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"Der Missbrauch der Psychiatrie nimmt zu"

1945 1960 1980 2000 2020

Ende Jänner: Fernsehübertragung von Selbstverbrennungen in Beijing. Angeblich Mitglieder der in China bekämpften Falun Gong-Bewegung. Diese bestreitet die Zugehörigkeit der Opfer zur Bewegung, deren Gründer für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. Hintergrundgespräch mit einem China-Experten.

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Ende Jänner: Fernsehübertragung von Selbstverbrennungen in Beijing. Angeblich Mitglieder der in China bekämpften Falun Gong-Bewegung. Diese bestreitet die Zugehörigkeit der Opfer zur Bewegung, deren Gründer für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. Hintergrundgespräch mit einem China-Experten.

die furche: Beijing verfolgt gegen die Falun Gong eine Doppelstrategie, zum einen geht sie mit massiver Gewalt gegen deren Mitglieder vor, zum anderen hat sie eine Propagandaoffensive gegen die Falun Gong lanciert, mit Videos, CD-Rom und diversen Publikationen. Geht diese Propaganda nicht viel weiter als die gegen die vor einigen Jahren gegründete Demokratische Partei?

Robin Munro: Es handelt sich sicher um die größte Repression seitens der chinesischen Regierung seit 1989. Viele Beobachter sind der Ansicht - und ich stimme da mit ihnen überein -, dass dieses Vorgehen an die Kampagnen in der Kulturrevolution gemahnt, was die Besessenheit, Gewalt und Willkür betrifft. Was auch hervorsticht, ist die verheerende Brutalität der Polizei, die von oben geduldet, wenn nicht gar ermutigt wird.

die furche: Aber auch die Propaganda gegen die Falun Gong geht doch weit über die üblichen Anschuldigungen über die angebliche Gefährdung der Staatssicherheit hinaus.

Munro: Wieder müsste man das mit 1989 vergleichen, der Niederschlagung der Demokratiebewegung. Denn das war das letzte Mal, als die Regierung sich bemüßigt fühlte, ganze Bände von sogenanntem Beweismaterial herauszugeben, das belegen sollte, dass die friedlichen Demonstranten am Tiananmen eine konterrevolutionäre Rebellion ausführten, um die Regierung zu stürzen - was natürlich Unsinn war. Mit dem damaligen sogenannten Beweismaterial wollte die Regierung die internationale Meinung auf ihre Seite bringen. Etwas Ähnliches passiert nun in Bezug auf die Falun Gong. Die Dokumenationen, die die Regierung herausbringt, zeigen, dass es 1.400 Todesfälle unter Falun Gong-Anhängern gegeben hat, weil diese Personen keinen Arzt aufgesucht hätten oder verrückt geworden seien. Das soll die internationale Gemeinschaft überzeugen.

Die Regierung ist sich bewusst, dass es sehr viel westliche Kritik an der Repression der Falun Gong gegeben hat. Auch die zuständigen UNO-Organisationen haben die Repression als eine schwere Verletzung der UN-Standards verurteilt. Beijing ist also unter Druck.

die furche: In westlichen Medien liest man aber auch viel Kritisches über die Bewegung...

Munro: Ich glaube, dass es diesmal leichter war als 1989, zumindest auf einen Teil der westlichen Regierungen Eindruck zu machen, denn Beijing hat den furchterregenden Begriff des Kults verwendet. Von einem bösen Kult zu sprechen, weckt böse Assoziationen. Die Regierung hat also die Falun Gong angekleckert, indem sie sie in ihren Publikationen in eine Reihe mit diversen Kulten wie die Aum Shinrikiyo oder Sonnentempler gestellt hat. Es gibt aber keinerlei Hinweise darauf, dass die Falun Gong ein Kult ist. Ich würde sie eine Sekte nennen...

die furche: Ist das nicht eine künstliche Unterscheidung?

Munro: Aus soziologischer Sicht lassen sich , Kult und Sekte, wie folgt, unterscheiden: Ein Kult erhebt Anspruch auf absolute Wahrheit, ist üblicherweise geleitet von einem charismatischen Führer, der abolute Unterwerfung unter seine Autorität verlangt, er ist ausbeuterisch, erzeugt psychologische Abhängigkeit und versucht, seine Mitglieder, die oft ihr Vermögen dem Kult vermachen müssen, mit Drohungen und Gewalt an einem Austritt zu hindern. Eine Sekte - der Begriff ist soziologisch gesehen nicht pejorativ - ist eine Untergruppe innerhalb einer akzeptierten religiösen Doktrin. Gewisse lutheranische Gruppen etwa sehen sich als Sekten innerhalb der protestantischen Tradition.

Die Falun Gong beruht auf dem Buddhismus und fügt sich auch in eine sehr alte Tradition religiösen Sektentums in China. Seit zumindest mehr als 1.000 Jahren sind religiöse Sekten eine integraler Teil der chinesischen Kultur. Aber leider hat die chinesische Regierung in ihrer Propagandaoffensive gegen die Falun Gong auch deshalb einigen internationalen Erfolg gehabt, weil viele Journalisten die Falun Gong mit den wenigen Beispielen von revolutionären und gewalttätigen Sekten wie den Boxern oder Taipings im vorigen Jahrhundert in Beziehung brachten. Ich halte diese Vergleiche für völlig ungerechtfertigt.

die furche: Das "Beweismaterial" der chinesischen Regierung ist nicht eindeutig. So gibt es zwar Bilder wie das von einem Mann, der sich erhängt hat, aber nichts belegt, dass er Mitglied der Falun Gong war oder dass diese Zugehörigkeit - so sie bestand, etwas mit seinem Selbstmord zu tun hatte.

Munro: Absolut. Es mag ja auch die 1.400 Toten unter Falun Gong-Mitgliedern gegeben haben, von denen die Regierung spricht. Aber wenn man von Millionen Mitgliedern der Falun Gong in China ausgeht, liegt diese Zahl wohl innerhalb der normalen Todesrate, besonders wenn man bedenkt, dass sich in China die meisten Leute heute keinen Arztbesuch leisten können.

die furche: Wie sehen Sie den Vorwurf, dass 30 Prozent der Patienten in psychiatrischen Anstalten Falun Gong-Mitglieder sein sollen?

Munro: Das ist absurd. Es gibt nicht den geringsten Beweis dafür.

die furche: Glauben Sie aber, dass mehr Falun Gong-Praktizierende heute gewaltsam in die Psychiatrie eingeliefert werden als etwa Mitglieder der Demokratischen Partei?

Munro: Der politische Missbrauch der Psychiatrie war in den sechziger und siebziger Jahren besonders schlimm, schien aber seit 1990 zurückzugehen. Weniger politische Dissidenten wurden in den folgenden Jahren eingeliefert. Nun aber gibt es beunruhigende Anzeichen dafür, dass diese Praxis wieder zunimmt. Es ist ein starker Anstieg in den letzten ein, zwei Jahren zu verzeichnen.

die furche: Organisationen wie "Ärzte für Menschenrechte" oder die Weltorganisation der Psychiater haben sich bereits sehr besorgt gezeigt. Sie sprechen von bis zu 1.000 Falun Gong-Praktizierenden, die in psychiatrische Anstalten eingewiesen worden und dort mit Injektionen, Beruhigungsmitteln und Elektroschocks misshandelt worden sein sollen. In mehreren Fällen sollen die Injektionen zu Herzversagen und Tod von Falun Gong-Anhängern geführt haben. Halten Sie das für wahrscheinlich?

Munro: Absolut. Insgesamt hat sich die Menschenrechtssituation in den letzten zwei Jahren massiv verschlechtert. Ich beobachte Menschenrechtsverletzungen in China lange genug und habe genügend fabriziertes Material durchgearbeitet, um zu sagen: Wenn keine unabhängige Überprüfung zulässig ist, glaube ich kein Wort.

die furche: Wenn die Falun Gong, wie sie selbst behauptet, keine politischen Ziele hat, warum hat sie dann im März 1999 ausgerechnet am Tiananmen ihre Großkundgebung abgehalten?

Munro: Es mag schon sein, dass es politisch nicht klug war, diese Kundgebung dort abzuhalten. Es war vorhersehbar, dass darauf eine Repression folgen würde. Aber erstens sollte die Falun Gong das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit haben. Zweitens handelt es sich hier nicht um eine politische Bewegung. Dissidenten wissen, dass sie es mit einer feindseligen Regierung zu tun haben. Die Falun Gong hatte vor dem März 1999 eine Reihe von Problemen mit lokalen Behörden und lokalen Medien. Die Falun Gong-Mitglieder hielten das nicht nur für unfair, sie waren der Ansicht,dass die Lokalbehörden hier gegen die Regierungslinie verstießen. Sie wussten ja, sie sind nicht politisch. Außerdem praktizieren sie Qi Gong, was man nicht wie eine Dissidentenbewegung als vom Ausland geschürt und infiltriert anprangern kann. Qi Gong ist eine einhundertprozentige chinesische Tradition. Die Falun Gong empfanden also ihre Unterdrückung durch Lokalbehörden als ungerecht und beschlossen, sich an die Regierung zu wenden, um sich deren Unterstützung zu versichern. Das mag naiv gewesen sein. Seither hat das Ganze an Dynamik gewonnen. Die Repression hat die Falun Gong nicht eliminiert, sie ist vielmehr eine aktive politische Kraft geworden, nicht in dem Sinn, dass sie nun politische Ziele verfolgt, aber die Regierung hat die Falun Gong zu Chinas erster Massenbewegung des friedlichen zivilen Ungehorsams gemacht. Die Regierung hat sich da klar ins eigene Bein geschossen. Es ist sehr eindrucksvoll, wie Falun Gong Mitglieder, die in der Mehrzahl ganz gewöhnliche, respektable Durchschnittsbürger sind, die nie zuvor daran gedacht hätten, sich irgendwie offen in Opposition zur Regierung zu begeben, nun genau das tun.

Das Gespräch führte Brigitte Voykowitsch.

Zur Person: Experte für den Stand der Menschenrechte in China Der aus Schottland gebürtige Robin Munro hat sein Leben in den Dienst der Menschenrechte gestellt. Zunächst war er in den achtziger Jahren bei der in London ansässigen Menschenrechtsorganisation Amnesty International als Forscher tätig, dann wechselte er zu der in New York ansässigen Human Rights Watch über, deren Direktor er schließlich wurde. Da der Schwerpunkt seines Interesses auf China lag, war er allerdings in Hongkong stationiert. In dieser Funktion gab er Mitte der neunziger Jahre den HRW-Bericht "Death by Default" (Tod durch Vernachlässigung) über die verheerenden Zustände in chinesischen Waisenhäusern heraus. Er arbeitete auch an dem 1993 erschienenen Bericht "Black Hands in Beijing: Lives of Defiance in China's Democracy Movement" mit. Seit Sommer 1999 ist Robin Munro als Forscher an der Universität London tätig, sein Spezialgebiet ist der politische Missbrauch der Psychiatrie in China.

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