Der lachende Dritte

Aus dem Konflikt im Libanon könnte Syriens Präsident Baschar el Assad als der einzig wahre Gewinner hervorgehen und zu neuer regionalpolitischer Macht aufsteigen.

Während der Libanon in Trümmern versinkt, lässt das syrische Regime in Damaskus die Bilder einer neuen Dreieinigkeit paradieren: das blasse, aus weißem Hemdkragen hervorlugende, glatte Antlitz Baschar el Assads, flankiert von zwei vollbärtigen Geistlichen, dem radikalen irakischen Schiitenführer Moqtada Sadr auf der einen und Hassan Nasrallah, dem durch israelische Bomben schwerbedrängten Chef der libanesischen Hisbollah auf der anderen Seite. Die Botschaft ist klar: Hier präsentiert sich der arabischen Welt ein neues Führungsteam, das hartnäckig und unbeugsam die nationalen Rechte der Araber, der Palästinenser, der Libanesen verteidigt. Das "Herz des Arabertums", als das sich Syrien seit Jahrzehnten verstand, pulsiert wieder.

Baschar el Assad, "Präsident wider Willen", von den Turbulenzen der Region überfordert, hofft, dass der neue Glorienschein, der Nasrallah in den Augen vieler Araber nach mehr als zweiwöchigem israelischen Vergeltungszug im Libanon umglänzt, auch ihn einhüllen werde. Nicht mehr verschämt, wie in der Vergangenheit, sondern offen bekennt sich Syrien nun zum neuen Araber-Helden Nasrallah. Denn international zuletzt demütigend isoliert, wittert der 40-jährige Assad in der libanesischen Katastrophe eine Chance, sein Land wieder zu regionalpolitischer Bedeutung zu führen.

Der Ruhepol

Ganz im Stil seiner sechsjährigen Präsidentschaft schweigt der gelernte Augenarzt zunächst. Wie oft in den vergangenen Jahren, wirkt er vorerst ratlos und lässt sich lange Zeit, um dem Regime die genaue politische Linie vorzugeben. In groben Umrissen lässt sie sich aber schon erahnen. Dem Beispiel seines 2000 verstorbenen Vaters folgend, des selbst von Gegnern auf der internationalen Bühne ob seiner Intelligenz und seines strategischen Geschicks hoch geachteteten Hafez el Assad, ganz im Gegensatz zu seinem einzigen engen Verbündeten, Irans Präsidenten Mahmut Ahmadinedschad, gibt sich Baschar gegenüber Israel nun äußerst zurückhaltend, ängstlich darauf bedacht, den kriegsbereiten Judenstaat nur ja nicht zu provozieren. Während im Libanon Kämpfe toben, bleibt es an der syrisch-israelischen Waffenstillstandslinie ruhig, wie seit Jahrzehnten. Die syrische Armee mit ihrer veralteten Ausrüstung ist der israelischen Kriegsmaschinerie hoffnungslos unterlegen. Dessen ist sich Baschar voll bewusst. Abenteuer mit katastrophalen Folgen will er, im Gegensatz zu Nasrallah, nicht riskieren, auch wenn der strategische Partner Iran im Falle eines israelischen Angriffs sofortigen Beistand verspricht.

Das schwierige Erbe

Doch wenn Israel einen Landkrieg im Libanon beginnt, dann - so stellt Syriens Informationsminister Bilal unterdessen klar - werde Syrien nicht "mit verschränkten Armen zusehen". Wenn sich israelische Soldaten der syrischen Grenze nähern, "dann werden wir im Libanon intervenieren".

Vielmehr wittert der junge Präsident die Chance, im Libanonkrieg als Vermittler zwischen Israelis, Amerikanern und Hisbollah aufzutreten. Wiederholte offene Aufforderungen der us-Führung an Damaskus, den libanesischen Guerillas Einhalt zu gebieten, vernimmt man dort tief befriedigt, zeigen sie doch, dass Syrien wieder ein wichtiger Partner im Machtspiel des Mittleren Ostens werden, dass die alte nahöstliche Weisheit wieder stimmen könnte: Friede ohne Syrien ist nicht möglich.

In den sechs Jahren seiner Präsidentschaft hat Baschar Syrien von einer zentralen regionalpolitischen Macht zu einem Pariah-Staat geführt, von den Amerikanern und Israelis als "Schurken-Staat" gebrandmarkt und von us-Präsident Bush fast vollends ignoriert. Bemühungen Assads, mit den Amerikanern und Israelis ins Gespräch zu kommen, wurden schnöde zurückgewiesen. Vor allem die Israelis nehmen den jungen, unerfahrenen Staatsführer nicht ernst, halten ihn für intern zu schwach, um mit ihm Verhandlungen überhaupt nur zu beginnen.

Manche Kenner der Region meinen, der sympathische junge Augenarzt, der von Politik nie etwas wissen wollte, nur aus Gehorsam dem Ruf seines Vaters nach dem Unfalltod des älteren Bruders folgte, um 2000 das politische Erbe anzutreten, sei nicht aus dem dafür nötigen Holz geschnitzt. Baschar besitzt bis heute kein Durchsetzungsvermögen gegen die alte Garde im Regime.So musste er seine politischen und ökonomischen Reformpläne aufgeben. Er wählte zudem teilweise schlechte Berater. Die kalte Schulter, die Bush ihm seit Jahren zeigt, gab Falken im Regime Oberwasser. In seiner alawitischen Minderheiten-Gemeinschaft ist Baschar weit weniger stark verwurzelt, als dies sein Vater gewesen war. Dies schränkt seinen Handlungsspielraum zusätzlich ein.

Es waren katastrophale Fehlkalkulationen des Präsidenten, im Irak-Krieg, und vor allem im Libanon, die Syrien so dramatisch schwächten. Doch in schweren Krisenzeiten bewies Assad auch Pragmatismus. So zog er nach Massendemonstrationen gegen Damaskus in Beirut nach der Ermordung des libanesischen Ex-Premiers Rafiq Hariri im Vorjahr seine Truppen ab, um einer Verurteilung durch die uno zuvorzukommen. Zugleich warnte er die nationale Souveränität und Unabhängigkeit erstrebenden Libanesen, sie würden dafür einen hohen Preis bezahlen müssen. Diesen Preis hat ihnen nicht Syrien, sondern Israel aufgezwungen und damit Assad das Tor zur Rückkehr in den Levantestaat geöffnet.

Erwartungen an Assad

Denn die unbeschreibliche Tragödie, die über das Land hereinbrach, lässt mehr und mehr Libanesen wieder nach Damaskus blicken, dessen alte, saure Umarmung ihnen als besser und sicherer erscheinen wird, als der sich so katastrophal erwiesene Bund mit einem Amerika, das fest entschlossen ist, seine "neue Ordnung", seine "demokratischen Werte" der Region aufzuzwingen und Israel bedingungslos zu unterstützen, was auch immer der humanitäre Preis sein mag. Doch hält Baschar tatsächlich den Schlüssel zur Lösung des Konflikts in seiner Hand? Washington will Syrien aus dem langjährigen Bündnis mit dem Iran wegdrängen und zum Bruch mit Hisbollah und der palästinensischen Hamas zwingen. Schon wird über attraktive "Anreizpakete" spekuliert: großzügige Hilfe für die dahinsiechende Wirtschaft, vor allem die erneute Anerkennung syrischer Hegemonie über den Libanon, die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen mit Israel, mit der Garantie der Rückgabe des syrischen Golan. Doch ob Assad dafür die mehr als 30-jährige Freundschaft mit dem Iran aufgibt, ob er Hisbollah zur Niederlegung der Waffen zwingen kann, bleibt höchst fraglich.

Widerspenstige Hisbollah

Seit Gründung der Hisbollah mit iranischer Hilfe 1982 hat Syrien die Beziehungen zu dieser schiitischen Organisation ausgebaut und gestärkt. Damaskus ist nur das "Tor", durch das Hisbollah vor allem Waffen, aber auch finanzielle Unterstützung aus dem Iran zufließen. Das garantierte Syrien jedoch nach dem Abzug im Vorjahr weiterhin politischen Einfluss im Libanon und sichert ihm eine unverzichtbare Karte im Konflikt mit Israel über den Golan. Dennoch hielt sich Assad offiziell mit seiner politischen Unterstützung der Hisbollah zurück. Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Hatte der junge Nasrallah den Vater Assad noch hoch verehrt und sich seinem Einfluss bereitwillig gebeugt, hört er auf den Sohn viel weniger. Hisbollah ist im Dreierbund mit Syrien und Iran längst keine Marionette mehr, die sich bereitwillig für die Interessen der anderen manipulieren und einsetzen lässt. Sie ist ein vollwertiger Partner geworden. Gelingt es Israel in diesem Krieg nicht, sie vollends zu zerschlagen, wird auch Assad sie nicht entwaffnen können. Da wird auch aller Pragmatismus nichts fruchten, den der Syrer demonstrieren mag, um aus der internationalen Isolation auszubrechen und wieder regionalpolitische Bedeutung zu gewinnen.

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