gar Ohrwaschel - zumindest, wenn er in seiner Ausprägung als schlagender Burschenschafter auftaucht: der Korporierte. Viel wurde über ihn gerätselt, viel wurde über ihn geschrieben. Letzteres dürfte hierzulande künftig wieder häufiger passieren. Denn Österreichs kommende Regierung könnte erstaunlich stark von ihm geprägt sein. Nun, genau genommen waren das auch schon etliche der vergangenen Regierungen Österreichs. Und doch dürfte sich mit der kommenden etwas Entscheidendes verändern: Statt katholischer Corpsstudenten des österreichischen Cartellverbands (ÖCV), die in Regierungen mit ÖVP-Beteiligung zahlreich vertreten waren, werden es in Hinkunft wohl vor allem schlagende Burschenschafter sein, die in Ministerämter und Staatssekretariate gehievt werden. Denn unter FPÖ-Parteichef Heinz-Christian Strache und seinen fünf Stellvertretern ist nur einer kein Mitglied einer schlagenden Verbindung. Im blauen Verhandlungsteam in den Koalitionsgesprächen sind vier von fünf Verhandlern Burschenschafter, oder präziser: drei Burschenschafter werden von der Mädelschafterin Anneliese Kitzmüller ergänzt. Im künftigen Parlament könnten laut Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands 21 der 51 FP-Abgeordneten Burschenschafter sein. Warum das alles erwähnenswert ist? Im Gegensatz zu ihren katholischen Pendants sind die betreffenden schlagenden Burschenschaften deutschnational orientiert, für Burschenschafter-Verstrickungen in Rechtsextremismus gibt es zahlreiche bekannte Beispiele. Mit der österreichischen Verfassung ist das Gedankengut vieler schlagender Studentenverbindungen im Übrigen nicht vereinbar: Sie verbietet jedes Werben für Großdeutschland. Wie viele der künftigen ÖVP-Minister künftig Korporierte sein könnten, ist vorerst übrigens nicht bekannt. Der wohl künftige Kanzler selbst zählt jedenfalls nicht dazu - Sebastian Kurz ist kein Mitglied einer Studentenverbindung. Ein anderer heißer Ministerkandidat dagegen schon: Gernot Blümel, Obmann der Wiener ÖVP, ist Mitglied der katholischen Studentenverbindung Norica Wien.

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