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Der Mensch ist sich fremd

Denker aus vielen Bereichen versuchen eine Annäherung an den Begriff "Identität".

Da war sie nun Erik, und er musste seither rechtfertigen und erklären, warum sie zum Er wurde, aber eigentlich er immer war. Eine Missbildung der Genitalien, die lange unerkannt blieb, bis zur Feststellung der Chromosomen, machte ihn 19 Jahre seines Lebens zu "Erika" Schinegger, die 1966 für Österreich Gold in der Skiweltmeisterschaft holte und so wiederum zum Star und Teil der österreichischen Identität wurde.

Erik Schineggers traurige Geschichte der Unwissenheit, Ignoranz, der Ablehnung und Ächtung trifft genau den Nerv der sexuellen Identität des Menschen. Kaum jemand, den diese Geschichte des ehemaligen Kärntner Skirennfahrers ungerührt lässt, und kaum jemand, der sich nicht fragt, was ist eigentlich meine Identität als Mann oder Frau. Was ist denn überhaupt meine Identität, wer bin ich? Was macht mich aus?

Ist Erika eigentlich gestorben, nachdem Schinegger offiziell zum dem wurde, was er immer war: ein Mann? Fast wehmütig meint dies Eriks Freundin und frühere Teamkollegin im Dokumentarfilm Erik(a) - der Mann, der Weltmeisterin wurde von Kurt Mayer, der 2005 entstanden ist und bei der diesjährigen GLOBArt Academy in Pernegg wieder gezeigt wurde. Diese tragische Geschichte symbolisiert fast wie eine Parabel das Moment der Veränderung, den Wandlungsprozess, den Widerspruch, der eine Definition, eine Annäherung an das Wesen von "Identität" so schwierig macht.

Ein Nullsummenspiel

"Als Widerspruch in Bewegung" beschrieb auch der Schriftsteller und Dramaturg, John von Düffel, als einer von zahlreichen Vortragenden der Tagung den Begriff "Identität", der zugleich viel- und nichtssagend ist. "Wenn ich an die Bücher, die ich geschrieben habe, denke, dann scheint es mir, als habe jedes dieser Werke ein anderer Mensch verfasst", sagte von Düffel, der mit Romanen wie Vom Wasser oder Ego bekannt wurde. Befremden stelle sich immer ein, wenn er in seinen eigenen Werken lese, und doch sei ihm natürlich alles bekannt. "Meine Lebensgeschichte kann unterschiedlich interpretiert werden, abhängig von der Perspektive. Die Zeit, die ich hinter dem Schreibtisch verbracht habe, habe ich nicht woanders, etwa meiner Familie geschenkt, was mir meine Tochter vielleicht einmal vorwerfen könnte", meinte der Hamburger Autor, der damit aufzeigen wollte, dass Erfolg und Scheitern oftmals die beiden Seiten ein und derselben Medaille sind. Das Leben also als "Nullsummenspiel", in dem sich alles ausgleicht, Erfolg und Scheitern, Glück und Unglück, da und weg sein. "Identität ist, wenn man von sich erzählt", meint von Düffel schließlich.

Wer seine Lebensgeschichte darlegt, legt zugleich die ganze Einzigartigkeit, die Individualität des Menschen offen. Keine Erfahrung, kein Leben, kein Charakter, kein Körper, kein Fingerabdruck gleicht dem anderen. Diese Diversität, die ins Unendliche zu denken verführt, holte der Molekularbiologe Josef Penninger, wieder auf den Boden der Realität zurück, und erklärte Identität anhand des Genmaterials.

Das 21. Jahrhundert nennt Penninger das "Jahrhundert der genetischen Forschung". "Es ist das erste Mal in der menschlichen Geschichte, dass wir aktiv Leben ändern und in die Evolutionskette eingreifen können, das kann man mögen oder nicht, aber es ist bereits Tatsache. Diese Revolution wird alles ändern, die Moral, die Gesellschaft, die Medizin. Das Leben kreist nicht um den Menschen, der Mensch ist nur eine kleine Variation. 70 Prozent der menschlichen Gene finden sich in Fliegen wieder", relativierte der international tätige österreichische Forscher und "Wissenschafter des Jahres 2003" die Besonderheiten des Menschen: "Die Natur ist nihilistisch, sie kann gut ohne uns auskommen."

Der Mensch also - von der Ferne betrachtet - eine Ameise von Tausenden in einem Haufen. Ist also die Einzigartigkeit nur eine Frage des Zooms?

Zurück im Mikrokosmos des Menschen als Teil einer Gesellschaft: Verkam die in Mythen versteinerte Identität der frühen Menschheitsgeschichte oder die durch Religion und Tradition klar vorgegebene Identität eines Menschen im Rahmen einer Gesellschaft zur "liquiden Bastelidentität", wie es der Grazer Soziologe Manfred Prisching mit vielen griffigen Etiketten darlegte?

Er führt der westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts einen Spiegel vor und zeigt das hässliche Gesicht eines menschlichen Kollektivs, das sein "Ich" durch Konsum von identitätsstiftenden Accessoires bastelt. Man trägt die teure Uhr und fährt den roten Sportwagen, und schon ist man jemand anderer.

"Diese Multioptionsgesellschaft und Bastelidentität ist für viele eine Überforderung", stellte Prisching fest. Der unbeschränkbare Konsum stellt Zufriedenheit, Mäßigung und Normalität in Frage, der Hunger nach Erlebnis, dem Event, dem ständigen Kick führte zu einer "epidemischen Normalitätsphopie".

Das Ich als Accessoire

Seine Analyse spitzte Prisching treffend zu: Die Individualität, die der Mensch anstrebt, zeigt sich nur mehr in äußerer Diversität (den unterschiedlichen Konsumbedürfnissen), doch den Menschen von Heute charakterisiert zugleich eine "mentale Konformität" (der Gier nach mehr). Eine schockartige Erkenntnis? Gewiss nicht, wir kennen sie längst. Immer wieder trottet der einzelne Mensch im Gleichschritt der Masse, den viel zitierten Beispiel der Lemminge gleich?

Auch der deutsch-türkische Autor Zafer Senocak warnte davor, dass der einzelne Mensch im Zeitalter, "wo das Verbindende mehr schmerzt als das Trennende", wieder in ein Kollektiv übergeht, um sich dort unterzuordnen. "Sind wir nicht mehr in der Lage, den Widerspruch hinzunehmen. Ich brauche den Widerspruch, ich bin im Widerspruch groß geworden, jeder feste Standpunkt friert ein", meinte der Autor und Übersetzer.

Er schilderte den Widerspruch zwischen seinen Eltern, die aus völlig verschiedenen Welt kamen und dennoch glücklich wurden: Die Mutter Teil des Modernisierungsschubs unter Atatürk; der Vater Gelehrter und Publizist einer imaginären islamischen Kultur, die es nicht mehr geben durfte, genauso wie die arabische Schrift. Viel prägender als seine Geschichte als Kind von Migranten sei eben diese widersprüchliche Welt im Elternhaus selbst gewesen, sagte Senocak.

Dieser Sicht stellt der Mediziner und Psychotherapeut Günther Bartl "die Sehnsucht des Menschen nach Einheit im Chaos" gegenüber. Die Spiegelnervenzellen im Gehirn schaffen die Fähigkeit des Menschen, sich in andere intuitiv hineinzufühlen, legen den Grundstein für die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit. Der Verlust, der Zweifel an der Identität löst laut Bartl Überlebensangst aus, eine tief gehende Angst des Menschen.

Derselbe und der andere

Eine Angst, ein Unbehagen, die im Film Erik(a) in einer Szene deutlich spürbar ist. Gealterte ehemalige Trainer, Funktionäre und Ärzte sitzen mit Erik Schinegger im Gespräch zusammen. Es ist von "der Sache" die Rede, von "ihr" statt "ihm", von der Umwandlung. Worauf Schinegger klar stellt: "Ich wurde nicht umgewandelt, ich wurde richtiggestellt." Oder anders gesagt: Ich war und bin derselbe und doch nicht mehr der gleiche.

Eine Definition von "Identität" gelang trotz der unterschiedlichen und teilweise fantasievollen Annäherungen nicht, aber ein Konsens, den der Wiener Philosoph und Komponist Rainer Bischof formulierte: "Würde nur mehr in Kunstförderung investiert werden, nicht finanziell, aber mental, dann würden wir uns viele Krankheiten ersparen und der Menschheit würde es viel besser gehen." Kunst ist also Ausdruck und Metapher der Identität - für den Künstler und den Betrachter.

"Sudern" als Kunstform

Was sagt zum Beispiel der österreichische Film über die Identität des Landes aus. Hierzu erzählte die ORF-Kulturchefin Gabriele Flossmann eine Anekdote. Exilösterreicher wurden in New York einmal gefragt, was ihnen besonders abgehe, worauf sie antworteten: "Das Sudern!" Der österreichische Film hat, so Flossmann, das "Sudern" zur Kunstform erhoben und damit einen Aspekt der österreichischen Identität eine Ausdrucksform gegeben.

Diese Doppelseite entstand in Kooperation mit der GLOBArt-Academy.

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