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Der Sklavenmarkt vor der Haustür

Sie kommen nicht nur zum Putzen nach Österreich. Auch das Geschäft mit der sexuellen Ausbeutung zwischen Ost- und Westeuropa boomt.

Irina gehört zur Risikogruppe: jung, gut aussehend und aus einer kleinen Ortschaft in Osteuropa. Irina lehnt an der offenen Tür. Wenn die Sommerhitze die ganze Stadt in den Gastgarten treibt, spreizt sogar ein Nachtklub den Einlass weit auf. Doch mit der Offenheit ist es nicht weit her. "Den Mädchen geht es gut hier", antwortet eine resolute Frauenstimme aus dem Lokal. Das beantwortet zwar die Frage, wie es Irina von Rumänien nach Österreich verschlagen hat, nicht. Doch eine Auskunftsperson scheint gefunden, die mehr Informationen verspricht als das verlegene Lächeln von Irina. Die Bardame heißt Branka. Vor genau zehn Jahren, habe sie so an der Tür gestanden wie heute Irina, sagt sie. Mittlerweile seien bei ihr aber alle goldenen Versprechungen des Westens wahr geworden.

Verheiratet mit einem Österreicher und arbeiten hinter der Bar und nicht in den Hinterzimmern der mehr oder weniger noblen Etablissements - Branka hat geschafft, wovon Tausende in Osteuropa nach wie vor träumen. Die meisten jungen Frauen aus Bulgarien, Rumänien, der Ukraine, Moldawien oder Russland treten die Reise in den Westen aus eigenem Willen an. Ein Verwandter oder der "Freund eines Freundes" lockt sie mit einer gut bezahlten Arbeit als Serviererin, Au-pair-Mädchen oder Hausangestellte. Andere folgen einer Kleinanzeige, die ihnen eine steile Karriere als Gogo-Tänzerin und das Blaue vom Himmel verspricht.

Bildhübsche Putzfrauen

"Komischerweise sind alle diese angeblichen Putzfrauen immer jung und bildhübsch", kann sich Gerald Tatzgern, der Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung von Menschenhandel und Schlepperkriminalität im Bundeskriminalamt, einen Seitenhieb auf die Auswahlkriterien nicht verkneifen (siehe auch Interview auf Seite 3). "Aber diese Damen kriegen sehr schnell mit, wo sie hingeraten. Die kommen ja nicht als Haushaltshilfe zu Herrn und Frau Österreicher", fügt Tatzgern hinzu. "Die kommen genau zu diesen Leuten: zu Barbesitzern, zu Nachtklub-Inhabern. Mit Putzen im Gogo-Schuppen fängt es an - dann geht es stückchenweise."

Manche Frauen akzeptieren, dass sie im Zielland als Prostituierte arbeiten werden. "Unter den Lebensumständen in ihrer Heimat, sehen das viele oft als die einzige Möglichkeit, ein ausreichendes Einkommen zu verdienen", erklärt Angelika Kartusch, Spezialistin in Sachen Menschenhandel beim Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte. "Mit dem hier verdienten Geld werden dann auch sehr oft die zurückgebliebenen Kinder und der Rest der Familie zu Hause unterstützt."

15.000 Männer täglich

Push- und Pullfaktoren heißen im Fachjargon die Gründe für die Migrationsbewegungen von Frauen: Geschoben werden sie von Armut, wirtschaftlicher Stagnation, von Kriegen und repressiven politischen Systemen in der Heimat. In den Westen zieht sie die Nachfrage im reproduktiven Arbeitsbereich. Also in Tätigkeiten wie Kranken- und Altenpflege, Hausarbeit, Heirat oder Sexarbeit. Nach Schätzungen der Polizei gehen in Wien wenigstens 15.000 Männer täglich zu Prostituierten.

Irina lehnt noch immer an der Tür. Die Kundschaft lässt heute auf sich warten. "Wenn es so heiß ist, kommen sie immer später", beruhigt Branka. Ist sie gar so etwas wie eine Art Entwicklungshelferin für die jungen Frauen aus dem Osten, den "Nataschas", wie sie zuweilen in Bausch und Bogen verunglimpft werden? "Eigentlich schon, natürlich ja, ein wenig gewiss. Ich kann ihnen schon sehr weiterhelfen - ich sprech' ja auch Russisch und Polnisch." Der Vergleich mit einer Entwicklungshelferin gefällt der Bardame sichtlich. Das entschädigt dafür, dass nur ein kleines Bier und kein großer Schampus bestellt wird. Dass ihr Visavis ein Journalist ist, interessiert Branka nicht. Den Zeigefinger an den Lippen gibt sie gleich eine Einschulung in den Verhaltenskodex ihres Lokals: "Hier kennt man sich nur mit Vornamen - alles andere bleibt draußen." Ein paar Schritte vor die Bar hinaus geht auch Irina, doch die Chefin stampert sie umgehend ins Lokal zurück. In ihrem Klub sei alles legal, widmet Branka sich kurz darauf wieder den Fragen ihres Gastes. Und mit Frauenhandel wolle sie nichts am Hut haben, der schade bloß dem Image der ganzen Branche.

Prinzipiell ist Prostitution in Österreich nicht verboten. Die Ansiedlung der Materie im Polizeistrafgesetz, beklagen Hilfsorganisationen, verschlechtere jedoch die Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiterinnen und begünstige ihre soziale und emotionale Isolation, Ausbeutung und Gewalt sowie den Frauenhandel. Als Beispiel wird hierfür eine - gutgemeinte - Regelung im Jugendschutzgesetz genannt, die Kinder und Jugendlichen verbietet, sich in Räumlichkeiten aufzuhalten, in denen Sexarbeit angebahnt oder ausgeübt wird. Die an und für sich richtige Schutzbestimmung führt jedoch im Widerspruch zur Intention des Gesetzes dazu, dass minderjährige Sexarbeiterinnen unter anderem dadurch auf den weitaus gefährlicheren Straßen- bzw. Babystrich gedrängt werden.

Was den Frauenhandel betrifft, hinken die gesetzlichen Bestimmungen in Österreich ebenfalls den tatsächlichen Gegebenheiten hinterher. Das Gesetz deckt nur den Handel in die Prostitution, nicht aber alle anderen Formen des Menschenhandels ab. "Sicher eine Lücke", kommentiert Angelika Kartusch dieses Manko, "die sich aber hoffentlich bald schließen wird." Denn Österreich hat bereits das UNO-Protokoll gegen Menschenhandel unterzeichnet, das alle Formen von Menschenhandel mit einbezieht.

Maria Cristina Boidi, Koordinatorin beim Verein LEFÖ, nach wie vor die einzige Betreuungsstelle für Opfer des Frauenhandels in Österreich, wehrt sich allerdings dagegen, Frauenhandel auf die Sphäre der Kriminalität zu reduzieren: "Frauenmigration kann nicht mit Frauenhandel gleichgesetzt werden, aber Frauenhandel ist in einen internationalen Migrationsprozess eingebettet." Im aktuell erschienenen Tagungsband "Migration von Frauen und strukturelle Gewalt" schreibt Boidi: "Wenn wir von Frauenhandel sprechen, meinen wir jede Art von Geschäftemacherei, Benutzung, Missbrauch, Ausbeutung und Gewalt im Kontext des Migrationsprozesses von Frauen und das Ausnützen der Notwendigkeit, zu migrieren. Wir meinen damit nicht nur die Zwangsprostitution, sondern auch Hausangestellte in (Diplomaten)Haushalten und auch den Handel in die Ehe."

Branka, die Dame hinter der Bar, hat ihren Chef geheiratet. Jetzt leitet sie dieses Lokal in der Hauptstadt und ihr Mann kümmert sich um ein weiteres "Geschäft" in Niederösterreich. "Alle wollen sie heiraten", sagt Branka und schielt verächtlich zu Irina hinüber. Die lächelt verlegen. Branka wirft ihrem Blick ein paar russische Worte als Erklärung hinterher. Irinas Lächeln wird nur noch gequälter.

Frauen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren, ohne Schulabschluss, in ländlichen Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit zu Hause - so definiert Angelika Kartusch die am stärksten betroffene Risikogruppe für Frauenhandel. Mit Informationskampagnen für diese Mädchen und Frauen könne eine der Hauptursachen des Frauenhandels - der Informationsmangel bei den potenziellen Opfern über die Methoden der Händler - am besten bekämpft werden, ist Kartusch überzeugt. Die Frauen sollen damit keineswegs von der Migration abgehalten werden, stellt Kartusch den vorrangigen Sinn solcher Kampagnen klar. Es gehe vielmehr darum, die Frauen auf die versteckten Gefahren aufmerksam zu machen. Und was hält sie von einer Sensibilisierungskampagne unter österreichischen Männern? Ein Gütesiegel für Gogo-Bars, in denen keine gehandelten Frauen beschäftigt werden? Angelika Kartusch kann dieser Idee durchaus etwas abgewinnen: "Es kommt ja auch vor, dass Freier Fälle von Frauenhandel zur Anzeige bringen." Branka gefällt der Einfall nicht: "Das klebt sich doch jeder an die Tür." Für sie ist der Hinweis, dass in ihrem Lokal Kreditkarten aller Art akzeptiert werden, Gütesiegel genug. Dass man in anderen Ländern mit solchen Sensibilisierungsmaßnahmen bereits Erfolg gehabt habe, hält sie für ein Märchen.

Fernsehkampagne für Freier

Dabei hat eine Fernsehkampagne in Italien, die potenziellen Freiern klar vor Augen führte, welche Gewalt Prostituierten angetan wird, nicht nur zu öffentlicher Erregung, sondern auch zu einer spürbaren Solidarisierung mit den Opfern von Frauenhandel geführt. Eine Folge davon ist, dass sich Italien verpflichtet hat, die Berufsausbildung (EDV-Bereich und Gastgewerbe) abgeschobener nigerianischer Frauen zu unterstützen.

Trotz der Bedeutung von Sensibilisierungsmaßnahmen für Opfer des Frauenhandels warnt die Sozialethikerin Luzenir Caixeta aber davor, Sexarbeit auf Frauenhandel zu reduzieren. Caixeta arbeitet bei MAIZ, einem "Integrationszentrum von & für Migrantinnen" in Linz. 85 Prozent der in Oberösterreich tätigen Sexarbeiterinnen sind Migrantinnen, rechnet sie vor. Die überwiegende Mehrheit von ihnen sei aber nicht durch Frauenhandel ins Land gekommen. "Für diese Frauen ist die Sexarbeit momentan die einzige Alternative." Caixeta plädiert deswegen für eine generelle Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen in Österreich.

Ein Mann betritt den Nachtklub. Irinas Arbeitsbedingungen verändern sich damit auch schlagartig. Branka grinst über das ganze Gesicht und grüßt den Mann mit Vornamen. "Wenn es heiß ist, kommen sie immer später." Die Chefin hat Recht behalten. Die schwere Eisentür geht zu. Jetzt will man unter sich sein.

BUCHTIPP:

MIGRATION VON FRAUEN UND STRUKTURELLE GEWALT.

Hg. von der Arbeitsgruppe Migrantinnen und Gewalt, Milena Verlag, Wien 2003, brosch., 238 Seiten, e 18,90.

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